Beiträge von Nieburg

    Ich denke, also bin ich, aber ich weiß, daß ich nichts weiß; rede ich noch oder sehe ich schon fern?


    Eine Groteske von Wolfgang Nieburg


    Als sich etwa (und hier gehen die Meinungen der Leipziger Molekularanthropologen um Svante Pääbo etwas auseinander) im Zeitraum zwischen dem Frühling des Jahres 200.000 und dem Spätherbst des Jahres 160.000 vor Christus der Homo erectus aufgrund der Mutation des FoxP2-Gens (auf dem q-Arm des Chromosom 7 zu finden) zum kommunizierenden Homo sapiens sapiens entwickelte, fingen die wirklichen Probleme des Cro-Magnon-Menschen und ersten Steinzeitrethorikers erst an. Dem babylonischen Sprachengewirr folgten die Selbstzweifel des belesenen Neuzeitmenschen.


    Stellen sich heutzutage dem durchschnittlich begabten Akademiker Lektüre und Interpretation der Lieder Dantes oder der Satiren Juvenals - trotz ausführlicher Fußnoten – schon als intellektuell unüberwindliche Hindernisse dar, steigern sich seine Existenzängste nach dem Verständnis der Werke von Heidegger, Kirkegaard und Nietzsche ins schier Unermessliche. In einigen wenigen Fällen sollen die Parerga und Paralipomena I und II, die Aphorismen zur Lebensweisheit Schopenhauers noch Schlimmeres verhindern geholfen haben; meistens verliert sich der Leser jedoch anschließend in den Kraakenarmen der Jünger Siggi Freuds oder er fällt irgendwelchen Sekten zum Opfer.


    Die gemeine Couch Potato dagegen zappt sich seit Beginn der achtziger Jahre in einem Zustand ähnlich dem einer transzendentalen Meditation munter durch den mittlerweile digitalisierten Free-TV-Schleim, den ihm die Satellitenschüssel auf den Screen liefert. Wie Sinn entleert sich dies zumeist darstellt, sei stellvertretend auch für andere Sender an einem kürzlich ausgestrahlten Streifen im Kabel 1 - Programm erläutert. Hier wurde im Vorabendprogramm einer der üblichen „der einsame Rächer“-Filmchen (Titel: Eine gefährliche Affäre – Revenge) abgeliefert. Kurzstory: Der gute Vietnam-Veteran – dargestellt durch Kevin Costner - wird um die Liebe seines Lebens (Madeleine Stowe) gebracht, weil der böse Rivale aus niedrigen Beweggründen eben diese große Liebe in Form der Angebeteten physisch unsanft zerstört. Was dann zwangsläufig folgt, ist eine 124- minütige Verfolgungsjagd, die von reichlich Werbeunterbrechungen verwässert wie zusätzlich verlängert wird, dem Guten Einiges abverlangt und in einer von ihm provozierten Notwehrsituation den finalen Rettungsschuss (= Happy End) erzwingt. Soweit so gut, wäre nicht eben dieser finale Rettungsschuss in vorauseilendem Gehorsam vor der freiwilligen Selbstkontrolle (FSK oder FSF) aus dem Film herausgeschnitten worden.


    Nun macht aber ein „einsamer Rächer-Film“ ohne den selbstgerechten Blattschuss irgendwie keinen Sinn. Ob die Darstellung des präzisen Kopfschusses, dem der von Anthony Quinn dargestellte Bösewicht letztendlich erlegen sein dürfte, das mehr als zweistündige Vorspiel gerechtfertigt hätte, bleibt dahingestellt. Der Zuschauer fühlt sich um die ausgleichende Gerechtigkeit für das Ertragen dieses Streifens (Filmkritik: „belanglos“) und der Werbeunterbrechungen betrogen. Das schafft Reaktanz (nicht-soziale Quelle der Bedrohung: die Freiheit wird durch unkontrollierbare Umstände eingeschränkt).


    Die Konsequenz daraus (Wiederherstellung der Freiheit) ist der Kauf einer DVD (ohne Schnitte, ohne Werbung, ohne meist mehr als weniger offensichtliche Wahlkampfselbstdarstellungen der Parteielefanten). Auch hier keine halben Sachen machen! Da bietet sich die vom ARD im vergangenen Jahr sträflicherweise ins späte Nachtprogramm verlegte - und häufig ohne weitere Ankündigung ausgefallene „etwas andere Familienserie“ - „Die Sopranos“ an. Die ersten vier Staffeln – auf insgesamt 18 DVD´s gebrannte 1800 Minuten Spieldauer – zeichnen sich bedauerlicherweise durch sehr vulgäre Sprachverwendung aus, die sich wie eine verbale Analdemenz im dritten Stadium durch die Dialoge zieht. (Repräsentatives Zitat aus der zweiten Staffel: „Ich habe gerne scheiss schwanzlutschenden Käse auf meinen Schuhen“). Würde man allein das kursiv geschriebene Wort aus den gesamten Dialogen streichen, würden diese etwa um ein Drittel schrumpfen. Die Technik bietet jedoch Abhilfe: Man kann den Ton ausblenden oder eine Fremdsprache auswählen, die man nicht versteht und dann die Untertitel in der Muttersprache wählen. Diese sind nämlich um die Kraftausdrücke gekürzt.


    Letzte Hoffnung und zugleich der Königsweg aus diesem Dilemma scheint der neue Film von George A. Romero, „Land of the Dead“ zu sein: Denn Zombies reden nicht….