Suche ein Land zum Auswandern

  • Also, ich wüsste nicht, dass wir beide schon eine Apfelschorle zusammen getrunken hätten, dass du beurteilen kannst, ob ich "Zwangsoptimist" oder "Realist" bin.


    Inwieweit verdränge ich denn Ängste?

  • Ich würde es auch so sehen, dass es einige Fehlentwicklungen in Deutschland gibt. Das ist aber auch nicht verwunderlich angesichts der Vielzahl von Problemen, deren Lösungen sich zum Teil gegenseitig im Weg stehen. Obwohl die wenigsten von uns das entsprechende Alter erreicht haben dürften, scheinen viele die gegenwärtige Situation in Deutschland mit den 1950er und 1960er Jahren zu vergleichen. Dabei war diese Phase des Booms eine absolute Ausnahmesituation, die sich auch nicht ohne Weiteres wiederholen wird. Unter diesen Bedingungen ist es schwierig, die zahlreichen Zielkonflikte (Umweltschutz, soziale Absicherung, Vollbeschäftigung, Geldwertstabilität, geringe Kriminalitätsrate, Zuverlässigkeit der Verwaltung, Schutz der Privatsphäre) einigermaßen befriedigend zu lösen. Und das schreibe ich als jemand, der sich dank der Bedingungen seiner Branche von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln muss, mit einigen weiteren Nachteilen, die für viele hier völlig unannehmbar wären.


    Wenn man sich Staaten ähnlicher Größe wie Deutschland ansieht, dann finde ich die Schwarzmalerei gerade gegenüber Menschen problematisch, die in weitaus schwierigeren Umständen leben müssen als wir in Deutschland. Dieses Land mit den skandinavischen Staaten zu vergleichen, funktioniert nicht so ohne Weiteres. Und ich wäre mir auch nicht sicher, ob jeder hier über die Zustände dort immer so glücklich wäre.

  • Zitat

    Original geschrieben von autares
    Bei deinen Ausführungen mache ich mit erneut Gedanken über deine psychische Standfestigkeit. Denk mal positiv!


    Zitat

    Original geschrieben von autares
    Also, ich wüsste nicht, dass wir beide schon eine Apfelschorle zusammen getrunken hätten, dass du beurteilen kannst, ob ich "Zwangsoptimist" oder "Realist" bin.


    Wir haben auch noch keine Apfelschorle miteinander getrunken... und selbst dann bist du nicht derjenige, der mich beurteilen kann oder sich Gedanken um mich machen müsste.

    Ich dachte immer es sei technisch unmöglich mit jemandem Sex zu haben, der Dörte heißt...

  • Zitat

    Original geschrieben von Printus
    Wenn aber weltweit alles zum Erliegen kommt und in jedem Land flächendeckend keine Wirtschaft mehr stattfindet, bricht Chaos aus. Ratzfatz sind die Supermärkte zu, Wasser- und Stromversorgung außer Betrieb, Plünderer unterwegs.


    Mich würde auch mal interessieren, wie du auf solche apokalyptischen Szenarien kommst. Die deutsche Geschichte hat gezeigt, dass selbst in Zeiten größter Not und dem praktischen Zusammenbruch von staatlichen Strukturen kein Chaos ausbricht, sondern sich die Leute ganz gesittet benehmen. Als Beispiele sei z.B. der 2. Weltkrieg genannt, als selbst bei Hunger und Zerstörung der meisten Städte keine plündernden Horden durch die Dörfer zogen, sondern sich die Leute ganz brav mit ihrer Essensmarke angestellt haben. Selbiges gilt in der Zeit zwischen '45 und '48. Ich sehe keine Anzeichen, dass sich diese Verhaltensweisen erheblich geändert haben sollten. Neustes Beispiel ist die Flut Mitte des Jahres gewesen: Anstatt in Chaos zu versinken, weil ganze Landstriche von der Außenwelt abgeschnitten waren, hat man, anstatt den nächsten Edeka auszuplündern, gemeinsam Sandsäcke gepackt und Abends bei Kerzenschein ein Bier getrunken. :D

  • Zitat

    Original geschrieben von Robert Beloe
    Wenn man sich Staaten ähnlicher Größe wie Deutschland ansieht, dann finde ich die Schwarzmalerei gerade gegenüber Menschen problematisch, die in weitaus schwierigeren Umständen leben müssen als wir in Deutschland. Dieses Land mit den skandinavischen Staaten zu vergleichen, funktioniert nicht so ohne Weiteres. Und ich wäre mir auch nicht sicher, ob jeder hier über die Zustände dort immer so glücklich wäre.


    Ich halte auch wenig bis nichts von derartigen Statistiken, denn es sind individuelle Menschen, die ihre Lebensumstände - ein Mosaik diverser Einflüsse - annehmbar finden oder auch nicht. Die Zufriedenheit statistisch zu erfassen gibt vielleicht ein generelles Meinungs-/Stimmungsbild, sagt aber nichts über einzelne Menschen, einzelne Gruppen, und nichts über die objektiven Lebensbedingungen vor Ort.
    Erwiesen ist, dass große soziale Unterschiede in der peer group zu Unzufriedenheit führen, d. h. jemand, der als Armer inmitten eines riesengroßen Armenviertels lebt, empfindet sich weitgehend als "gleichwertig" und "nicht benachteiligt", was er ja tatsächlich nicht ist in seinem Umfeld.


    Die Ungerechtigkeiten im Vergleich mit Extremen aus anderen Teilen der Welt gewinnen in einer globalisierten Welt immer mehr an Bedeutung. Andererseits sind es aber auch Totschlagsargumente. In Deutschland verhungert dank der Grundsicherung zwar niemand, aber deswegen müssen/können sich Menschen in hiesigen prekären Verhältnissen noch lange nicht als Glückspilze sehen. Man steht immer im Verhältnis zu den Umgebungsbedingungen, der Hartz IV-Satz wäre in den ärmsten Gegenden der Welt ein Vermögen, was aber keinerlei Nutzen oder Glücksgefühl erzeugt weil es den Leuten dort nicht zur Verfügung steht und der deutsche Hartz IV-Bezieher auch nichts davon hat, dass seine Grundsicherung anderswo eine große Kaufkraft hätte. Hier hat sie es nicht - und das zählt.

    Ich dachte immer es sei technisch unmöglich mit jemandem Sex zu haben, der Dörte heißt...

  • Printus, ich finde nicht, dass dieser Hinweis auf vergleichsweise sehr gute Lebensbedingungen ein Totschlagargument ist - vor allem dann nicht, wenn es um die Frage geht, wohin man auswandern soll, weil hier die Situation so schlecht sei. Da sehe ich schon das Problem, dass, wohin man auch auswandern möge, die Lage keinesfalls signifikant besser, sondern oft sogar deutlich schlechter ist, und das nicht nur in ökonomischer Hinsicht. Da hilft auch der Hinweis auf die Schweiz oder die skandinavischen Länder nicht sehr viel weiter - diese Staaten lassen sich schon angesichts ihrer Größe mit Deutschland nicht vergleichen. Das bedeutet nicht, dass hier alles in Butter ist, beileibe nicht. Aber dass alles nicht in Butter ist, liegt eben auch an den von mir angeführten Zielkonflikten, die sich nicht so ohne Weiteres auflösen lassen.


    Mag sein, dass die Menschen in Armutsvierteln in Entwicklungsländern glücklicher sind, weil die Einkommensunterschiede nicht so groß sind (wobei ich diesen Befund in mehrfacher Hinsicht bezweifeln würde). Das hilft mir aber dann nicht weiter, wenn ich eine komplexe medizinische Behandlung benötige, die ich in wohlhabenden Sozialstaaten wie der Bundesrepublik auch als Arbeitslosengeld II-Empfänger erhalte, die aber in Indonesien beispielsweise längst nicht jedem zugänglich ist.

  • Zitat

    Original geschrieben von Jimmythebob
    Mich würde auch mal interessieren, wie du auf solche apokalyptischen Szenarien kommst. Die deutsche Geschichte hat gezeigt, dass selbst in Zeiten größter Not und dem praktischen Zusammenbruch von staatlichen Strukturen kein Chaos ausbricht, sondern sich die Leute ganz gesittet benehmen. Als Beispiele sei z.B. der 2. Weltkrieg genannt, als selbst bei Hunger und Zerstörung der meisten Städte keine plündernden Horden durch die Dörfer zogen, sondern sich die Leute ganz brav mit ihrer Essensmarke angestellt haben. Selbiges gilt in der Zeit zwischen '45 und '48. Ich sehe keine Anzeichen, dass sich diese Verhaltensweisen erheblich geändert haben sollten. Neustes Beispiel ist die Flut Mitte des Jahres gewesen: Anstatt in Chaos zu versinken, weil ganze Landstriche von der Außenwelt abgeschnitten waren, hat man, anstatt den nächsten Edeka auszuplündern, gemeinsam Sandsäcke gepackt und Abends bei Kerzenschein ein Bier getrunken. :D


    Ich habe mit Katastrophenprävention zu tun und kenne entsprechende Pläne und Vorbereitungen... Das wird öffentlich nicht großflächig diskutiert und das ist auch okay, man muss die Bevölkerung nicht jeck machen mit Dingen, die nicht gegenwärtig sind und vielleicht nicht passieren. Vorbereiten und denken muss sie aber jemand.
    Dabei wird - allein aus finanziellen und logistischen Gründen - immer eher noch an der unteren Grenze agiert weil man keine parallele Schattenwelt zur Versorgung eines Millionenvolkes schaffen kann.


    Der 2. Weltkrieg und die paar Tage Flut sind schlechte Beispiele: da kam es nicht zum Erliegen öffentlicher Strukturen. Es gab immer staatliche Strukturen, die für Ordnung gesorgt haben. Du kannst aber in jedem Szenarium, in dem die bürgerliche Ordnung zum Erliegen kommt, davon ausgehen, dass Anarchie eintritt.


    Ein Crash des weltweiten Finanzssystems wird zwar nicht die demokratischen Strukturen zerstören und deswegen wird das auch nicht in die totale staatliche Anrchie führen, aber denke nur mal nach welche Folgen der Ausfall von Wasser, Strom und Einkaufsmöglichkeiten hat. Wie lange könntest du weitermachen ohne Probleme? Mit Glück ein paar Stunden. Wie lange können Krankenhäuser, Altenheime, Kindergärten etc. weitermachen?


    Als junger, erwachsener Mensch ohne Verantwortung für Dritte nimmst du es ein paar Tage lang sportlich. Wenn du aber ein Kind hast, zum Beispiel, oder einen geliebten Menschen im Krankenhaus, wartest du dann auch einfach ab wann die Infrastruktur wieder funktioniert? Oder wirst du eher relativ schnell aktiv um die Versorgung sicherzustellen?


    Mal ganz abgesehen von moralisch weniger gefestigten Leuten, die ihre Chance sehen, interessante Läden auszuräumen...


    Wir haben bei Stromausfällen in New York oder der Überflutung von new Orleans gesehen, wie schnell Zivilisation kippt wenn es dicke kommt. Da bricht unsere, von vielen für unstürzbar gehaltene, zivile Ordnung schnell in sich zusammen.


    Niemand sagt, dass das so passiert oder kurz bevorsteht. Wahrscheinlich kommt es nie, oder nicht in dieser Schärfe. Aber so zu tun als sei alles locker-flockig, als sei unsere Zivilisation unangreifbar geworden, das ist ein gewaltiger Irrtum.

    Ich dachte immer es sei technisch unmöglich mit jemandem Sex zu haben, der Dörte heißt...

  • Zitat

    Original geschrieben von Robert Beloe
    Printus, ich finde nicht, dass dieser Hinweis auf vergleichsweise sehr gute Lebensbedingungen ein Totschlagargument ist - vor allem dann nicht, wenn es um die Frage geht, wohin man auswandern soll, weil hier die Situation so schlecht sei.


    Das stimmt. Natürlich bietet sich einem Auswanderer primär ein Land mit hohem Lebensstandard und einer relativ großen Gesamtzufriedenheit an weil die Wahrscheinlichkeit dort am größten ist, von den positiven Bedingungen auch selber zu profitieren.


    Zitat

    Original geschrieben von Robert Beloe
    Da sehe ich schon das Problem, dass, wohin man auch auswandern möge, die Lage keinesfalls signifikant besser, sondern oft sogar deutlich schlechter ist, und das nicht nur in ökonomischer Hinsicht. Da hilft auch der Hinweis auf die Schweiz oder die skandinavischen Länder nicht sehr viel weiter - diese Staaten lassen sich schon angesichts ihrer Größe mit Deutschland nicht vergleichen. Das bedeutet nicht, dass hier alles in Butter ist, beileibe nicht. Aber dass alles nicht in Butter ist, liegt eben auch an den von mir angeführten Zielkonflikten, die sich nicht so ohne Weiteres auflösen lassen.


    Ich hatte ja weiter oben schon ausgeführt, dass Auswandern nicht die generelle Lösung für alle Probleme sein kann. Schaut man sich z. B. die Abhöraffaire an und fühlt sich unwohl wegen der Verletzung seiner Privatsphäre, kann man auswandern wohin man will - es wird das Kernproblem nicht lösen. Ich habe das Unwohlsein der TE auch eher so verstanden, dass es nicht die konkreten Lebensumstände sind, sondern eher eine generelle Unlust mit den allgemeinen Verhältnissen. Dem wird man aber durch rein territoriale Veränderungen nicht abhelfen können.


    Zitat

    Original geschrieben von Robert Beloe
    Mag sein, dass die Menschen in Armutsvierteln in Entwicklungsländern glücklicher sind, weil die Einkommensunterschiede nicht so groß sind (wobei ich diesen Befund in mehrfacher Hinsicht bezweifeln würde).


    Sie sind nicht glücklicher, das wäre ja auch komisch. Sie empfinden aber weniger Sozialneid oder Ungerechtigkeit im Vergleich zum Umfeld. Logisch, oder?


    Zitat

    Original geschrieben von Robert Beloe
    Das hilft mir aber dann nicht weiter, wenn ich eine komplexe medizinische Behandlung benötige, die ich in wohlhabenden Sozialstaaten wie der Bundesrepublik auch als Arbeitslosengeld II-Empfänger erhalte, die aber in Indonesien beispielsweise längst nicht jedem zugänglich ist.


    Es "hilft" indirekt weil jeder in seiner Umwelt lebt und unerreichbare Ziele als Wunschtraum, nicht aber als realistische Möglichkeit wahrnimmt. Der Indonesier wird, um in deinem Beispiel zu bleiben, eine Behandlung, die er sowieso niemals erlangen könnte, nicht als ernsthafte Option betrachten und sich deswegen auch nicht pausenlos mit dem Erreichen eines unmöglichen Ziels beschäftigen.

    Ich dachte immer es sei technisch unmöglich mit jemandem Sex zu haben, der Dörte heißt...

  • Das impliziert aber, dass Sozialneid eine menschliche Grundeigenschaft ist. Das würde ich so nicht unterschreiben. Wichtig ist, dass die Gesundheitsversorgung für alle gewährleistet ist und dass alle Menschen teilhaben können an unserer Gesellschaft. Dafür ist aber kein I-Phone und keine S-Klasse nötig, und ich bin mir sicher, dass das eine ziemlich weit verbreitete Sicht ist.


    Was sich (dringend) ändern muss, sind die Bedingungen für Menschen mit sogenannten prekären Beschäftigungsverhältnissen. Hier sehe ich gegenwärtig aber weniger ein Problem für deutsche Staatsbürger als vielmehr für Bürger aus anderen EU-Ländern, die hier als Wanderarbeiter auf unwürdige und menschenverachtende Weise ausgebeutet werden. Das ist m.E. die viel wichtigere Baustelle.

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