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Original geschrieben von kkrammer
geh schmarrn, die Lage war damals - mit Verlaub - scheiße^2. Club of Rome Anfang der 70er: die Grenzen des Wachstums sind erreicht, das Öl geht uns bald aus; In Österreich wurden die "Energieferien" eingeführt, eine Woche im Februar frei, weil man die Schulen nicht mehr heizen konnte/wollte. Ein Tag autofrei pro Woche noch dazu.
"so gut wird es uns nie wieder gehen" - war eine Schlagzeile einer großen Zeitung hier, Anfang der 80er, Rezession.
Naja, die allgemeinen Untergangsszenarien gab es immer, das gehört seit Jahrtausenden dazu. Dass das Öl zu Ende geht ist auch jetzt Thema - was mich nicht beunruhigt weil die Menschheit sich durch solche Zwänge fortentwickelt und erst Schwung in die Entwicklung alternativer Antriebe kommt wenn das Öl tatsächlich zu teuer wird um als primärer Energieträger in der Fortbewegung zu dienen.
Der Unterschied heute ist aber: Klimaerwärmung, Atomkraft, das Ozonloch und ähnliche Dinge haben tatsächlich das Potential den kompletten Globus in Gefahr zu bringen. Da geht's nicht mehr nur um Schwarzmalerei von Leuten, die in persönlich weniger glücklichen Umständen leben und dieses verallgemeinern.
Wenn die Kriegsgeneration, so überhaupt noch jemand lebt, sagt, dass sie nicht glaubten zu überleben, verstehe ich das. Da hatten viele Leute zu Recht das Gefühl, dass alles untergehen wird und niemand den Krieg überleben wird.
Wenn man sich heute Gedanken wegen der globalen Umweltprobleme und Finanzkrisen mit weltweitem Sprengpotential macht ist das auch nicht falsch.
Wenn aber Leute aus den 70er und 80er Jahren von Perspektivlosigkeit schadronierten erscheint es eher albern weil die allgemeine Lage unter dem Strich nie besser war als in dieser Zeit. Zumindest gilt das für Westdeutschland. Mag sein, dass Ostdeutsche das noch anders sehen. Wobei selbst da viele sagen, dass das Leben in der DDR halbwegs OK war solange man nicht aneckte.
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Original geschrieben von kkrammer
Apropos Schule: uns wurde mehrmals ein Endzeitfilm vorgeführt, the day after oder so, der von den Nachwirkungen einer Atombombenexplosion handelte, toll, alle haben sich gefürchtet ohne Ende, es wurde über das Aufsuchen von Schutzbunkern und die richtige Lagerung von Lebensmittelvorräten diskutiert.
Da gebe ich dir Recht. Die Atomwaffendiskussion, Pershing 2 und solche Sachen vermittelten latent den Eindruck, auf einem Pulverfass zu sitzen und konnten einem Sorgen machen. Andererseits war das aber auch weit weg denn wenn man - wie die meisten Leute in ganz normalen bürgerlichen Verhältnissen - einen auskömmlichen Job hatte, gute soziale Kontakte und wenige Geldsorgen oder Zukunftsängste war das Leben im Großen und Ganzen in Ordnung. Die Bedrohung war nur virtuell, nicht für jeden persönlich spürbar, denn vor der Haustür schien die Sonne, alles war idyllisch und schön und das Leben hatte ein angenehmes Tempo.
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Original geschrieben von kkrammer
Und was mich auch oft um den Schlaf gebracht hat: Terrorismus, konkret die RAF, aber auch - in Wien - der OPEC-Überfall, in München Terror bei Olympia.
Da wurde allerdings sehr übertrieben weil die RAF zu jeder Zeit eine eher kleine Gruppierung war, lass' es mal jeweils 10-20 Mitglieder im harten Kern gewesen sein. Die Wahrscheinlichkeit des Bürgers, in eine RAF-Terroraktion zu geraten, war daher sehr klein. Obendrein richtete sich die terroristische Aufmerksamkeit gegen den "militärisch-industriellen Komplex". Wenn man nicht gerade Politiker, Konzernchef oder Bankvorstand war gehörte man nicht zur Zielgruppe von Anschlägen.
Der heutige Terror ist da wesentlich gefährlicher weil er sich bewusst gegen unschuldige Menschen richtet. Man will die Ungläubigen abstrafen und überzogene Reaktionen der westlichen Politik provozieren. Immer wieder weisen Sicherheitspolitiker darauf hin, dass Deutschland Rückzugsraum für Islamisten und "allgemeiner Gefahrenraum" sei.
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Original geschrieben von kkrammer
Was mit Arbeit so toll gewesen sein soll? die 70er brachten den Anwerbestopp für Gastarbeiter, da plötzlich die eigene Arbeitslosigkeit in die Höhe schnellte, Stichwort Ölkrise. Wir hatten Inflationsraten von über 10% und das Wort "Massenarbeitslosigkeit" war geboren. Leitsatz des österr. Kanzlers: lieber ein paar Milliarden mehr Schulden als ein paar Hunderttausend mehr Arbeitslose.
Über Österreich kann ich nicht urteilen, aber in Deutschland war der Normalfall, dass man eine Lebens-Arbeitsstelle hatte und der Mittelstand auskömmlich verdiente.
Heute: "Laut einer aktuellen Veröffentlichung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) war das Nettovermögen von hochgerechnet rund 6,6 Billionen Euro im Jahr 2007 (ohne PKW und Hausrat) sehr ungleich verteilt. Auf die – gemessen an der Höhe des Vermögens – oberen 10 Prozent der Personen über 17 Jahre entfielen 61,1 Prozent des Vermögens – allein das oberste Prozent konnte etwa 23 Prozent des gesamten Vermögens auf sich vereinen. 27,0 Prozent der erwachsenen Bevölkerung verfügten über kein Vermögen oder waren verschuldet. Die untersten 70 Prozent der nach dem Vermögen sortierten Personen hatten im Jahr 2007 einen Anteil am Gesamtvermögen von weniger als 9 Prozent."
(Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)
Mit anderen Worten: die Schere geht immer weiter auseinander. Oben eine kleine Gruppe extremer Spitzenverdiener, unten eine große Masse von Menschen am Existenzminimum. [URL=http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,678397,00.html]14%[/URL] der Deutschen sind arm, das ist ein Drittel mehr als noch vor 10 Jahren.
Es ist objektiv falsch wenn behauptet wird, dass es den Leuten früher wirtschaftlich schlechter ging. Es ging ihnen besser als der Generation vor und der Generation nach ihnen.
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Original geschrieben von kkrammer
Alles in allem war es die mieseste Zeit nach dem Weltkrieg: die Nachkriegseuphorie ist der Angst vor einem Atomkrieg, vor Arbeitslosigkeit und vor Umweltzerstörung gewichen.
Das Gegenteil ist der Fall. Nach den harten Kriegs- und Nachkriegsjahren sowie dem oben dargestellten sozialen Rutsch seit der Jahrtausendwende waren die 1960er-, 70er- und 80er Jahre objektiv die beste Zeit in Land. Das magst du für dich selber vielleicht anders betrachten, in der Masse trifft es aber zu.
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Original geschrieben von kkrammer
Dagegen Ende 80er: Fall des Eisernen Vorhangs, Friedensdividende, Fall der innereuropäischen Grenzen, technologische Revolutionen, keine Inflation mehr, Bildungsexplosion, grenzenlose Freiheiten .... ne, meine Kindheit war zum schmeißen, aber die letzten ~20 Jahre waren geil. Und es wird noch immer besser.
Ende der 80er war es tatsächlich sehr angenehm: der ganze Mist im Ostblock zerfallen und Aufbruchsstimmung in den Völkern. Währenddessen noch keine Bedrohungen durch die Globalisierung oder flächendeckende soziale Schlagseite. Wenn du Elektronik gekauft hast war sie teuer, aber sie funktionierte zuverlässig und du hattest lange Freude an den Spielzeug. Ein Gerät, das vor Bugs strotzt und bei den Kunden reift? Undenkbar!
Dass man heute chicke Smartphones besitzt und moderne Autos fährt ist schön, aber wann warst du zuletzt wirklich richtig zufrieden mit einem Produkt weil die Qualität in jeder Hinsicht stimmte? Insgesamt gesehen fühlten sich die Leute damals besser. Unsere Fortschritte sind teuer erkauft und haben nicht zur Folge, dass es allen besser geht. Eher im Gegenteil...