Obwohl ich deine Abneigung gegen Schäuble teile ist er nicht das alleinige Problem. Es ist auch nicht "der Euro" der einzige Auslöser, sondern eher ein unheilvolles Konglomerat verschiedener Entwicklungen:
- die EU war seinerzeit nicht nur als wirtschaftlicher Verbund gedacht, sondern man wollte auch gemeinsame Werte vertreten. Das hätte bei ein paar Kern-Staaten auch funktioniert, aber es kamen im Laufe der Zeit zu viele Nationen dazu, insbesondere auch solche, die eigentlich nicht reinpassen. Wenn man zwischenzeitlich gar über einen Beitritt der Türkei diskutiert ist das absurd. Welche weltanschaulichen Werte wir mit Anatolien teilen kann niemand darlegen. Es geht also kaum noch um Werte, sondern nur um die wirtschaftlichen Aspekte.
- überdies eine Wirtschaftsunion zu schaffen war eine gute Idee und auch der Euro war eine gute Idee. Man hätte aber viel besser überlegen müssen wie man mit unterschiedlichen Wirtschaftsleistungen umgeht. Das ist sträflich vernachlässigt worden und jetzt konnte nicht mehr unter der Decke gehalten werden, was jedem normal denkenden Menschen schon lange klar ist: dass es nicht funktioniert wenn diverse nationale Interessen und unterschiedliche BIPs in einen Topf geworfen werden. Das kann nicht ohne Verwerfungen klappen wenn die Wirtschaftsleistungen der der Beteiligten sehr unterschiedlich sind.
- Der Euro hat Deutschland insofern viel gebracht als unsere Wirtschaft sehr stark davon profitiert habt, wir sind eine Exportnation. Wer also sagt, dass es für uns als Nation schlecht war, liegt falsch. Dennoch, für die Bürger brachte der Euro starke Teuerungen und Reallohnverluste, denn die Gewinne landeten nicht in den Taschen der Bürger, sondern bei Unternehmern, Anlegern und Banken, während die Bürger bei der Umrechnung verarscht wurden:
- der Lohn wurde säuberlich 1:1 umgerechnet, aber Waren und Dienstleistungen gerundet, um möglichst wieder glatte Werte zu bekommen - und dabei immer zu Ungunsten des Privatkunden. Obendrein konnten viele Leute anfangs nicht mit der neuen Währung umgehen und das haben Geschäftemacher ausgenutzt; wenn eine Ware, die vorher 1,50 DM kostete schließlich bei 0,90 Cent landete schien das psychologisch preiswerter, obwohl es tatsächlich teurer ist. Da wurden die Leute reihenweise abgezockt.
- besonders getroffen hat es kleine und mittlere Einkommen. Die kaufen nämlich nicht andauernd Elektronik aus dem oberen Preissegment. Deren Gehalt geht fast vollständig für Miete, Nebenkosten, Nahrungsmittel und andere Dinge weg, die eben oft nicht preiswerter wurden. Außerdem verändern sich die Lebensgewohnheiten: man berücksichtig im Warenkorb nicht, dass heute viel mehr zu einem normal ausgestatteten Haushalt gehört als vor einigen Jahren. Wenn wirklich jeder Gering- und Normalverdiener spürt(e), dass das Leben mit allen Facetten gesellschaftlicher Teilhabe teurer wurde, kann man doch nicht mit irgendwelchen Durchschnittsbürger-Zahlen kommen, die angeblich das Gegenteil darlegen sollen.
Als ich Abi machte gab es eine Abizeitung, ein T-Shirt und der letzte Schultag wurde gefeiert - fertig. Man war mit insgesamt ca. 30DM Unkostenbeteiligung dabei und das war's. Heute gibt's gleich eine Mottowoche, für die Kostüme beschafft werden müssen. Die Zeitung wird nicht mehr mit Schreibmaschine, Kopierer und Tacker erstellt, sondern heute muss es ein Hochglanz-Buch aus der Druckerei sein und das T-Shirt wird nicht mit Data-Becker-Folie und Bügeleisen selber bedruckt, sondern kommt mit Spezialeffekten vom speziellen T-Shirt-Druckbetrieb. Unter 40-50 EUR Geldeinsatz kommt der Abiturient heute nicht weg. Die Zeiten ändern sich und eine im Prinzip gleiche Sache, nämlich Abi, wird teurer weil die Ansprüche sich verändern. Solche Dinge bildet der Warenkorb nicht ab.
- in die Gemengelage um die Euro-Einführung hinein kam Clement mit seiner Ausweitung der Zeitarbeit und Schröder mit Hartz IV. Das verschob viele Menschen in prekäre Arbeitsverhältnisse. Aus der Arbeitslosenstatistik waren die Menschen aber erstmal raus. Nach wie vor behaupten manche Politiker, die Lage am Arbeitsmarkt habe sich positiv entwickelt - Unsinn! Man hat unbefristete, fair bezahlte Arbeit durch unsichere Minijobs ersetzt und den Menschen keine gut bezahlte Arbeit mit Zukunft beschafft. Auch hier verschleiern positive Zahlen die beschissenen Verhältnisse am Arbeitsmarkt.
- Nebenbei ist die Globalisierung vorangeschritten und auch das wird wieder benutzt, um Lohndumping durchzudrücken. Lächerlicherweise sogar in Jobs, die gar nicht ins Ausland verlagert werden können!
- vor 2 Jahren sind die Banken gecrasht, die Politik hat nicht darauf reagiert indem klare Regeln an den Märkten etabliert wurden. Im Gegenteil, das Casino ging weiter und die Banken zocken mit dem billig in den Markt geworfenen Geld. Jetzt ist Griechenland pleite, andere kurz davor die Hand zu heben und der Euro wackelt. Man schüttet zum wiederholten Male Geld in horrender Summe aus bzw. gibt Bürgschaften. An klaren Regeln um das Chaos einzudämmen docktert man seit Jahren erfolglos herum.
- ich glaube, dass die ganze unfähige Politik es nicht in den Griff bekommt und es irgendwann zusammenklappen wird, weil noch 1, 2, 3 Krisen schaffen wir nicht. Dann ist Sense. Die Bürger werden sich das alles nicht gefallen lassen. Die Deutschen sind ja immer sehr brav, aber Generalstreiks sind in Frankreich und Italien kein Problem. In Pariser Vorstädten gab's schon Randale, in Griechenland auch. Irgendwann steuern wir auf einen sozialen Flächenbrand mit Unruhen hin, wenn die dämlichen Politiker es nicht schaffen, die Schere zwischen wenigen Superreichen und immer mehr Armen zu schließen. Bisher ist nicht erkennbar, dass die in Berlin überhaupt das Problem verstehen.
Lieber Jimmythebob, Erik Mejer, autares, ihr könnt hier Statistiken zitieren oder nicht - die Leute sind einfach genervt weil in ihrem realen Leben Verschlechterungen stattfinden. Arbeitsplätze unsicher, Reallohnverluste, an manchen Stellen Verteuerungen. Zugleich in Berlin Westerwelle und die FDP mit ihrem realitätsfernen Steuersenkungs-Gerede, das nie irgendwer glauben konnte, der normal tickt, und eine Kanzlerin, die nicht führt sondern da steht und blöd in die Runde guckt. So gibt das nix.
- Wenn die Eliten in Politik, Wirtschaft und dem Finanzsektor nicht durchstarten, mit der Faust auf den Tisch hauen und dafür sorgen, dass es für die normalen Menschen - und nicht nur Banker und Investoren - vorwärts geht, steuern wir auf Unruhen und Bürgerkrieg zu - nicht heute oder morgen, aber auf lange Sicht. Wenn das, was in Griechenland von den Leuten verlangt wird, in ganz Europa kommt weil alle pleite gehen, dann kracht es. Dann haben sich diese Eliten entweder in ihren Goldpalästen verschanzt oder sie werden vom Mob gelyncht.