Zitat
Original geschrieben von Percy
Vielleicht kommt es daher, daß ich vor einigen Wochen in Hohenschönhausen (dem ehemaligen Stasi-Gefängnis) war, vielleicht daher, daß ich mich eher bei der FDP politisch zuhause fühle, vielleicht daher, daß meine Famile selbst von Enteignungen betroffen war/ist
Aber "Die Linke = Stasi" ist eine Gleichung, die ganz und gar nicht aufgeht. Sicherlich, die PDS hat ihre Wurzeln in der SED und was die Stasi angerichtet hat macht betroffen und wütend. Aber selbst die Wende war '89 und liegt damit schon 18 Jahre zurück. Das ist inzwischen Geschichte, wenn man es denn so nennen will. Dazu sind in der Linken auch WASG- und Ex-SPD-Mitglieder; die neue Partei mit der Stasi-Partei SED gleichzusetzen finde ich heute nicht mehr ganz korrekt.
Da könnte man genauso gut die Ost-CDU als ehemalige Blockpartei brandmarken...
Zu den Enteignungen: Auch da hat die Linke nix damit zu tun. das nun also als Argument gegen sie anzuführen ist nicht drin... Wobei mich das sowieso immer sehr wundert wie es sein kann dass solche Dinge heute noch ein so großes Thema sein sollen. Noch weniger verstehe ich Sudetendeutsche und Vertriebene aus Ostpreussen. Das war alles scheiße damals, aber von den Betroffenen lebt doch kaum noch jemand und die, die noch leben, sollten froh sein dass sie hier im Westen gelandet sind. Die letzten 50, 60 Jahre waren hier sicherlich angenehmer als in der Heimat ihrer Kindertage...
Zitat
Original geschrieben von Percy
Dass das nicht besonders stichhaltig ist, ist mir schon klar. Vielleicht kann ich versuchen, es zu erklären.
Eben. Es ist einfach deine Meinung, die ja auch OK ist. Aber so wie Du zur Besserverdienenden-Partei tendierst zieht es manche andere zur Linken. Sei es weil sie Sozialträumer sind, weil sie sich immer eher links fühlen, manche weil wie Protest wählen.
Den Leuten muß man genauso fair ihre Meinung lassen wie jedem Anhänger anderer politischer Richtungen.
Zitat
Original geschrieben von Percy
Nenn mich äußerst konservativ, aber gesellschaftlichen Protest, den ich mit "auf die Straße gehen" gleichsetze, halte ich für kontraproduktiv. Wenn mir etwas nicht gefällt, dann sollte ich versuchen, das über die legitimierten Institutionen der Demokratie zu verändern. Eine Partei sollte nicht dazu aufrufen, daß die Menschen auf die Straße gehen - zumindest nicht in der gegenwärtigen Situation und im gegenwärtigen System.
Es ist aber eins der elementaren Bürgerrechte und seit der franz. Revolution eine der wesentlichen Errungenschaften unserer Demokratie dass ein Bürger eine freie Meinung bilden und auch äußern kann. Ich bin genau wie Du kein Straßenprotestler, aber trotzdem ist das Recht es zu tun, seine Meinung öffentlich kund zu tun, sehr wichtig und elementarer Bestandteil der Demokratie.
Manchmal denke ich dass es den Leuten in der Berliner Reichstag-Seifenblase auch ganz gut tut wenn Bürger auf die Straße gehen, weil manche "Themen der Straße" werden dort sonst gar nicht mehr wahrgenommen; die Mehrheit der Deutschen wünscht z. B. keinen Bundeswehreinsatz in Afghanistan, und ehrlich: Hast Du verstanden wie die Bundeswehr uns dort verteidigt? Ich nicht, und ich wette auch sonst kaum einer. Und doch stimmt der Bundestag für den Einsatz...
Zitat
Original geschrieben von Percy
Was bringt es, wenn Demonstranten mutwillig Steine gegen Polizeibeamte werfen und diese verletzen? Vielleicht ist es auch eine Frage meines Charakters - ich bevorzuge es immer, Probleme / unterschiedliche Meinungen auszudiskutieren, bevor man mit Fäusten aufeinander losgeht.
Man geht überhaupt niemals mit Fäusten aufeinander los, und wer Steine wirft ist auch kein Demonstrant, sondern ein Hooligan. Der eine will seine politische Meinung kund tun, der andere randalieren. Das hat absolut nichts miteinander zu tun, und es hat auch mit der Linken nix zu tun.
Zitat
Original geschrieben von Percy
Aber als (fast-)Volkswirt habe ich etwas gegen staatlich geschaffene Arbeitsplätze
Der Staat schafft keine Arbeitsplätze, aber er setzt Rahmenbedingungen. Selbige sind aber in D sehr industriefreundlich und dass die Schere zwischen arm und reich immer mehr auseinanderklafft merkt jeder. Dass Konzerne irre Gewinne machen aber Leute mit Lohndumping abspeisen - oder gleich ganz entlassen - wirft schon die Frage auf wie damit umzugehen ist.
Ich möchte auch keine Linke als Regierungspartei haben, aber dass da jemand ist, der den Finger in die Wunde legt, mahnt, manchmal Unsinn redet aber manchmal auch als Kanalisation und Sprachrohr für kritische Geister fungiert kann generell nicht so ganz schlecht sein.
Die Umfragewerte belegen ja auch dass es relativ viele Menschen gibt, die die Partei wählen (würden), die sitzen immerhin im Bundestag. Also scheint es ja nicht ganz falsch zu sein dass diese Partei da ist. Selbst wenn Manches, was sie sagen, nur populärer Schwachsinn ist, es schadet nie wenn ein unbequemer Stachel im Fleisch sitzt.
Zitat
Original geschrieben von Percy
Außerdem: Stopp der Privatisierung der Daseinsvorsorge. Also etwa die Entstaatlichung der Krankenversicherung. Es gibt einige Fälle, in denen der Markt nicht das beste Ergebnis liefert, das hier ist meiner Meinung nach keines davon. Ich plädiere schon lange für mehr Wettbewerb auf dem Gesundheitsmarkt, für eine nach dem individuellen Risiko - und nicht nach dem Einkommen - berechnete Prämie in der KV. Auch hier kann ich mich mit dem Programm nicht anfreunden.
Dein Modell führt dazu dass die Qualität der Versorgung vom Geldbeutel abhängt - und genau das sollte nicht sein. In einem Sozialstaat, einer Solidargemeinschaft, ist die Idee doch gerade dass die Gemeinschaft JEDEM Sicherheit bietet adäquate Hilfe zu bekommen wenn er sie braucht.
Das aufzulösen halte ich für grundfalsch, das bricht mit einer der wesentlichen Errungenschaften, der SOZIALEN Marktwirtschaft. Schon jetzt haben wir eine 2-Klassen-Medien (privat <-> gesetzlich versichert) und das ist IMHO keine Verbesserung gegenüber dem, was hier mal vor 10, 15 Jahren war, als jeder damit rechnen konnte gleich gut versorgt zu werden.
Dass leicht vermeidbare Gefahrenquellen, die aber die Kasse der Allgemeinheit stark belasten (Lungenkrebs durch Rauchen, Querschnitt nach Motorradunfall, etc.) womöglich in den Krankenkassenbeitrag eingerechnet werden sollten damit die Allgemeinheit nicht die vermeidbaren und unnötigen Kosten dieses Handelns zahlen muß, ist sicher eine gute Idee. Fragt sich wie man das praktisch umsetzt, aber die Idee ist sicherlich sinnvoll.
Zitat
Original geschrieben von Percy
"Der Marktpreis zeigt den wahren Wert eines Gutes.
Nein, oftmals nicht. Für den kompletten Energiemarkt stimmt das nämlich gerade nicht. Strom, Gas, Öl, da geht's nicht um den tatsächlichen Marktwert, sondern Spekulationsgewinne für nimmersatte Profiteure.
Ich halte auch nichts von Verstaatlichung, aber dass man diese Märkte nicht sich selber überlassen kann auf dass sie sich selbst regulieren - müssen wir ja alle ständig feststellen.
Zitat
Original geschrieben von Percy
Das Einzige, in dem ich ein bißchen mitgehen kann. Grundsätzlich halte ich Patente für eine sinnvolle Sache - sie garantieren für einen begrenzten Zeitraum Monopolrenten und schaffen so einen Anreiz, überhaupt in Forschung zu investieren. Und gegen einen Patentschutz auf Antibiotika produzierende Tomaten (oder was auch immer...) habe ich auch nichts. Aber gegen einen Patentschutz von menschlichen Genen.
Die Realität ist aber nicht Patente vor Mißbrauch zu schützen, sondern dass die Rechtslage genutzt wird um Gewinne zu machen ohne moralisches Gewissen. Wenn beispielsweise AIDS-Medikamente nicht auf dem besonders betroffenen afrikanischen Kontinent eingesetzt werden können weil die Patentinhaber das aus reiner Geldgeilheit verhindern - und sich dabei auf europäisches Recht berufen können - dann ist das menschenverachtend und nicht vertretbar.
Zitat
Original geschrieben von Percy
Auch schon beantwortet - meiner Meinung nach fehlt dem Gesundheitswesen der Wettbewerb. Was haltet ihr von einer Auflösung der GKV, verbunden mit einer Versicherungspflicht in einer PKV, der Prämienberechnung nach Risiko und einer eventuellen Erstattung der Beiträge oberhalb einer gewissen festzulegenden Grenze durch den Staat?
Gleiche Versorgung und Sicherheit für alle, das muß die Grundlage sein. Wie die Prämien berechnet werden ist die zu klärende Frage, aber es ist in einem Sozialstaat notwendig dass JEDER davon ausgehen kann optimal versorgt zu werden, das darf kein Privileg für Besserverdienende sein.
Zitat
Original geschrieben von Percy
Das beschreibt eine große Steuererhöhung, das Geld wird für die große Umverteilungsaktion gebraucht. Leider ist das Kapital wie ein scheues Reh - wenn Konzerne hier hohe Steuern zahlen müssen, wandern sie ab in das "billigere" Ausland. Übrig bleiben KMUs und Privatpersonen, die ihren Sitz nicht relativ problemlos verlagern können. Diese müssen im Endeffekt immer mehr zahlen, da die Steuerbasis immer kleiner wird.
Auch große Konzerne wandern nicht von heute auf morgen komplett ab, eher sogar im Gegenteil: inzwischen merken sie immer mehr dass es oft nichts bringt in Billiglohn-Länder zu gehen weil Abwanderung und damit zunehmende Arbeitslosigkeit die Kaufkraft der Menschen hier verringert, was wiederum auch das Unternehmensergebnis runter zieht. Wenn im wichtigsten Absatzmarkt - Europa - die Leute keine Kohle mehr haben nutzt das dem Konzern auch nix, weil in den "Armenhäusern Europas" noch weit weniger zu holen ist als hier.
Vor allem, und das ist ein weiteres wichtiges Argument: die Arbeiter hier sind engagiert und gut qualifiziert. Das ist nicht überall so... eher im Gegenteil. Manche Firmen haben es inzwischen kapiert und sind sogar schon auf der Rückweg...
Ansonsten geht die Schere "Arme vs. Reiche" immer weiter auseinander. Das kann man nicht einfach ignorieren denn es nicht nur um Geld alleine, sondern auch den Zusammenhalt der Gesellschaft. Bürger brauchen das Gefühl einer gewissen Gerechtigkeit - die nicht gegeben ist wenn ein Geringverdiener am Existenzminimum vegetiert, alles zahlen muß, und das Gefühl hat ausgenutzt zu werden, Verlierer zu sein, während die Großverdiener ihr Geld durch Steuerschlupflöcher zwängen und horrende Gewinne machen während sie keine oder nur geringe Abgaben zahlen.