Ja, so gesehen hast Du Recht. Viele von uns haben Omas und Opas oder Eltern, die das Dritte Reich noch persönlich erlebt haben und manchmal auch davon erzählen.
Ich glaube aber dass kaum jemand von uns dadurch wirklich beeinflußt ist, denn egal ob meine Vorfahren aus dem Krieg erzählen oder ich Bagdad im Fernsehen sehe: das ist immer jenseits meiner persönlichen Lebensrealität und immer "nur Theorie" weil ich gottlob nie unter solchen Bedingungen leben mußte - wie keiner von uns. So habe ich es gemeint als ich schrieb dass die Familiengeschichte keine Rolle für mich und auch viele andere spielt, weil es beeinflußt mein Denken nicht.
BTW - in dem Zusammenhang wundere ich mich auch in jedem Jahr mehr wenn in manchen Ländern oder von manchen Leuten immer noch so getan wird als haben man ein Problem mit "den Deutschen". Wenn Alte das sagen mag es noch aus ihrem persönlichen Erleben entspringen, aber wie junge Leute so reden und denken können ist mit schleierhaft. Die haben doch, genau wie ich und meine komplette Generation, überhaupt niemals irgendein Kriegserlebnis gehabt...
Wenn z. B. der Vize des Zentralrats der Juden redet als sei er persönlich ein Opfer der damaligen Diktatur gewesen, dann ist das Unsinn. Er kann und soll die Meinung seiner Organisation vertreten, aber persönliche Betroffenheit kann ich da beim besten Willen nicht nachvollziehen, und fast muß man schreiben "nicht akzeptieren" - weil die KANN er als (geschätzt) Mitvierziger gar nicht haben. Selbst wenn seine Familie im KZ starb lag das alles doch lange vor seiner Zeit...
Ich finde es jedenfalls sehr heldenhaft wenn sie jemand gegen die Nazis auflehnte, verstehe aber genauso dass der kleine Otto Normalverbraucher lieber die Klappe hielt und sich duckte. Weil der mit seinem Widerstand meistens nicht viel erreichen konnte, bestenfalls in seinem kleinen, bescheidenen Umfeld ein bißchen Ärger veranstalten konnte, und dann war's das aber auch. Und dafür sein Leben riskieren? Und nicht nur sein eigenes, sondern auch das seiner Familie?
Ich glaube dass Widerstand exponentiell häufiger gewesen wäre wenn der Einzelne eine Chance gehabt hätte damit das System zum Wackeln zu bringen. Es hätte sicher hunderttausende Stauffenbergs gegeben wenn die Leute eine ebenso reele Chance gehabt hätten mit ihren Aktionen wirklich etwas auszurichten, und wenn es nur gewesen wäre eine Welle in Gang zu setzen, so in der Art der Montagsdemos in Leipzig. Aber diese Chance hat der Einzelne sicher nicht gesehen.
Wenn Du aber Verantwortung für eine Familie hast und weißt dass deine eigenen Möglichkeiten am Gesamtsystem nichts ändern werden - dann mußt Du eine Güterabwägung vornehmen. Die fiel dann verständlicherweise meistens so aus dass man den Kopf einzog und die drei Affen spielt, nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.
Vermutlich waren die Leute auch ausreichend damit beschäftigt überhaupt nur zu überleben, also zu sehen dass man Nahrung hat, Bekleidung, keinem überzeugten Nazi in die Quere zu kommen und die Bombennächte zu überleben. Ständige Angst vor dem Tod, vor der Roten Armee, dem Terror des Regimes... da schaltet der Mensch gerne in den "Basis-Modus" und hat wenige Kapazitäten sich intellektuell mit der politischen Situation auseinander zu setzen. Mund halten, Kopf runter, nicht auffallen, irgendwie überleben. So dürfte es vielen Menschen gegangen sein...