Noksie,
danke für die Blumen 
Mir fällt eben immer wieder auf daß es in diesen Diskussionen immer nur darum geht daß 345 EUR "Stütze" zum leben reichen - und das stimmt natürlich "irgendwie" wenn man es theoretisch durchrechnet.
Nur bleibt dabei die emotionale Seite völlig auf der Strecke. Ich habe z. B. die Trennung von meiner Freundin damals zunächst unabhängig von der Arbeitslosigkeit gesehen, habe angenommen daß wir zwar auch aus Gründen, die aus der Situation resultierten, Probleme hatten, aber daß das eigentlich nicht an der Arbeitslosigkeit liegt. Inzwischen weiß ich daß permanente Geldnot und Perspektivlosigkeit durch Arbeitslosigkeit unglaublich viele Beziehungen vor Zerreißproben stellt und viele Beziehungen das nicht überleben.
Heute denke ich daß auch bei mir die Arbeitslosigkeit damals einer der Hauptgründe für die Trennung war, und diese Erkenntnis kam als ich in entsprechenden Foren mitbekommen habe daß das ein ganz typisches Begleitsymptom ist.
Und dann bist Du auf einmal ganz allein obwohl ein verständnisvoller Partner gerade in einer solchen Lebenssituation wichtiger denn je wäre.
Als Gehaltsempfänger bist Du gewohnt daß Du Verbindlichkeiten notfalls ein wenig "schieben" kannst - dafür hat man den Dispo. Wenn aber kein Geldeingang seitens eines Arbeitgebers mehr da ist kostet die Kontoführung plötzlich Geld, es kommen nette Schreiben daß Du innerhalb von 2 Wochen Deinen Dispo ausgleichen mußt (das Geld dafür hast Du ja bestimmt "einfach so herumliegen" :mad: ) und auf einmal hast Du nur noch ein Guthabenkonto. Der Tonfall der Bank ändert sich spürbar. Du bist kein gern gesehener Kunde mehr.
Eine ganz typischer Verlauf, der oft schon innerhalb der ersten Wochen nach Eintritt der Arbeitslosigkeit seinen Lauf nimmt und dazu oft der Einstieg in eine Spirale größter Probleme ist: wenn Du eine Verbindlichkeit, über die Du bis zum letzten Monat noch gelacht hättest, jetzt nicht bedienen kannst; das Guthaben ist knapp, der Dispo weg - und dann kommt aber blöderweise die Abbuchung der Miete, die Stromrechnung oder Du hast blöderweise Dein Auto, einen stinknormalen Fernseher oder sonstwas über einen Kredit finanziert.
Wenn Du Glück hast hast Du nur einen Handyvertrag und nicht auch noch einen Schubladenvertrag. Was ist mit Versicherungen und Zeitschriftenabos - die Du womöglich nicht sofort los wirst sondern erst zum Jahresende kündigen kannst? Bis dahin mußt Du noch lange 10 Monate überwinden.
Die Kosten explodieren dann ausgerechnet zu diesem absolut unpassenden Zeitpunkt sehr schnell weil überall Mahngebühren und Verzugszinsen anfallen und Deine Bonität natürlich auch ins Bodenlose rutscht.
Es kann sich ja jeder mal an die eigene Nase fassen und still durchkalkulieren was los wäre wenn er im nächsten Monat schlagartig nur noch 345 EUR hat, aber die vertraglichen Bindungen allesamt weiterlaufen weil man nicht alle Verbindlichkeiten sofort los wird und man keinen Puffer mehr zur Verfügung hat.
Wie "toll" ist das wenn man zwar im Arbeitslosenamt einen PC für Bewerbungsaktivitäten gestellt bekommt - aber ungeschickterweise wohnst Du nicht in der Stadt, sondern eher auf dem Land. Das Auto ist natürlich abgemeldet oder damit ist Deine Freundin abgehauen - und jetzt darfst Du Dir ein Ticket für den 2x am Tag durch's Dorf fahrenden Bus kaufen und einen halben Tag aufwenden um mal für verdammte 2 Stunden den PC im Amt nutzen zu können. Oder Du mußt jedes mal Nachbarn oder Freunden auf die Nerven gehen - nur weil Dir ausgerechnet in diesem ungünstigsten aller Momente auch noch der Monitor durchgebrannt ist und Du natürlich keine Kohle für Ersatz hast.
Wenn das Geldproblem sich dann nach 2, 3 Monaten potenziert hat und Dir übel wird wenn Du daran denkst wie Du inzwischen in Verzug geraten bist und welche zusätzlichen Gebühren, neben der nicht mehr stattfindenen Abtragung, aufgelaufen sind, tauchen erste Drohbriefe von Inkassofirmen auf. Daß die mit falschen Behauptungen über ihre rechtliche Stellung aufwarten weißt Du nicht - woher auch?
Du merkst nur daß Du angesichts der Gewitterwolken, die sich zusammenbrauen, gehörig schockiert bist und dringend etwas tun mußt... nur was? Da hinein platzt dann wie ein Donnerschlag die fristlose Kündigung für die Wohnung und Du stehst auf der Straße - weil seit 3 Monaten keine Miete mehr bezahlt wird. Wasser und Strom hatte man Dir ja schon im letzten Monat abgestellt, da hast Du eines morgens überrascht festgestellt daß der Wasserhahn und der Lichtschalter "tot" sind.
In der Theorie gibt es zwar den Mieterverein, in der Theorie gibt es Wohngeld, in der Theorie darf man Dir nicht einfach die Grundversorgung abklemmen. Aber alles nur auf Antrag, die Bearbeitung dauert, Deine Bude ist allerdings auch in der Tat größer als Dir zusteht, insofern mußt Du doch raus, welcher Vermieter nimmt Dich noch auf wenn der merkt daß die Kaution vom Sozialamt käme und Du ein arbeitsscheuer Sozialschmarotzer bist, der auf Kosten der Allgemeinheit, auf SEINE Kosten, bis mittags pennt und es sich gut gehen läßt während sich andere für ihn krumm machen? Selbst wenn Du eine neue, kleine Unterkunft findest - fliegen Deine paar Möbel von alleine in die neue Wohnung oder wer zahlt die Umzugskosten?
Dir wird schlagartig klar daß Du jetzt zum ersten Mal in Deinem Leben keine Idee mehr hast wo Du heute Abend schlafen kannst, ob und was Du heute Abend essen kannst. Wo kannst Du hin, jetzt im Februar, bei Minustemperaturen und Schneematsch...?
In resignativen Phasen, die immer häufiger werden, fällt Dir auf daß Du sowieso nicht mehr schlafen kannst und in der letzten Zeit immer öfter wach liegst... fast könnte man sagen: Wozu brauche ich eine Wohnung, wozu ein Bett, wenn ich sowieso kaum noch schlafen kann und mindestens 3x pro Nacht schweißgebadet wach werde? Immer öfter ist da dieser Traum wo Du wegzurennen versuchst, aber Du kommst nicht von der Stelle obwohl Du alles versuchst, aber da ist immer so ein eigenartiges Monster hinter Dir, nur schemenhaft sichtbar, aber es scheint nach Dir zu greifen... meist wirst Du in diesem Augenblick wach und spürst bis in den Hals hinein Dein Herz rasen. Überhaupt, das Herz... Seit einiger Zeit hast Du ab und zu ein Engegefühl in der Brust als hätte man Dir einen riesigen Block aus Stahl auf den Brustkorb gesetzt und Du spürst wie Dein Herz stolpert oder alle paar Minuten einen kleinen Aussetzer zu haben scheint. Ziemlich unangenehm jedes Mal weil man für einen Sekundenbruchteil denkt daß es stehenbleiben würde...
Auch wenn das irrational ist "schützen" sich viele Menschen in dieser Phase dadurch daß sie die immer öfter und bald täglich auftauchenden Briefe gar nicht mehr öffnen - weil es irgendwann auch egal ist wie hoch die Schulden sind, sie liegen inzwischen in Bereichen, die für Dich unkontrollierbar geworden sind.
Den Mitarbeitern der Inkassofirmen kannst Du allerdings unangenehmerweise nicht so einfach entrinnen wie ihrer Post. Diese Leute fangen Dich zu allen denkbaren Zeiten vor der Tür ab, rennen um Dein Haus herum, klingeln Sturm. Das sind gar nicht mal irgendwelche fiesen Russisch-Inkasso-Gestalten, sondern elegante Herren mit Aktenköfferchen und Nadelstreifenanzügen. Aber gerade das macht Dir Angst weil sie seriös erscheinen und die Gesetzestexte und Drohungen, die sie vortragen, glaubwürdig und rechtlich einwandfrei klingen.
Wenn Deine Nachbarn und der Vermieter bisher immer noch nicht gemerkt haben in welcher Lage Du bist kapieren sie es allerspätestens jetzt. Die Inkassotypen haben ganze Arbeit geleistet, haben die Nachbarschaft ausgiebig über Dich und Deine Lebensgewohnheiten befragt und ein wenig geplaudert. Ins und aus dem Haus gehst Du inzwischen nur noch mit gesenktem Blick und Schweißausbrüchen. Wenn Dir jemand im Treppenhaus begegnet möchtest Du am liebsten im Boden versinken. Du denkst darüber nach daß der Vermieter früher oder später mit einem Knüppel hinter der Türe stehen könnte um Dich wortwörtlich aus dem Haus zu prügeln.
Neuerdings spürst Du nicht nur nachts Dein Herz bumpern, sondern Du bekommst mitten am Tag, manchmal ganz ohne konkreten Anlaß, Luftnot. Es fühlt sich an als würdest Du ersticken, als würde Dir eine unsichtbare Kraft ganz langsam den Hals zudrücken. Deine Finger fangen an zu kribbeln und Dir ist speiübel. Hoffentlich mußt Du nicht auch noch kotzen...
Du hast jetzt monatlich 345 EUR Grundsicherung auf dem Konto - doch was ist das? Es sind nur 23 Cent auf dem Konto und Dir plumpst das Herz in die Hose.
Am Schalter der Bank erfährst Du daß die Inkassounternehmen Dein Konto pfänden lassen. Das dürfen die zwar nicht weil Deine Grundsicherung nicht angegriffen werden darf - aber wen interessiert das in dem Moment - das Geld ist erstmal weg. Es wird Tage dauern bis Du herausgefunden hast daß dieses Geld eigentlich unpfändbar ist, weißt wie Du dich dagegen wehren kannst und falls Du das Geld überhaupt zurück bekommst kannst Du ja überlegen wovon Du zwischenzeitlich leben sollst, wo Du 60 Cent für eine Portion Spaghetti mit Nudelsoße herzaubern könntest - damit Du überhaupt etwas in den Magen bekommst.
Die Bank ist wenig hilfreich gewesen denn die wollen ihre Kontoführungsgebühr ja auch kassieren - können aber nicht weil sie Deine 345 EUR nicht angreifen dürfen. Am liebsten wäre ihnen sowieso wenn sie Dich los werden, also beschränkt man die Hilfestellung auf das Nötigste und hofft daß Dich arrogantes Verhalten früher oder später schon vertreiben wird.
Du pumpst erstmal einen Kumpel an und denkst daß Du ihm das Geld zurückzahlen kannst, denn im nächsten Monat hast Du ja wieder 345 EUR. Wovon Du im nächsten Monat leben sollst wenn dieses Geld an Deinen Kumpel gehen muß denkst Du jetzt lieber noch nicht. Erstmal mußt Du sehen wie Du jetzt in diesem Moment weiterkommst.
Du bist erstmal halbwegs beruhigt weil Du aus der Geschichte immerhin gelernt hast daß Du dich zumindest auf Deine monatlichen 345 EUR verlassen kannst. Und doch - das nächste Problem läßt nicht lange auf sich warten. Du bist am Geldautomaten und willst Dir die paar Kröten abholen, mit denen Du dich in dieser Woche ernähren willst. Aber anstatt daß Geld aus dem Schlitz kommt verschwindet Deine Bankkarte auf Nimmerwiedersehen und es trifft Dich wie ein Schlag. Was ist das schon wieder für eine Scheiße???
Also wieder mit klopfendem Herzen an den Schalter, da steht natürlich ausgerechnet wieder der besonders arrogante, 20jährige Azubi, der aber immerhin schon spitzenmäßig in der Lage ist Dir von oben herab Unverschämtheiten zu sagen als wärst Du ein kleiner, dummer Junge. Du hättest nicht übel Lust ihm in die arrogante Milchbubi-Fresse zu schlagen, kannst Dich aber gerade noch am Riemen reißen weil Dir klar ist daß Du das jetzt mal so hinnehmen mußt, es besser ist es über sich ergehen zu lassen und ruhig zu bleiben.
Du erfährst daß die Bank Dein Girokonto gekündigt hat weil sie es leid ist sich ständig um nicht bedienbare Forderungen zu kümmern und Du als Kunde nicht mehr zumutbar bist.
Haben sich die ganzen "Schlaumeier" hier nur mal einen Gedanken darüber gemacht wie verdammt scheißwichtig so eine banale Sache wie ein Girokonto ist? Wer kein Konto mehr hat ist überhaupt nicht mehr in der Lage in irgend einer Weise am Geldverkehr teilzunehmen.
Die 345 EUR Grundsicherung kommen dann auch nicht mehr bei Dir an und bis Du das regeln kannst - die Mühlen mahlen langsam auf den Ämtern - eine Woche geht vorbei bis die Sache geklärt ist - und das war schon schnell. Du hattest aber schon vor 2 Wochen nur noch einen Zehner in der Geldbörse und hattest schon beinahe angefangen nicht nur Tage, sondern Stunden zu zählen bis die neue Kohle kommt - und dann das.
Der Kumpel fragt übrigens inzwischen zum wiederholten Male wann er sein Geld zurück bekommt. Dein - seiner Meinung nach - großzügiges "Gehalt" müßte doch längst da sein...?
Ein neues Girokonto bei einer anderen Bank - Du machst Witze... bei Deiner Bonität und ohne festen Wohnsitz! Daß Dir theoretisch jede Bank ein Girokonto auf Guthabenbasis eröffnen muß - Bonität hin oder her - weißt Du erstmal nicht, woher auch. Und selbst wenn Du es weißt - die Bank kann immer noch sagen daß Du ein unzumutbarer Kunde bist, da finden sich schon Begründungen... Bis Du endlich irgendwo ein Konto bekommst hast Du allerdings mindestens 10 Filialen abgeklappert und 10 mal beschämt die Hosen herunterlassen müssen wie Du finanziell dastehst. Wenn Du Pech hattest bist Du 9 mal an Azubis vom Kaliber des Milchbubi in Deiner bisherigen Bank geraten.
Wo pennst Du eigentlich inzwischen? Deine Freunde sind es nach 3 Tagen leid gewesen Dich auf dem Sofa einzuquartieren und durchzufüttern - so dicke haben die es selber ja auch nicht... Außerdem bist Du da sowieso "unten durch" seit Du dir Geld geliehen, es aber nie zurückgezahlt hast.
Immer öfter ziehst Du in Nächten, in denen Du stundenlang wach liegst, eine Bilanz Deines Lebens. Dir wird klar daß Du die Schulden nie wirst abbauen können, daß der "Psychoterror" immer weiter gehen wird. Ob Du je wieder einen Job bekommen könntest? Selbst wenn Du einen kriegen würdest wäre sämtliches Geld sofort weg weil alles gepfändet würde. Wenn Du vor einen Zug springen würdest würde das im Grunde niemanden stören, im Gegenteil. Der Staat würde 345 EUR plus Wohngeld sparen, Du hättest auch Ruhe von all den Lebensumständen, denen Du dich nicht mehr gewachsen fühlst. Fehlen wirst Du bestimmt auch keinem, denn die Freunde sind eh weg... aber vielleicht kannst Du sie sogar ein wenig "bestrafen" indem Du Schluß machst und sie dann überlegen müssen ob sie es hätten verhindern können... ja, der Gedanke tut irgendwie gut, es ist sehr tröstlich sich das auszumalen, und er kommt immer öfter... Was würde man wohl auf der Beerdigung erzählen, wie würden sich diese und jene Leute verhalten, was würden sie wohl denken in dem Moment wo sie vor dem offenen Grab stehen und auf den Sarg herunter blicken?
Ab und zu denkst Du auch an Deine Freundin - was die wohl jetzt macht... hat sich vielleicht einen reichen Typen geangelt und man erzählt sich daß es ihr offensichtlich besser geht als je zuvor, zumindest soll sie glücklich aussehen. Man hat übrigens allgemein Verständnis dafür daß sie "bei einem Assi wie Dir" nicht bleiben wollte.
Inzwischen fällt Dir auf daß Dir das alles nichts mehr ausmacht. Inkassotypen, die Blicke der Nachbarn, Gespräche bei der Bank... es fängt an egal zu werden. In deinen Gedanken blendest Du in solchen Situationen einfach weg, Du hörst gar nicht mehr was Dir da irgendwer erzählt. Innerlich ergreift Dich immer mehr ein Gefühl der Ruhe, Du fühlst Dich weit weg.
Ob Sterben weh tut? Hmm, wahrscheinlich nicht, man müßte nur dafür sorgen daß es schnell geht und daß es auch sicher funktioniert. Dann ist das bestimmt eher so wie wenn man einfach eine Lampe ausschaltet - plötzlich wird es dunkel - und das war's.
Die ganzen Schwierigkeiten sind jetzt irgendwie wie weggeblasen und in Gedanken kreist Du eigentlich nur noch um Deine Lösung, wann und wie Du es durchziehen willst... Du hast eine Lösung gefunden, die schlagartig alle Probleme beseitigen wird...
Natürlich ist das jetzt die Beschreibung eines maximal unglücklichen Verlaufs und die meisten haben ja zum Glück ein soziales Netz durch Eltern oder Freunde, so daß es nicht immer so übel abläuft. Allerdings kann sich wohl kaum jemand, der in einer ruhigen Minute mal ehrlich darüber nachdenkt, davon freisprechen daß ihm das nicht passieren könnte.
Vielen hier ist, denke ich, gar nicht klar wie hauchdünn ihre Sicherungssysteme sind und wie schnell der Fahrstuhl abwärts saust wenn sie den Job verlieren. Wenn nur ein paar Weichenstellungen unglücklich sind ist der Weg ins finanzielle, soziale und emotionale Nirvana, in den freien Fall nach unten, unerhört schnell passiert.
Arbeitslosigkeit bedeutet immer sozialen Abstieg, Isolation, Perspektivlosigkeit. Es ist zu einfach nur zu rechnen und darüber zu schwadronieren ob man von 345 EUR leben kann...