@ Bob Harris:
Ich denke daß Du nach wie vor nicht verstanden hast. Die Linke ist nicht wegen ihres "Ach so tollen" Programms gewählt worden - denn es war von vorneherein klar daß sie in die Opposition gehen und ihr Programm nicht umsetzen werden. Sie wollen selber nicht regieren und niemand will mit ihnen koalieren. Das Programm ist also in seinem Wortlaut eher unwichtig.
Die Rolle und Bedeutung der Linkspartei ist darin zu sehen daß sich eine Partei zur Lobby der Arbeitslosen, der Verlierer der Gesellschaft, der sozial Schwachen macht. 5 Millionen offizielle und 2-3 Millionen nicht registrierte Arbeitslose - das alleine sind schon 10% eines 80 Millionen-Volkes - sowie eine große Gruppe einkommensschwacher Rentner, dazu viele sog. "Working poor" - Leute mit Arbeitsplatz, aber einem Verdienst vergleichbar der sozialen Grundsicherung am Existenzminimum, im Osten Verlierer der Wende, Leute, die vorher ohne größere Probleme vor sich hingelebt haben, jetzt aber gnadenlos dem Strukturwandel unterworfen sind - das ist ein Potential von 20%, 25%, 30%, vielleicht gar mehr Prozent - wie hoch die Zahl genau ist ist jetzt mal nebensächlich - Mitbürgern, die sich tendentiell von der Linkspartei vertreten fühlen können.
Den Leuten geht es weniger darum ob das Parteiprogramm der Linken das Land retten kann oder nicht, sondern da geht's mehr darum daß die Leute es satt sind immer als Schmarotzer und bequeme Taugenichtse hingestellt zu werden - obwohl viele von ihnen genau das nicht sind.
Es wird immer anhand von Einzelbeispielen nachzuweisen versucht daß die Leute zu bequem wären - und das stimmt so in der Masse nicht. Natürlich zeigt das Fernsehen immer nur die krassen Fälle - alles andere wäre ja auch uninteressant. Das spiegelt aber nicht die Mehrheit, diejenigen, die beim besten Willen nicht unterkommen weil einfach keine Arbeitsplätze da sind, oder man Leute ab einem bestimmten Alter, Frauen mit Kindern etc. de facto nirgendwo mehr anstellt.
Von den etablierten Parteien wird aber nach wie vor so geredet als hätten sie die Lösung für das Arbeitslosen-Problem - und genau diese Lösung haben sie nicht, ganz im Gegenteil - und die Leute merken es. Sie verstehen vielleicht nicht alle bis ins Detail das Kirchhof-Modell (nebenbei eine Geisterdiskussion, weil Kirchhof bestenfalls in 10 Jahren gekommen wäre und jetzt das wesentlich weniger revolutionöre CDU-Parteiprogramm gegolten hätte), aber sie kapieren daß die MwSt-Erhöhung, Wegfall der Pendlerpauschale und der steuerfreien Nachtdienstzuschläge ruckzuck beschlossen worden wären, die versprochenen Entlastungen aber nur vielleicht irgendwann indirekt wirken, wenn sie denn überhaupt kommen.
Gerade denjenigen, die eh schon an der Untergrenze des finanziell Machbaren sind, weitere Belastungen zumuten zu wollen ist keine Lösung und kann nicht auf Zustimmung der breiten Masse - und die finanziell Klammen sind eine völlig unterschätzte, große Gruppierung im Land - zählen.
Genau hier setzt die Linkspartei an und ich sehe es wie o2Neuling. Vielleicht ist die Situation eine Chance.
Von jedem Arbeitnehmer wird Flexibilität erwartet, niemand kann sich seine Kollegen, seine Arbeitsbedingungen etc. aussuchen. Jetzt sind die Politiker auch mal in der Situation, in der Arbeitnehmer ständig sind: nämlich mit Arbeitsumständen klarkommen zu müssen, die ihnen vielleicht nicht gefallen, aber bei denen erwartet wird daß sie trotzdem ihren Job erledigen, so wie jeder Bürger das auch tagtäglich tun muß.
Insofern paßt mir auch das Verhalten der FDP nicht. Anfangs war das ja noch OK zu sagen wir reden nicht mit rot/grün weil wir gegen unser Wahlkampf-Versprechen verstossen wenn wir jetzt mit denen liebäugeln, die wir eigentlich bekämpfen wollten. Nur: jetzt ist eine neue Situation entstanden, da hätte man neu nachdenken und neu bewerten müssen. Von vorneherein nicht mit den Leuten aus dem anderen Lager zu reden, es zugleich aber von den Grünen zu erwarten - das ist ziemlich arrogant.