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Telefonieren mit Übergröße
Der MDA von T-Mobile ist eine gelungene Verbindung aus Pocket-PC und Mobiltelefon mit gutem Display
Die ersten Organizer mit Windows-Betriebssystem und eingebautem Mobiltelefon kamen vor einem Jahr von Sagem und Trium. In der Praxis enttäuschten die Flundern zum Tippen und Telefonieren: das schlechte Display, die kurze Bereitschaftszeit und wenig durchdachte Telefonfunktionen wurden stets kritisiert. Jetzt lebt das Konzept wieder auf. Die neue Verbindung aus Pocket-PC mit Dualbandtelefon wird in Asien produziert und kommt mit dem schlichten Namen MDA (mobiler digitaler Assistent) in die Geschäfte von T- Mobile. Wir haben dieses kleine Wunder einige Wochen ausprobiert: im D1-Netz sowie mit E-Plus.
Mit einer Größe von 7 × 13 × 1,8 Zentimetern und einem Gewicht von 200 Gramm ist der MDA ein ziemlich großer und schwerer Brocken. Irgendwie muß ja auch das riesige Farbdisplay (230 × 320 Pixel, 5,3 × 7,1 Zentimeter, 4096 Farben) untergebracht werden. Im Innern werkelt ein Strong- Arm-Prozessor mit 206 Megahertz, und der Rechner hat 32 Megabyte Speicher. Das ist also ein eher leistungsschwacher Pocket-PC, mag mancher sagen, aber wir haben mehr stromfressende Rechenkraft gar nicht vermißt. Unten am Gehäuse kann man eine Multimedia- oder Secure-digital-Karte einstecken, Infrarot und USB sind ebenfalls dabei. Die Telefonabteilung unterstützt GPRS, aber nicht HSCSD, Bluetooth fehlt ebenfalls. Die Software bietet zunächst alles, was man bei einem modernen Pocket-PC erwarten kann: perfekten Datenabgleich mit Outlook, Terminplaner, Kontakte sowie Word und Excel fürs Schreiben und Rechnen. Bedient wird das Ganze mit dem Stift, der in der knubbeligen Antenne steckt, vier Methoden der Texteingabe mit Handschrifterkennung stehen parat.
Dazu kommt die Telefonabteilung mit ihrer geschickten E- Mail-Verwaltung. Es ist schon spannend, unterwegs auf dem Display sämtliche Nachrichten vorab zu lesen. Nachts im Bett - die kräftige Hintergrundbeleuchtung taugt auch als Taschenlampe - warfen wir vor dem Einschlafen einen neugierigen Blick auf frisch Hereingekommenes. Und manchen haben wir schon mit einer kurzen Antwort aus dem Garten oder vom Frühstückstisch verblüfft. So wird die E- Mail losgelöst vom heimischen PC, wird gängig wie SMS, freilich nicht mit T-Online oder AOL. Mit allen anderen Maildiensten, die Pop3 und SMTP unterstützen, ist die Sache kinderleicht.
Der Mailabruf erfolgt über den mobilen Datenpaketdienst GPRS, geht aber auch mit Leitungsanwahl, etwa im Ausland. GPRS wird jedesmal neu angewählt, was befremdet. Denn das braucht Zeit (5 bis 15 Sekunden) und nimmt einem nicht nur die dauernde Verbundenheit, die allein automatischen Mailabruf erlauben würde. Es kostet auch Geld, denn jede angefangenen zehn Kilobyte schlagen im D1-Normaltarif mit 35 Cent zu Buche. Die Bereitschaftszeit des MDA (sieben Tage sind angegeben) würde unter GPRS-Dauerbetrieb leiden, sagt T-Mobile; wir möchten das aber selbst vorgeben. Von den E-Mails werden zunächst jeweils nur 3 Kilobyte gezogen, was sich einstellen läßt. Will man mehr, markiert man die Nachricht zum vollen Download beim nächsten Mal. Das Mailprogramm lehnt sich an Outlook an. Es beläßt die Nachrichten auf dem Server für den späteren Abruf mit dem "richtigen PC". Leider lassen sich Mails nicht schon am MDA zum Löschen am Server markieren, offensichtlich Unerwünschtes etwa.
Bei multimedialen Verbindungen ins Internet bemüht sich T- Mobiles MDA redlich um eine schöne Darstellung. Drei halbminütige Briefmarkenvideos haben wir im T-mobilen Netz entdeckt. Sie entströmen dem Assistenten zwar nicht ganz lippensynchron, aber verständlich. Ärgerlich wie überall sind HTML-Mails, die zum Teil überhaupt nicht sichtbar werden. Auch PDF-Dateien fallen ebenso wie jegliche Bewegtbilder (Gifs) aus. Simple Midi-Musik ertönt nicht, aber große Wav- Tondateien werden brav wiedergegeben. Am überraschendsten war von einer aus einem Siemens-Handy herausgezogenen Mediakarte direkt abgespielte MP3-Musik in hoher Qualität und richtig laut. Der Internetbrowser, natürlich Microsofts Explorer, zeigt Web- und Wap-Inhalte, sogar frei zugängliches Imode. Angenehm beim Browsen ist, daß dank GPRS kein Zeitzähler tickt. Bilder werden schön auf Bildschirmgröße verkleinert, die Farben sind brillant, daß es eine Freude ist.
Trotzdem hakt die Verbindung von Telefon und Pocket-PC an einigen Stellen. Versucht man etwa bei abgeschaltetem Telefon zu mailen, verkündet das telefonungewohnte Betriebssystem "Aus unbekannter Ursache kann keine Verbindung hergestellt werden" und empfiehlt Basteln an den Einstellungen. Auch die Darstellung der Telefonnummern im amerikanischen Format ist verbesserungsbedürftig, ebenso die SMS-Software. Alles in allem aber ist der MDA ein großer Wurf. Er paßt zwar nur "so eben" noch in die Sakkotasche, funktioniert indes als Telefon mit Freisprecheinrichtung gut. Das Display ist klasse, die Bereitschaftszeit hoch. Man hat unterwegs sämtliche Daten dabei und bekommt eine sehr gute E-Mail-Maschine mit perfekter Outlook-Anbindung. Der Spaß kostet 900 Euro ohne Kartenvertrag. Mit seinem ersten Gerät hat T-Mobile sofort den Sprung in die Oberklasse geschafft. Man muß den MDA mit dem Communicator von Nokia vergleichen oder mit dem bald erhältlichen P800 von Sony Ericsson. Wer im Netz von O2 (ehemals Viag Interkom) telefoniert, bekommt den MDA dort in einer leicht veränderten Version unter dem Namen XDA.
FRITZ JÖRN/MICHAEL SPEHR
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2002, Nr. 186 / Seite T2