Ist die Türkei ein Teil Europas und/oder soll sie irgendwann in die EU?

  • Zitat

    Original geschrieben von DarkEmpire64
    Was vermutlich daran liegen könnte, dass die Türkei ein sehr junges Land ist und die "ältere" Bevölkerung noch die Überhand hat. In ein paar Jahren wird allerdings immer mehr die derzeit jüngere Bevölkerung dominieren, welche fast komplett westlich geprägt ist.
    kleines Bsp: Demonstrationen gegen die Aufhebung des Kopftuchverbotes in türkischen Unis.


    Wenn Du selbst Deutsch-Türke bist, möchte ich nicht anmaßend sein und Dir die Türkei erklären wollen. Aber auch wenn sich meine Einschätzung weitgehend auf theoretisches Wissen über die Türkei stützt, muß ich Dir sagen, daß ich Deine Analyse nicht teile. Natürlich ist die Türkei ein "junges" Land, d.h. der Anteil relativ junger Wähler ist deutlich höher als etwa in Deutschland. Dennoch haben bei den letzten Wahlen 2/3 dieser vergleichsweise jungen Wählerschaft für die religiöse AKP Erdogans gestimmt, die eine schleichende Isalmisierung des Landes vorantreibt. Es gab zwar Demonstrationen gegen die Aufhebung des Kopftuchverbots, diese wurden aber getragen von den Städtischen Vertretern des Laizismus, und nicht von der breiten Masse der Bevölkerung. Wie tief die Gräben in der Türkei sind, die eben nicht zwischen den Generationen, sondern zwischen verschieden soziologischen Schichten verlaufen, zeigt sich ja daran, daß das von Kemalisten beherrschte Verfassungsgericht gerade das Verbot der Regierungspartei AKP vorbereitet. Da in der Türkei ein solches Verbot gleichzeitig ein mehrjähriges Betätigungsverbot der führenden Köpfe der betroffenen Partei bedeuten würde, käme dies in seiner politischen Bedeutung einem Militärputsch gleich. Und ob die AKP tatenlos zusehen wird, wie die kemalistischen Eliten sie politisch und juristsch enthaupten, wage ich ehrlich zu bezweifeln. Insofern sehe ich für die politische Stabilität der Türkei ziemlich schwarz. Deshalb dürfte sich die Frage nach einem EU-Beitritt so oder so in absehbarer Zeit von selbst erledigen.



    Ich weiß nicht, ob Du nachvollziehen kannst, daß gerade diese Haltung einige Deutsche doch etwas beunruhigt. Du bist zwar Deutsch-Türke, bist hier aufgewachsen, hast die deutsche Staatsbürgerschaft und möchtest aktiv an der politischen Gestaltung des Landes mitwirken. Dennoch fühlst Du Dich als Türke und hast einen türkischen Nationalstolz. Und genau an dieser Stelle wird es manchen Leuten unheimlich. Du lebst hier, möchtest die volle poltische Mitbestimmung, fühlst Dich aber eigentlich nicht wirklich als Teil der deutschen Gesellschaft. Auch hier stellt sich eben wieder die Frage nach der Loyalität. Auch welcher Seite stehst Du, falls es wirklich einmal zu politischen Interessengegensätzen zwischen Deutschland und der Türkei kommen sollte?
    In den USA leben seit Jahrhunderten Millionen von deutschstämmigen Einwanderern. Diese pflegen ihre Traditionen, haben ihre Oktoberfeste, ihre Wurst und ihre Blasmusik, kurz haben durchaus nicht ihre Identität aufgegeben und fühlen sich dennoch als waschechte Amerikaner. In beiden Weltkriegen haben die Nachkommen solcher Einwanderer loyal und treu für die USA und gegen Deutschland gekämpft und das obwohl sie zumindest im ersten Weltkrieg starken Anfeindungen ausgesetzt waren. Fälle von Verrat, Sabotage oder Desertation sind so gut wie nicht bekannt.
    Auch wenn das natürlich ein extremer Fall ist und es sicherlich nie zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Deutschland und etwa der Türkei kommen wird, kann man natürlich fragen, ob alle eingebürgerten Türken dann eine solche Loyalität zu Deutschland zeigen würden. Kannst Du ernsthaft versichern, daß in diesem rein theoretischen Fall ein Großteil der jungen eingebürgerten Türken bereit wären, in Bundeswehruniform gegen türkische Soldaten zu kämpfen? Ich habe da so meine Zweifel. Und deswegen habe ich ehrlich gesagt kein sehr gutes Gefühl, wenn man immer mehr Menschen einen deutschen Paß inklusive Wahlrecht gibt, obwohl ihre primäre Loyalität und ihre emotionale Bindung ganz offensichtlich einem anderen Land gilt.

  • Zitat

    Original geschrieben von schmidt3
    In den USA leben seit Jahrhunderten Millionen von deutschstämmigen Einwanderern. Diese pflegen ihre Traditionen, haben ihre Oktoberfeste, ihre Wurst und ihre Blasmusik, kurz haben durchaus nicht ihre Identität aufgegeben und fühlen sich dennoch als waschechte Amerikaner.


    Ja warum wohl? Weil sie mit all ihrer Wurst,Blasmusik und Oktoberfeste als Amerikaner akzeptiert wurden?
    Weil sie nicht, wie hier die Türken mit Begriffen wie Kanacken, Musels, Ölaugen und Arschhochbeter belegt wurden?


    Zitat


    Auch wenn das natürlich ein extremer Fall ist und es sicherlich nie zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Deutschland und etwa der Türkei kommen wird, kann man natürlich fragen, ob alle eingebürgerten Türken dann eine solche Loyalität zu Deutschland zeigen würden. Kannst Du ernsthaft versichern, daß in diesem rein theoretischen Fall ein Großteil der jungen eingebürgerten Türken bereit wären, in Bundeswehruniform gegen türkische Soldaten zu kämpfen?


    Selbst wenn sie es tun würden, bleiben sie für viele nur Pass-Deutsche mit Migrationshintergrund und man wird ihre Herkunft bei jeder passenden Gelegenheit unter die Nase reiben.


    Zitat


    Ich habe da so meine Zweifel. Und deswegen habe ich ehrlich gesagt kein sehr gutes Gefühl, wenn man immer mehr Menschen einen deutschen Paß inklusive Wahlrecht gibt, obwohl ihre primäre Loyalität und ihre emotionale Bindung ganz offensichtlich einem anderen Land gilt.


    Kein Wunder, wenn man in erster Linie nur Zweifel, Mißtrauen und Ablehnung entgegenbringt.
    What goes around, comes around.

  • Die Eingangsfrage kann ich für mich simpel beantworten:


    Nein - die Türkei ist nicht Teil Europas. Topologisch eh nicht (das bisschen Bosporus gilt nicht, der absolut größte Teil ist nicht europäisch)


    Nein - die Türkeit soll nicht EU-Mitglied werden. Es ist eine vollständig andere Kultur, aber davon abgesehen sind für mich andere Dinge ausschlaggebend: Verfolgung der Kurden (ich nenne das Völkermord), kriegerische Handlungen auf fremdem Gebiet (Nordirak), Zypern ist nicht geklärt, Meinungsfreiheit ist da auch noch ne kritische Frage etc...
    Meiner Meinung nach sollte man so ein System nicht integrieren. Die Masse wird stets am schwächsten bzw schlechtesten Mitglied gemessen - und daran will ich nicht nicht messen lassen.


    Faktisch lehne ich ohnehin die EU in ihrer jetzigen Form ab - aber das ist eine andere Frage.


    Würde man hier in Deutschland die Deutschen fragen oder ein Plebiszit durchführen, ob die Türkei in die EU soll, wäre die Ablehnung meiner Einschätzung nach schon an der Zweidrittelmarke


    Luposen

    Handys sind die einzigen Objekte, bei denen Männer sich streiten, wer das kleinere hat.

  • Zitat

    Original geschrieben von Luposen
    Würde man hier in Deutschland die Deutschen fragen oder ein Plebiszit durchführen, ob die Türkei in die EU soll, wäre die Ablehnung meiner Einschätzung nach schon an der Zweidrittelmarke
    Luposen


    Aber in unserer Demokratur wird bei den wirklich wichtigen Fragen eh nicht das Volk gefragt, sondern über seinen Kopf hinweg entschieden.

  • Zitat

    Original geschrieben von fahrsfahrwerkaus
    Aber in unserer Demokratur wird bei den wirklich wichtigen Fragen eh nicht das Volk gefragt, sondern über seinen Kopf hinweg entschieden.


    Stimmt leider auffallend.
    Würden die Bürger gefragt bzw wären wir gefragt worden, gäbe es die EU überhaupt nicht! Und wenn dann doch einmal die Bürger gefragt werden (ich sage nur damals zu diesem Themenkomplex Holland oder jetzt Irland), dann läßt man solange abstimmen, bis das Ergebnis wieder in den Kram paßt.
    Von daher ist das obsolet zu fragen, ob die Türkei in die EU soll. Abgesehen davon, daß wir die Türkei schon längst hier haben (und Erdogan die Türken ja auffordert, sich NICHT anzupassen), wird der wirtschaftliche Vorteil stets über das Allgemeinwohl siegen. Ich sehe es mit Bedauern so, daß wir die Türkei bald EU-technisch am Hals haben. Und ich wette jetzt schon, daß wir in unserer Rolle als der größte Nettozahler die türkischen Kassen zum klingeln bringen. Warum liefern wir nicht eigentlich wieder NVA-Panzer zum Kurdenverfolgen? Wäre billiger, als EU-Mittel in Milliardenhöhe reinzupumpen...


    Luposen

    Handys sind die einzigen Objekte, bei denen Männer sich streiten, wer das kleinere hat.

  • Früher wohnten östlich des Bospurus Griechen, waren das keine Europäer? Türken in Bulgarien sind schon EU-Bürger.
    Da ist ja die UEFA fortschrittlicher, da gehören auch Israel und Türkei zur Europäischen Fußballunion.
    Auch haben die Türken das lateinische Alphabet und schreiben nicht mehr in Arabisch. Was den Türkischsprechenden in China meist verwehrt wird, die sollen weiterhin in Arabisch schreiben.
    Kopftuch hin oder her, auch meine Großmutter ging nie ohne Kopftuch aus dem Haus, und sie war Katholikin.
    Ob eine(r) ein Tuch oder Hut (Fez) tragen will, sollte jedem überlassen sein. Weniger Vorschriften und mehr Freiheiten, das wäre europäisch. Aber die EU schreibt ja fast alles vor. Da würde wahrscheinlich auch das Kopftuchtragen bei bestimmten Anlässen vorgeschrieben oder verboten werden.
    Der Beitritt hat nicht nur Vorteile. Norwegen und die Schweiz wollen auch nicht.

  • Zitat

    Original geschrieben von Kanalratte
    Reisen kann ich überall ohne Visa (Ausnahmen: UK, Irland und Griechenland


    Falsch, Griechenland gehört nicht dazu :)

  • Zitat

    Original geschrieben von borusch
    Falsch, Griechenland gehört nicht dazu :)


    ??? Das musst Du mir mal erklären.....

  • Zitat

    Original geschrieben von Casaubon
    Ja warum wohl? Weil sie mit all ihrer Wurst,Blasmusik und Oktoberfeste als Amerikaner akzeptiert wurden?
    Weil sie nicht, wie hier die Türken mit Begriffen wie Kanacken, Musels, Ölaugen und Arschhochbeter belegt wurden?


    Selbst wenn sie es tun würden, bleiben sie für viele nur Pass-Deutsche mit Migrationshintergrund und man wird ihre Herkunft bei jeder passenden Gelegenheit unter die Nase reiben.


    Kein Wunder, wenn man in erster Linie nur Zweifel, Mißtrauen und Ablehnung entgegenbringt.
    What goes around, comes around.


    Nein, so wurden die Deutschen in Amerika nicht genannt, die gängigen Bezeichnungen der Alteingesessenen für die Deutschen waren z.B. "Hansworst" oder "damned dutch". Das war allerdings ebenfalls nicht gerade Ausdruck höchster Wertschätzung.
    Hier mal ein paar Zitate aus Briefen, die deutsche Auswanderer in Amerika nach Hause schrieben:


    "In seinem Dünkel hält er [der Nordamerikaner] die Ausländer für Menschen niederen Grades; und dieses trifft hauptsächlich die Deutschen…" (1835)


    "… und namentlich ist's dem Deutschen von Ehre und Stolz ein bitterkränkendes Gefühl, seine Landsleute als lästige Eindringlinge, gewissermaßen als untergeordnete Menschenklasse betrachtet u. behandelt zu sehen, wie's die Mehrzahl der unwissenden, aufgeblasenen, egoistischen Volkes Amerikas zu thun gewohnt ist." (1857)


    "Die Amerikaner sind sehr geneigt, die Deutschen etwas hintan zu setzen. Sie halten die Eingewanderten nur gut zum Arbeiten und bemogeln dieselben, wo sie können." (1863)


    "… die Amerikaner haben einen großen Widerwillen gegen alle Deutschen und setzen sie überall zurück…" (1863)


    Hört sich ziemlich bekannt an, oder? Allerdings gab es damals noch keine political correctness, die die Einwanderer schützte. So fand der große Benjamin Franklin bereits 1753 folgende freundliche Worte über die deutschen Einwanderer:
    "Diejenigen [Deutschen], die hierherkommen, gehören für gewöhnlich zu den Ungebildetsten und Dümmsten ihrer eigenen Nation. Weil aber Unbildung oft der Gaunerei mit Gutgläubigkeit, der Aufrichtigkeit mit Misstrauen begegnet, weil nur wenige Engländer die deutsche Sprache verstehen, und sich somit weder durch die Presse noch die Kanzel an die Deutschen wenden können, ist es fast unmöglich, ihnen Vorurteile auszutreiben, denen sie einmal anhängen."


    Du siehst, so groß war die Zuneigung der Amerikaner für die Deutschen anfangs durchaus nicht.


    Die Deutschen haben sich aber trotzdem bereitwillig integriert, in vielen Fällen sogar vollständig assimiliert, waren dankbar, eine neue Heimat mit neuen Chancen gefunden zu haben, achteten die amerikanischen Gesetze, überzeugten durch Leistung und zeigten ihre Loyalität zu den USA dadurch, daß sie für das Land gekämpft und notfalls gestorben sind. Sie haben den Amerikanern allerdings nicht dauernd erklärt, daß sie sich eigentlich für Deutsche hielten und nur auf ihr Deutschtum stolz seien. Und sie haben sich nie als fünfte Kolonne Deutschlands verhalten, weder im Krieg der USA gegen den Kaiser noch im Krieg gegen Hitler, sondern einfach als loyale amerikanische Bürger. Und mehr verlangt auch niemand.

  • Zitat

    Original geschrieben von Kanalratte


    Möchte ja nicht Dein Weltbild zerstören... aber den Osterhasen gibt es nicht, genauso wenig wie den Weihnachtsmann :D


    Na, na, na, diese These würde ich nochmas überdenken ;)

    Viele Grüße
    +-<=|:-)*

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