ZitatOriginal geschrieben von bernbayer
Du begehst da einen Denkfehler.
Keineswegs. Wenn man bedenkt, dass jeder 2. (!!!), der sich gerichtlich gegen einen falschen Bescheid wehrt, vom Richter Recht bekommt, ist die Stimmung unter Transferleistungsbeziehern überraschend ruhig. Aber wir brauchen uns jetzt nicht Statistiken um die Ohren hauen, die jeder anders auslegt.
Man muss "das große Ganze sehen": seit Jahren erleidet die Mittel- und Unterschicht finanzielle Einbußen und Arbeitsplätze werden wegrationalisiert. Zugleich muss aber ausgerechnet die Mittelschicht die immer höheren Sozialleistungen für diejenigen, die zwischenzeitlich "hinten runter gekippt sind", finanzieren - was inzwischen dazu führt, dass der Mittelstand wegbricht und selber zunehmend dem Prekariat zugerechnet werden muss.
Am anderen Ende der Gesellschaft wurden - und werden! - völlig utopische Gewinne abgeschöpft. Sie wanderten oft illegal ins Ausland oder wurden mit entsprechend hohem (Zins)Gewinn dazu verwendet sich selbst zu vermehren. Als die Finanzblase platzte, wurde wieder die Gesellschaft herangezogen um die Verluste zu bezahlen.
Da muss doch auch der Dümmste erkennen, dass das so nicht weiter gehen kann. Wir sind hier allmählich an einem Punkt angekommen, an dem die Bevölkerung nicht mehr mitspielt und wo es gefährlich für unsere Demokratie und unseren Frieden wird.
Egal ob FDP, CDU, SPD oder die Grünen - sie haben allesamt nicht begriffen, welche Entwicklungen auf der Straße unter den Menschen inzwischen laufen. Man palavert über die böse Vergangenheit der Linkspartei und verkennt, dass das Thema der Menschen nicht mehr eine seit 20+ Jahren zurückliegende Vergangenheit ist, sondern Zukunftssorgen und die soziale Schieflage bzw. Finanzmärkte, die aus dem Ruder laufen.
Dieses kleinliche Gerede um irgendwelche mehr oder weniger einlösbaren Wahlaussagen, die bei Koalitionsverhandlungen sowieso wieder Makulatur sind und die Wahl deswegen sowieso nur um wenige Tage überstehen, zeigt doch, dass die etablierten Parteien durch die Bank weg nicht begriffen haben, welche Themen im Volk tatsächlich drücken und wo wirklich was passieren muss wenn das ganze Ding hier gesellschaftlich nicht kippen soll.
- Man reagiert auf das Fehlern von ausreichend Jobs mit Druck auf Arbeitslose.
- In einem der reichsten Länder der Welt ist Kinderarmut normal geworden.
- Bei einer Bevölkerung von 80 Millionen Einwohnern gibt es eine Dunkelziffer von 8 Millionen Arbeitslosen - das sind 10%. Bedenkt man, dass Kinder, Alte und Kranke nicht erwerbsfähig sind und laut Statistischem Bundesamt im zweiten Quartal 2009 noch rund 40,2 Millionen Erwerbstätige in Deutschland unterwegs waren (kannst du leicht kontrollieren, ich habe die Zahlen gerade frisch nachgeschaut), heißt das im Klartext: Arbeitslosenquote realistisch ca. 20%. Nebenbei zahlen von den Erwerbstätigen viele keine Einkommenssteuer weil das Einkommen dafür zu gering ist. Wie soll das denn in Zukunft weiter gehen??? Kannst du mir mal erzählen, wovon der Staat in Zukunft noch "leben" soll, wie man bei einer sowieso schon vorhandenen Überschuldung auch noch Milliarden in die Bankenrettung, Opel, Arcandor, Scheffler und wie sie alle heißen, langfristige Kurzarbeit - und obendrauf noch das Versprechen von Steuersenkungen (!) stecken will? Dass die Lebenserwartungen steigen und immer mehr Rentner immer länger finanziert werden müssen, wobei über die Jahre auch die Inflation zu bedenken ist, sei auch mal am Rande erwähnt.
- Man vermeidet eine grundlegende Zukunfts-Diskussion und die Frage, wie wir uns auf längere Sicht finanziell und dann auch gesellschaftlich positionieren sollen, man hört aus der Politik nur unrealistische, hahnebüchene Versprechen. Macht dir das keine Angst?
- Dafür werden Bürgerrechte schleichend, zunehmend und plump eingeschränkt, woher kommt wohl der Erfolg der Piratenpartei bei informationstechnologisch aufgeklärten Menschen?
Ich kann diese Liste endlos erweitern, die Aussage bleibt dieselbe: es geht inzwischen nicht mehr darum, ob Partei A oder mal wieder B den Kanzler stellt und ansonsten alles läuft wie immer, wie es sowieso gelaufen wäre. Wir kommen allmählich an einen Punkt, an dem die Weichen grundlegend anders gestellt werden müssen, weil wir uns sonst in den Abgrund manövrieren. So, wie wir uns bisher aufgestellt haben, hat es nach dem Krieg für Jahrzehnte gut geklappt. In den letzten Jahren haben Globalisierung und Informationstechnologien die Welt aber so verändert, dass wir mit den bisherigen Mechanismen immer weniger klar kommen. Wir müssen uns in Zukunft ganz anders aufstellen.
Und da kommt aus der politischen Landschaft überhaupt gar nichts, sondern die gesellschaftliche Oberschicht und Eliten in Politik, Wirtschaft und Finanzen kapselt sich ab und predigt Eigenverantwortung, ohne zu erkennen, dass es auf lange Sicht wirklich gefährlich für die Demokratie und die ganze gesellschaftliche Ordnung ist, wenn man nicht allmählich mal über den großen Wurf zumindest nachzudenken beginnt.