ZitatOriginal geschrieben von drueckerdruecker
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Bei Beachtung von Rechtswirksamkeit in einem Unrechtsstaat könnte und würde sich nie etwas ändern. Die Machthaber zimmern sich ja einfach ihr eigenes Recht. Mit dir wären alle einstmals gewählten Diktatoren noch immer und auf immer an der Macht. ...
Gewaltsamen Umstürzen stehe ich in der Tat ganz grundsätzlich skeptisch gegenüber. Selbst in totalitären Herrschaftsformen.
Denn:
1. Wenn ein gewaltsamer Umsturz nicht auf Anhieb gelingt (was meist der Fall sein dürfte), passiert das, was gerade in Syrien zu beobachten ist. Wenn man die Abermillionen von Flüchtlingen fragen würde, welcher Zustand der Bessere war, würden sich die Allermeisten wohl für das weitgehend friedliche Leben im Assad-Regime entscheiden.
Gewaltsame Umstürze gegen autokratische Systeme "aus Prinzip" führen zu ungleich höherem Leid, als es die meisten Herrscher während ihrer gesamten Amtszeit noch hätten anrichten können. Lediglich in absoluten Ausnahmefällen hielte ich das damit verbundene Risiko für vertretbar.
Einen solchen Ausnahmefall hatte ich etwa in Jugoslawien angenommen, wo ich den Einsatz der NATO auch heute noch für richtig halte. Nur kam er (naturgemäß) zu spät. Auch Ruanda wäre ein solcher Fall gewesen. Auch hier war es letztlich der "Wasserkopf" von UN/NATO, der ein rechtzeitiges Eingreifen nicht zuließ.
2. Du gehst (wie selbstverständlich) davon aus, dass nach dem Sturz eines Unrechtsregimes der Weg frei ist für die Errichtung eines demokratischen und rechtsstaatlichen neuen Staates. Die Praxis zeigt aber (hier muss man nur mal nach Afrika schauen), dass dies in den allermeisten Fällen eben nicht der Fall ist. Nachdem neue zunächst legitime Regierungen gebildet wurden, fallen die nicht selten in die Verhaltensmuster ihrer Vorgänger zurück - rein persönlich würde ich das sogar als Regelfall ansehen wollen. Ziemlich schnell gilt wieder das Recht des Stärkeren.
Wenn wir nur in den wirklich gemäßigten Staat Ägypten schauen, sehen wir recht gut, dass es mit der Schaffung einer (künstlichen) neuen Staatsform nicht getan ist. Notwendig ist vielmehr ein breiter gesellschaftlicher Konsens, der bei gewaltsamen Umstürzen in aller Regel aber fehlt. In Libyen sind es die Stammesstrukturen, die eine rechtsstaatliche und demokratische Staatsführung verhindern, in anderen Staaten scheitert es woanders.
Auf Anhieb fiele mir in jüngerer Vergangenheit kein Beispiel ein, wo sich in einem totälitären Staat durch einen gewaltsamen Umsturz eine wirklich demokratische und rechtsstaatliche Grundordnung hätte etablieren können. Die Fälle, die mir in den Kopf schießen, landeten alle in einem unendlichen Leid für wesentliche Teile der Bevölkerung.
Wem ist mit so etwas gedient? Dem Gerechtigkeitsgefühl einiger Gutmenschen?
Das wäre mir persönlich jedenfalls viel zu wenig, um das Leid in den betroffenen Ländern zu rechtfertigen.