Mal eine recht persönliche Einschätzung der Dinge, die momentan hinsichtlich der deutschen Politik durch die Medien (und die Gehirne der Bevölkerung) geistern - und der Gründe, wieso sich momentan praktisch jeder über die Politik aufregt (was sich ja hier immer wieder einige User fragen):
Ich habe mich schon eine Weile gefragt, weshalb eigentlich damals, als es klar war, daß (unter Anderem) die von Kohl vor der Wahl versprochenen "blühenden Landschaften" in den neuen Bundesländern ausbleiben würden (und jetzt erzähle mir bitte keiner, er habe diese Landschaften gesehen), nicht zu solchen Proteststürmen in der Bevölkerung gekommen ist, wie es momentan der Fall ist. Meine Vermutung (natürlich weiß ich nicht, ob sie richtig ist, aber das haben Vermutungen nun mal so an sich) ist nun, daß sie von Kohl und der CDU nichts anderes erwartet haben. Die Bevölkerung wußte, daß Kohl / die CDU Fakten und Zahlen gerne mal etwas geschönt haben (ging ja dann auch immer wieder mal durch die Presse) und hat sich im Verlauf der 16 Jahre an die CDU und ihre Methoden gewöhnt - mit anderen Worten, die Leute haben sich daran gewöhnt, daß sie mal mehr, mal weniger häufig einfach von der Regierung verarscht wurden, während die SPD aus der Opposition tönte, daß sie, wenn sie an der Macht wäre, alles, aber auch wirklich alles besser machen würden, als die amtierende Regierung.
Dann bekam die SPD ihre Chance; die Leute hatten genug von Kohl und glaubten tatsächlich daran, daß die SPD alles besser machen würde. Als man dann feststellen mußte, daß die SPD nicht einmal ansatzweise so viel besser machen konnte (wollte?), fingen die Leute an, an der SPD zu zweifeln, dachten aber, daß das sicher daran liegt, daß die SPD sich erst an das Regieren gewöhnen müßte. Dann kam nach vier Jahren die Zeit des Wahlkampfs und der Neuwahlen, und wenn man den Wahlaussagen der SPD glauben schenkte, war man der festen Überzeugung, daß der Grundstein für eine Verbesserung der Dinge, die unter der Regierung Kohl nicht funktioniert hatten, bereits gelegt wäre, die SPD aber noch eine zweite Amtszeit bräuchte, um an den bereits angeregten Verbesserungen weiter arbeiten zu können, schließlich wurde (von der SPD) ein nicht zu verachtender Wirtschaftsaufschwung und ein massiver Rückgang der Arbeitslosigkeit voraus gesagt - wenn die SPD noch einmal gewählt werden würde. Daher haben die Leute noch einmal die SPD gewählt.
Jetzt aber erfahren die Bürger, daß ein großer Teil der Wahlkampfaussagen der SPD einfach nur heiße Luft war, daß Fakten verschwiegen und Zukunftsaussichten geschönt wurden; mit anderen Worten, daß sie wieder verarscht worden waren - und zwar diesmal von der Partei, von der die Leute glaubten, sie wäre anders als die CDU. Und ich denke, genau hier liegt das Problem. Bei den meisten Leuten ergibt sich nun das Bild, daß ohne Ausnahme alle Politiker gleich sind, daß sie alle die Bürger verarschen und ohne mit der Wimper zu zucken Zahlen fälschen oder verschweigen - und dieser gigantische Frust und die enttäuschten Hoffnungen, mit der SPD eine "ehrlichere" Politik als mit der CDU zu erhalten, hat nun dazu geführt, daß die Menschen auf der Straße sich benehmen, als würde bald die Welt untergehen, denn politisch ist für viele Leute sicher eine kleine Welt untergegangen; nämlcih die Welt, in der Politiker noch ehrlich waren.
Ich will damit nicht sagen, daß die CDU es jetzt besser machen würde; ich denke, auch bei einem anderen Wahlausgang wäre alles so gekommen, wie es jetzt ist. Aus dem Grund ist Stoiber in seinem Hinterkopf sicher heilfroh, daß Schröder (und nicht er selbst) Bundeskanzler geworden ist.
Hugh, ich habe gesprochen. 