Zitat
Original geschrieben von andi2511
Puh, du gibst dir große Mühe bei deinen Postings. 
Du weißt doch: Es genügt nicht, nur keine Gedanken zu haben; man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken. 
Zitat
Original geschrieben von andi2511
Nicht primär, dein Posting musste nur als Aufhänger herhalten. 
Dann bin ich ja beruhigt. 
Zitat
Original geschrieben von andi2511
Diese Forderung klang ja schon mehrfach an, und im Prinzip teile ich sie. Dennoch sollte man bedenken, daß die Meinungsfreiheit, die gerade verteidigt werden soll, in vielen Ländern in dem Maße nicht gegeben ist, es also ungleich größerer Anstrengungen und Überwindungen bedarf, öffentlich für so eine Sache einzustehen.
Viele Menschen in der ehemaligen DDR befanden sich in einer ähnlichen Situation, was die Schwierigkeiten anging, der damaligen Staatsmacht zu demonstrieren, was sie von ihrer Politik hielten. Selbst die latent vorhandene Möglichkeit, die SED könnte am Ende ihre Panzer gegen die Bevölkerung einsetzen, so wie sie es 1953 schon einmal getan hatte, hat sie nicht abgeschreckt.
Die ersten Bürger, die damals auf die Straße gingen und zu den Montagsgebeten, waren zunächst auch in der Minderheit und setzten sich einem hohen Risiko aus. Dies hat sie - trotz aller Drangsalierungen durch die Staatsmacht - nicht davon abgehalten, für ihre Sache einzutreten.
Noch heute verspüre ich einen enormen Respekt für so viel Zivilcourage und wünsche mir nur, daß ich ihn in vergleichbaren Situationen auch aufzubringen vermag.
Dennoch will ich damit nicht die Situation in den ehemaligen Ostblock-Staaten mit der in einigen (den meisten?) islamischen Staaten gleichsetzen, dazu bestehen zu viele kulturelle Unterschiede.
Zitat
Original geschrieben von andi2511
Ausserdem könnten sich auch gemässigte Muslime durch den Verlauf dieser Debatte mit ihren Glaubensbrüdern solidarisieren, auch wenn sie in der Sache nicht deren Ansicht teilen oder zumindest nicht deren Reaktionen gutheissen.
Ich habe einige Freunde in Damaskus, die sind schlichtweg froh, wenn sie im Alltag ihre Ruhe haben. Die stören sich nicht an den Karikaturen, sie würden aber aus mangelndem Empörungspotential auch keine für sie u.U. gefährliche Demonstration organisieren. 
Verständlich, aber dennoch schade.
Ich versuche es mal: Wären uns aus muslimischen Ländern Demonstrationen gegen Selbstmordattentäter bekannt, die Schulkinder in die Luft sprengen, fiele es uns im Westen wesentlich leichter, die Empörung über die Karikaturen ernst zu nehmen. So aber ist es ja nur wieder etwas, das sich nahtlos in unser Bild einreiht: "typisch islamisch: das sich bei der kleinsten Kleinigkeit sofort Beleidigt-Fühlen und die daraus resultierende Gewaltbereitschaft".
Zitat
Original geschrieben von andi2511
Damit sind diejenigen gemeint, die fortwährend ignorieren, daß man 1,3 Milliarden Menschen schlichtweg nicht seröserweise mit "die", "sie" oder sonstwie pauschal betiteln kann.
Es fällt nicht ganz leicht. Nimm doch nur mal die bereits innerhalb Deutschlands weitverbreitete Tendenz zum Schubladendenken: "die Ossis" und "die Wessis", "die Weiber" und "die Kerle" usw. Deutschland ist da sicherlich keine Ausnahme, auch in allen anderen Ländern der Welt gibt es solche Typisierungen und Kategorisierungen. Das ist ein allgemein menschliches Phänomen.
Ich möchte jetzt keine wissenschaftlichen Klugscheisser-Sprüche ablassen. Nur der Hinweis darauf, daß es dabei um Versuche der Identifikation durch Abgrenzung des Selbst und des Fremden handelt. Seine natürliche Form ist die Unterscheidung zwischen dem Ich, der Familie und der Fremden, seine ins Aberwitzige übersteigerten Ausdrucksformen sind Nationalismus, Rassismus und religiöser Fanatismus.
(Wer das mal genauer nachlesen möchte: "Funk-Kolleg Geschichte", hrsg. v. Werner Conze u. a., Frankfurt 1981, 2 Bde. - Besonders die Beiträge aus Bd. 1: Hartmut Boockmann: "Die Gruppe und der einzelne" S. 92 - 113 u. August Nitschke: "Das Fremde und das Eigene", S. 236 - 262
Es gibt dazu natürlich noch erheblich komplexere Abhandlungen, aber die beiden genannten Beiträge sind in gut verständlicher Weise geschrieben, werfen nicht mit Fremdwörtern um sich, dürfen also als verhältnismäßig "leichte Kost" gelten.)
Zitat
Original geschrieben von andi2511
Durch das Eingangszitat solltest nicht durchgehend du angesprochen werden, entschuldige die Ungenauigkeit.
Kein Problem, ich war auch nur etwas erstaunt.
Zitat
Original geschrieben von andi2511
Das glaube ich auch, aber das sind doch jetzt auch zwei Paar Schuhe. Ich rechtfertige die Reaktionen, die wir im TV und den Zeitungen sehen in keinster (!!) Weise, nur wehre ich mich gegen den Schluß, es handele sich dabei um eine mehrheitsfähige Reaktion der islamischen Allgemeinheit an sich oder um eine islamimmanente Erscheinungsform.
Letztlich ist es irrelevant, ob es sich um eine Mehrheit oder Minderheit handelt, die dort mit Terror reagiert. "Wenn jemand anfängt herumzubrüllen, ist es egal, was er eigentlich sagen will," sagte so oder ähnlich der hier schon zitierte Sir Peter Ustinov. Und wenn jemand mit Gewaltanwendung reagiert, dann ist jeglicher Dialog sowie so für die Katze.
Zitat
Original geschrieben von andi2511
Wichtiger Einwurf, denn: das macht den Unterschied zwischen einem aufgeklärten, christlichen Mitteleuropäer und einem fanatisierten, strenggläubigen Moslem aus einem Schwellenland aus, nicht den Unterschied zwischen einem Christ und einem Moslem. Ohne mich wiederholen zu wollen: ich kenne Moslems persönlich, die haben sich durch die Karikaturen auch nicht zu Tobsuchtsanfällen hinreissen lassen. 
Ich auch, von meiner Arbeitskollegin habe ich ja bereits berichtet. Wie gesagt: Diese Frau nimmt ihre Religion ernst. Aber sie ist hier in Deutschland aufgewachsen, und in einer Familie, die sich wirklich integriert hat, ohne dabei ihre kulturelle Identität vollkommen aufzugeben.
Zitat
Original geschrieben von andi2511
Mich stören an der gesamten Debatte einfach mehrere Dinge:
1) die gewollte Provokation
2) die Reaktion der extremistischen Muslime
3) die Forderungen islamischer Staatsführungen
4) der in diesem Thread vertretene Tenor, die Reaktionen seien "typisch" oder stünden sinnbildlich für den Islam an sich und die damit einhergehende Undifferenziertheit vieler. Ganz zu schweigen von den Meinungen derer, die solche Anlässe gerne nehmen, um sich ihre Vorurteile bestätigen zu lassen. Und dieses gilt für beide Seiten.
Interessant finde ich, daß sich in unseren Medien nach und nach die Leitartikelmeinungen durchsetzen, die eine differenzierte (oh Gott, bitte komm keiner auf die Idee, nachzuzählen, wie oft ich dieses Wort in diesem Thread verwendet habe
) Betrachtungsweise fordern und fördern. Hoffentlich eröffnen sie eine qualifiziertere Debatte als bisher und hoffentlich findet auch die muslimische Welt einen Weg in eine solche.
Alles anzeigen
Ad 1.
Natürlich war es denkbar undiplomatisch, ja sogar provokant, diese Karikaturen zu veröffentlichen. Daran besteht doch gar kein Zweifel. Aber genau das macht doch auch Meinungsfreiheit aus: Daß man nicht nur das sorgsam Weichgespülte, Entgratete, Entkantete und garantiert Ungefährliche veröffentlichen darf, sondern auch das Rauhe, Scharfkantige, Unbequeme oder sogar das Gefährliche.
Ad 2. und 3.
Auch darüber herrscht hier Konsens. Ich würde hier auch die Hauptverantwortlichen ausmachen wollen. Denn für diese Leute ist es eine Art der Machterhaltung, getreu dem Orwellschen Motto "Wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit. Und wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht auch die Zukunft." Ersetze "die Vergangenheit" durch "die Auslegung der das kulturelle und gesellschaftlich-politische Leben bestimmenden Heiligen Schrift", und schon wird deutlich, worum es eigentlich geht. Es ist doch auch bezeichnend, daß das ganze Theater genau in dem Moment anfängt, in dem die islamische Welt durch das Beharren von Hamas auf der Vernichtung Israels und die unverantwortlichen Worte und Taten des iranischen Staatspräsidenten einen ungeheuren Druck des Westen verspürt. Dabei liegt die Veröffentlichung der Karikaturen bereits Monate zurück. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
Ad 4.
Das hat mit der "selektiven Wahrnehmung" zu tun, die allen Menschen eigen zu sein scheint. Wir sehen immer nur das, was wir sehen wollen oder erwarten zu sehen. Die Berichterstattung westlicher Medien über islamische Staaten und Gesellschaften kann uns - selbst, wenn wir mal unterstellen, daß sie sich dabei die allergrößte Mühe um ein objektives Bild geben - auch nicht alle Aspekte und Facetten darstellen. Das hat einfach mit der Komplexität des menschlichen Lebens zu tun. Erschwerend kommen noch kulturelle Unterschiede dazu. Diese führen natürlich auch zu Fehlinterpretationen.
Deinem letzten Satz möchte ich mich - mit dem nochmaligen Verweis auf den Leserbeitrag "Rat für liberale Muslime" des iranischen Studenten im Tagesspiegel - gerne anschließen.
Viele Grüße und einen
Happy Day