Zitat
Original geschrieben von Printus
Wie heißt es so schön, Autos kaufen keine Autos. Also nützt das billige Produzieren nichts wenn sich nachher kein Konsument die Ware leisten kann, da sie als Endprodukt nämlich nach wie vor viel zu teuer ist und die Preisentwicklung nicht der Rationalisierung folgt, also man für's gleiche oder weniger Geld mehr vom Produkt bekommt.
Übrigens: Werksangehörige kaufen die Wagen eh zum Mitarbeiterpreis und wer schlau ist, verkauft sie mit nur einem minimalen Verlust nach 6-12 Monaten als (Halb)Jahreswagen. An denen wird es am wenigsten liegen, wenn weniger Autos verkauft werden 
Zitat
Bei Computern funktioniert es, man zahlt heute tendentiell weniger als früher und hat dennoch leistungsfähigere Geräte. Warum klappt es beim Automobil nicht?
Ich kann ja viel von Deiner Meinung nachvollziehen und verstehen. Dass der Weltmittelstand systematisch ausgeblutet wird halte ich in der Tat auch für Fakt. Allerdings ist es hier doch ein wenig komplizierter...
Wenn Du nicht verstehst, warum Autos gleich teuer bleiben bzw. im Preis sogar steigen statt billiger zu werden und das auch noch mit der Computer-Industrie vergleichst, zeigt das, wie wenig Du von den Internas der Automobilindustrie verstehst oder Ahnung von den Vorgängen dort hast.
Um aus einem Pentium III einen Pentium IV zu machen, brauchte es grob gesagt weitere Verkleinerung, womit mehr "Kram" auf die CPU gepackt werden konnte. Und man hat lange Zeit die Taktraten hochgeschraubt - also eine Art evolutionärer Prozess. Nehme Bestehendes, optimiere es, beschleunige es, verkleinere es und bau es aus (z.B. zwei Kerne in einem = Dual Core). Die CPUs sind zwar leistungsfähiger geworden, aber an ihren Grundprinzipien hat sich jetzt nix revolutionäres verändert.
Wenn Du aus dem Astra G den Astra H machst oder aus dem Vectra B den Vectra C startest Du mehr oder weniger bei Null. Das Außenkleid muss komplett neu entworfen werden, die Innenverkleidung muss komplett neu entworfen werden, das Chassis wird meist auch komplett neu konstruiert. Von der Technik im Auto kann einiges übernommen werden, also auch bestehende Teile. Ansonsten wird auch hier der Rest komplett neu konstruiert. Entsprechend brauchen die Hunderte von Ingenieuren für jede Neukonstruktion bei einem Modellwechsel ähnlich viel Zeit - das kostet schon mal Geld. Dann müssen sämtliche Anlagen, welche die Teile im Werk und beim Zulieferer ausspucken umgestellt werden, erstmal für 5 Wagen. So ne Serie von 10 Teilen verbrät auch mehr Geld als die Massenfertigung.
Noch am ehsten mit Computern lässt sich der Motor vergleichen - da wird probiert, mehr PS aus weniger Hubraum rauszuquetschen bei gleichzeitig weniger Verbrauch und weniger Abgasen - wobei auch das sein Geld verschlingt.
Bis also die ersten 5 Wagen zusammengebastelt sind, vergehen gerne 3-4 Jahre. Dann müssen die sämtliche Tests bestehen. Klar, da wird auch vorher schon viel im Computer simmuliert. Trotzdem hauen sie einen der 5 Karren am nächsten Tag an die Wand - da ist in 20 Sekunden ein zweistelliger Millionenbetrag futsch :cool:
Wenn Du da jetzt noch die ganze neue Sicherheits- und sonstige Technik dazu nimmst wird hoffentlich klar, warum die Kisten im Gegensatz zu sonstigen Produktionsgütern nicht billiger werden.
Selbst "Schwester"modelle, die auf der gleichen Plattform aufbauen kosten noch einiges in der Konstruktion. Klar - der Unterboden vom Golf konnte 1:1 übernommen werden, VW hat "nur" noch das hässliche Blechkleid für den New Beatle drum rum gezaubert. Aber auch dafür musste bei Null angefangen werden, dann musste es auf die Golf-Konstruktion drauf passen, ein neues Interior musste her und auch hier brauchte es diverse Erlkönige, an denen getestet und geschraubt wurde, bevor das Viech in die Massenproduktion gehen konnte. Somit wird zwar die Vielfalt breiter und es entstehen Einsparungen, weil xx% an Gleichteilen verwendet werden können - aber für fast jeden verkauften New Beatle haben die Leute dann keinen Golf gekauft - da war nur entweder oder, bzw. es wurden eben Käufer anderer Marken gewonnen. Ob die neuen Kunden dann allerdings genügend waren, damit sich das rechnet sei mal dahin gestellt. Entsprechend mussten auch hier die Gesamtentwicklungskosten auf die verschiedenen Modelle umgelegt werden - der Preis geht also eher hoch.
Auch fehlt Dir vermutlich der Überblick, wie verflochten die ganzen Zulieferfirmen inzwischen sind. Ich empfehle da wie so oft das "Schwarzbuch VW" von H-J Selenz. Da bekommt man dann zumindest mal einen kleinen Einblick, welche Sachen sich VW und das Land Niedersachsen da so in der Vergangenheit geleistet haben. Wenn Opel jetzt morgen pleite macht, stehen nicht nur die ca. 30.000 Opelaner arbeitslos auf der Straße und leben auf Kosten der Sozialsysteme (wo sie übrigens auch alle nix mehr einbezahlen). Die Zulieferer, die hauptsächlich an Opel liefern gehen also direkt mit den Bach runter. Die Zulieferer, die nur anteilig an Opel liefern verlieren einen Großkunden (mehr als an Opel, VW, BMW, Mercedes, Ford und evtl. noch Porsche gibt's als Kunden nicht ;)), damit bricht Umsatz weg, damit können nicht mehr alle Mitarbeiter weiter bezahlt werden oder noch schlimmer, die Kredite zurückgezahlt werden. Gerade wo die Banken selbstverschuldet mit Argusaugen auf Kreditrückzahlungen gucken, könnten also auch hier Firmen insolvent gehen, obwohl sie auch noch an VW und Mercedes liefern. Und damit übrigens nicht genug: diverse Dienstleister (z.B. Bereich Weiterbildung) hätten auch einen Kunden weniger und damit weniger Einkommen, kaufen vielleicht den nächsten Dienstwagen erst 1-2 Jahre später. Auch die ganze Infrastruktur wird betroffen sein: wenn das Werk und das ITEZ in Rüsselsheim schließen, hockt auch mittags niemand mehr in der Opel-Klause (ok, ich war nie drin, wir haben uns wenn nebenan beim Italiener was geholt :D), es wird weniger in Bäckereien und was weiß ich wo im Umfeld der Werke konsumiert.
Kurzum: die wirtschaftlichen Folgen bleiben also nicht auf die paartausend Opelaner beschränkt, sondern wirken weit ins Umfeld. Zumal die Autoindustrie eben einer der größten Arbeitgeber in D ist - oder was glaubt ihr, warum wir noch kein Tempolimit haben? (;))
Für mich zeigt der Fall, dass bei aller Kritik an unserem derzeitigen Wirtschaftssystem mit kurzfristigem Profitstreben, Gier, Verantwortungslosigkeit und Werteverfall auf den obersten Ebenen es der Politik nix bringt nach Grundsätzen oder Prinzipien zu handeln - sondern man eben in den vielen Widersprüchlichkeiten eine pragmatische Lösung finden muss, wo beide Seiten zufrieden mit sein können. Allerdings wird so eine Lösung recht komplex ausfallen und nicht entlang irgendwelcher Blöd- oder Attak-Parolen.
Noch was zum "Opel aus GM herauslösen": netter Versuch, aber die Amis wären schön blöd ihren profitabelsten Unternehmensteil derzeit zu verscherbeln. Wenn überhaupt machen die das nur für einen groooßen Batzen Kohle und dann ist es in der Tat so, dass das ITEZ in seiner jetzigen Form nur bestehen kann, eben weil es weltweit für GM tätig ist. Das ist die andere Seite der Medaille, dass sie (das ITEZ) seit Jahren von GM ausgeplündert werden
Um nur 'nen neuen Corsa, Astra, Insignium, Meriva, Zafira und Combo zu konstruieren braucht's keine ca. 9.000 Mitarbeiter.... Und was die Gleichteile-Strategie angeht: ohne Saab und andere GM-Kutschen wäre auch da vieles für Nur-Opels viel zu teuer.