Ich denke nicht, dass man hier von Naivität sprechen kann. Vielmehr hat Vodafone, weil denen das Wasser bis zum Hals steht, einem Deal zugestimmt, der gegen carrierübliche Abrechnungsmodelle verstößt. Deswegen hat der Deal ja selbst Brancheninsider überrascht.
Spricht aber für Dommi und sein Verhandlungsgeschick.
Unter dem Strich ist heute alles üblich, was schon einmal irgendwo gemacht wurde. Nunmehr ist es also auch üblich, dass pauschal unter Mobilfunkanbietern abgerechnet wird, da es ja praktiziert wird.
Vermutlich ist es heute so, dass Datentransfer deutlich weniger kostet, als früher, so dass eine Pauschale beiderseitig unter Betrachtung möglicher Risiken akzeptabel ist. Am Ende lässt man sich mit der Pauschale sozusagen den Zugang zum Netz vergüten, hängt da ein Preisschild dran und fertig. Das ist wie bei der Jahreskarte fürs Freibad, die im Verhältnis zur Einzelkarte auch absurd billig ist. Da aber das Bad sowieso da ist und Kosten verursacht, ist es für den Badbetreiber egal, ob eine Nase mehr auf der Wiese liegt oder nicht. Außer natürlich in den Bädern der weltoffenen Schwarmstädte. Aber so voll und bunt wie dort ist es sicher auch im Vodafonenetz noch lange nicht, so dass es offensichtlich keines robusten und stichfesten Türstehers, der ganz genau auf Heller und Pfennig abrechnet, mehr bedarf.
Mobilfunk ist heute Commodity und wird somit über den Preis verkauft. Wichtig ist da „nur noch“ der Kundenzugang, so dass 1&1 mit einer Kundenzahl ein gehöriges Druckmittel zur Verhandlung mitbrachte.
Die Netzbetreiber geraten absehbar gehörig unter Druck. Insbesondere die, die „nebenher“ noch Festnetzinternet anbieten. Amazon und Starlink werden dieses Feld absehbar beackern und den Rahm abschöpfen. Auch in diesem Markt muss man nicht zwingend größter oder großer Player sein. Analog der KKW-Betreibern, die „nur“ 5% des Stroms lieferten, hat man trotzdem massiven Einfluss auf Preise, Deckungsbeiträge des Wettbewerbs etc. Deshalb war es meiner Meinung nach schlau von Vodafone, sich für 18 Jahre eine Grundlast an Zahlungsstrom zu sichern, während Telefonica nun 400 mio p.a. im FCF fehlen. Und wenn Telefonica nun davon faselt, neue Anbieter aufzureißen, stellt sich die Frage, wie viele Millionen Kunden die in welchen Zeiträumen generieren und wenn das gelingen sollte, ob das dann nicht ausschließlich über den Preis erfolgen wird. Und wenn es über den Preis erfolgt, wird sicher der Zahlungsstrom an Telefonica nicht üppig sein können. Hoch gepokert, Arroganzanflug von sehr gutem Netz und nun ist der nach der Fusion unbestrittene Kaiser nackt und nur noch Landadel. So kann’s gehen.
Dommermuth sieht 1&1 im Gegensatz zu seinen Verhandlungspartnern als sein Lebenswerk. Er ist kein Angestellter, sondern Founder. Skin in the Game macht oft den Unterschied.