Ich will djangobe's letzten Absatz zum Anlass nehmen und das ansprechen, was ich bei diesem Verbrechen für besonders diskussionswürdig halte. Als Stichworte sind mir "Albtraum" und "Öffentlichkeit" in Erinnerung geblieben.
Bemerkenswert finde ich weniger die Qualität des Verbrechens. Die verblasst ziemlich schnell, wenn man an die Kriegsverbrechen der letzten Jahre zurückdenkt, die dem aktuellen Fall auch an der zur Ausübung nötigen geistigen Abnormalität in nichts nachstehen. Es wundert mich nicht besonders, dass es vereinzelt zu Fällen von Kannibalismus kommen kann. Es ist zwar selten, kommt aber dennoch vor und es lassen sich einige auch historische Beispiele dafür finden.
Als bemerkenswert ist doch viel mehr anzusehen, wie sich zwei Menschen mit so extremen, seltenen Geisteskrankheiten moderner Kommunikationsmittel bedienten um zueinander zu finden, wie der sprichwörtliche Topf den passenden Deckel.
Man kann also spekulieren, dass diese Tat in einer Zeit ohne Chats, Diskussionsforen und Usenet in dieser Form nicht stattgefunden hätte. Also als Verbrechen ein gefundenens Fressen (pun not intended) für Verfechter einer "guten alten Zeit" in der stärkere Familienstrukturen eine stärkere Kontrolle und somit eventuell ein frühes Entdecken derartiger Neigungen ermöglichen hätten können.
In Wirklichkeit verhält es sich aber so, dass die Polizei erst durch eine Anzeige eines Newsgroup-Benutzers auf den Kannibalen aufmerksam wurde, das neue Medium die Ermittler also erst auf die Spur brachte. Durch die Fortschritte in der Kriminalistik ist davon auszugehen, dass schreckliche Verbrechen aufgeklärt werden können, die noch vor einigen Jahrzehnten gänzlich unentdeckt geblieben wären. Womöglich hätte derselbe Täter in den 60er Jahren mangels geeigneter Triebbefriedigung wahllos Menschen in seinem Haus getötet, ohne dass das jemals ans Licht gekommen wäre.
Natürlich weiden sich die Medien an dieser Tragödie und die Öffentlichkeit leidet an Albträumen, weil der brave Computerfreak von nebenan ein Kannibale sein könnte. Dass das europaweit vielleicht alle 50 Jahre ein Mal vorkommt tritt in den Hintergrund.
Michael Moore argumentiert in "Bowling for Columbine", dass Angst ein Volk klein halten kann und die zunehmende quotenbedingte Gewaltorientierung der Berichterstattung im Fernsehen einer Regierung helfen kann, unpopuläre Entscheidungen durchzubringen.
Das mag für Deutschland nur in geringerem Maße zutreffen.
Die Hysterie und der Pessimismus, der hierzulande herrscht, erhalten aber mit Sicherheit weiteren Auftrieb.
Und Pessimismus ist das letzte, was wir zur Zeit brauchen können.