DEBATTE
Mörderische Frömmigkeit
Auch wenn Kritiker des Irak-Kriegs wie Michael Moore vielleicht anders argumentieren: Die Kriege in Afghanistan und im Irak werden nicht geführt, um Kolonien oder Provinzen zu erwerben. Zur Debatte steht, ob es unter westlicher Aufsicht möglich ist, eine stabile Bürokratie und eine friedfertige Mittelschicht in diesen gescheiterten arabisch-islamischen Nationalstaaten, in denen die Gesellschaftsordnung weitgehend auf Stammesloyalität, Korruption und der Unterdrückung der Frauen basiert, heranzuziehen.
Der islamistische Widerstand gründet sich auf den tiefen Glauben, dass diese modernen westlichen Institutionen und Konzepte der Scharia, dem islamischen Gesetzeswerk, diametral entgegenstehen. Damit haben die Islamisten absolut recht. Diese westlichen Konzepte bieten dem einzelnen Bürger Autonomie und Freiheit und machen die Wünsche der freien Gemeinschaft freier Bürger zum Schwerpunkt der Macht in der Gesellschaft - die angebliche Antithese zur Scharia.
Traditionell schweigt die Umma, die weltweite Gemeinschaft der Muslime, über Missstände in den eigenen Reihen. Es gibt praktisch keinen Protest der westlichen und arabischen Muslime über Straftaten in der arabisch-islamischen Welt. Saddam Hussein konnte den Irak ausbluten, als wäre es seine eigene private Provinz gewesen, ohne dass es Demonstrationen von Arabern oder Muslimen in Europa oder Nordamerika gab. In dem gescheiterten Nationalstaat Afghanistan konnten Korangelehrte eine kulturelle und humanitäre Einöde schaffen, ohne dass Muslime auf die Straßen drängten, um das Ende dieser unmenschlichen Ideologie zu fordern.
Dieses Schweigen endete, als westliche Mächte sich das Recht nahmen, die Tyranneien, die Afghanistan und den Irak beherrschten, zu zerstören. Eine Vielzahl von Muslimen erhielt plötzlich eine Stimme; und sehr unterschiedliche Sympathisanten stimmten in den Chor der Gegner der amerikanischen Intervention in islamischen Ländern ein: Sowohl radikale als auch gemäßigte Muslime haben die Taten der amerikanischen und der britischen Regierung viel stärker und schroffer verdammt, als sie je die von Saddam Hussein verübten Massaker kritisierten, während säkulare und linke westliche Intellektuelle heftigen Widerstand gegen die amerikanisch-britischen Versuche, den barbarischen, frauenfeindlichen und in der Tat absurden religiösen Despotismus der Taliban zu beenden, zum Ausdruck brachten.
In den letzten Jahrzehnten wurden Millionen Muslime von anderen Muslimen getötet, und doch wird diese Tatsache von der islamischen Weltgemeinde weitgehend ignoriert. Nur wenige Muslime haben je öffentlich gefordert, dass die Umma einen Teil der moralischen und religiösen Verantwortung für diese entsetzlichen Massaker übernimmt. Die Arabische Liga ignoriert die Massaker an Muslimen durch andere Muslime geschickt, protestiert aber lautstark, wenn sich Zwischenfälle zwischen Israelis und Palästinensern ereignen. Dieser Zorn, insbesondere im Hinblick auf die Behandlung der palästinensischen Muslime und Christen durch die Israelis (deren Härte in keinem Vergleich zu der wüsten Zerstörung steht, die zum Beispiel Saddam Husseins Clan unter den irakischen Schiiten und Kurden verursacht hat), steht im starken Gegensatz zu dem ohrenbetäubenden Schweigen als Reaktion auf die Millionen muslimischer Opfer in diesen vernichtenden Konflikten.
Radikale Islamisten haben kein Interesse daran, den Irak von der Tyrannei zu befreien, sie haben kein Interesse an der Emanzipation der Frauen, an Reform, Erziehung, Gedankenfreiheit, Innovation oder unabhängiger Forschung; sie möchten eine Gesellschaft begründen, in der für Vielfalt, Gleichheit der Geschlechter, Multikulturelles, Religionsfreiheit und Selbstbestimmung des Einzelnen kein Platz ist, denn nichts davon entspricht dem Wunsch Allahs, wie der Koran angeblich sagt. Was die radikalen Islamisten wollen, ist eine Welt ohne Musik.