Die Sache mit dem Anrufen hat für mich so zwei Haken:
Einmal geht es im Bewerbungsgespräch ja darum, sich in möglichst gutem Licht darzustellen. Was u.a. bedeutet, dass man seinen derzeitigen bzw. alten Arbeitgeber nicht schlecht macht, egal wie beschissen dort das Arbeitsklima war und egal wie objektiv stümperhaft die Führungsriege den Laden geschmissen hat. Der Nr. 1 Grund warum Leute ihren Arbeitsplatz wechseln ist ein "suboptimales" Verhältnis zum Chef, um nicht zu sagen, ein unfähiger Chef. Sprich: hier kann ich als Bewerber nicht bei der Wahrheit bleiben, denn das wird mir sofort als persönlichen Mangel angekreidet, Motto: "na, wenn Sie sich richtig eingesetzt hätten..." Der typische Attributionsfehler: Personen in der Situation machen mehr die Situation für ihr Verhalten verantwortlich, Beobachter der selben Situation die Personen selbst.
Wenn jetzt wer bei meinem derzeitigen bzw. ehemaligen Arbeitgeber anruft, um dort Auskünfte über mich zu erhalten (Motto: "na, kommen'se, unter uns Pfarrerstöchtern, wie ist/war Herr/Frau XY denn nu wirklich?"), wird derjenige wohl mit meiner direkten Führungskraft (von Vorgesetzen wird ja nicht mehr gesprochen, um die Hierarchien zu kaschieren) verbunden. Nun, die hat zwei Möglichkeiten: entweder sie tut mir den Gefallen und "lobt mich über den grünen Klee", um mir möglichst wenig Steine in den Weg zu legen. Zumindest hält sie sich mit Kritik zurück und stellt mich auch in ein so positives Licht wie es nur geht, ohne das es nach "der lügt wie gedruckt" riecht. Oder aber sie "plaudert aus dem Nähkästchen" und gibt ihre subjektive Sicht der Dinge wieder, die - je nachdem - sowohl positives als auch negatives enthält. Und da sind wir wieder beim Mangel aller Beurteilungen: um etwas beurteilen zu können, muss ich als Führungskraft erstmal genügend Zeit mit Mitarbeiterführung überhaupt verbracht haben, um ausreichend Beurteilungsmaterial zu haben. Je größer die Führungsspanne, desto wackeliger wird dieses Datenmaterial. Und wenn ich jetzt noch divese Studien, wie sie regelmäßig in der FAZ und in anderen großen Wirtschaftszeitungen nachzulesen sind, angucke wie schlecht die Führung in deutschen Unternehmen wirklich ist, na dann... ist das alles andere als ein objektives Bild.
Worauf ich hinaus will: während der Angerufene relativ frei und offen über mich und mein Verhalten am Arbeitsplatz erzählen darf, kann ich als Bewerber noch lange nicht so offen über meinen (alten) Arbeitgeber im Gespräch erzählen. Als Bewerber habe ich also keine Möglichkeit, genauso offen meine Meinung zum selben Sachverhalt darzulegen. Am Ende steht sozusagen Aussage gegen Aussage, wobei die des Bewerbers in dem Sinne abgewertet wird, als er ja unter dem Druck steht, sich möglichst positiv darzustellen.