Es gibt auch eine andere Einschätzung, als die in dem Zeit-Artikel geäußerte.
Ich hatte einen Artikel gelesen, in dem Blix zitert wurde und die Schuld nicht dem Sicherheitsrat (oder den 'Kriegsgegnern') gegeben wurde. Ich hab den Artikel leider nicht finden können, weiß auch nicht mehr wo und wann genau ich ihn gelesen habe - ich habe aber ein Interview der "Welt am Sonntag" mit Blix gefunden, in dem diese Aussagen enthalten sind.
Zitat
Welt am Sonntag, 30. März 2003
Blix: [...] Ich hatte sogar kurz vor ihrer Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, das Gefühl, dass unsere Arbeit sie [- die US-Regierung -] irritierte. Ich hatte das Gefühl, sie wollten, dass wir verschiedene Ergebnisse unserer Inspektionen so herausstreichen, dass sie eine Resolution im Sicherheitsrat erhalten hätten.
[...]
Es ist klar, dass es wichtige Leute innerhalb der amerikanischen Administration gibt, die Waffeninspektionen als unnötigen Umweg sahen. Verantwortlich ist jedoch der Präsident - und ich glaube, er meinte es ehrlich, als er seine Rede vor der UN hielt, und auch, als die erste Resolution verabschiedet wurde. Die USA haben uns geholfen, indem sie sich zunächst hinter uns stellten. Doch nach dreieinhalb Monaten ließ man durchklingen, dass der Prozess nicht zu den gewünschten Resultaten führt. Aber das ist eine ziemlich kurze Zeit.
Ich halte das ganze Interview für lesenswert.
Die in dem Zeit-Artikel zum Ausdruck gebrachte Einschätzung ist m.E. teilweise falsch: Frankreich hat lange offen gelassen, am Irak-Krieg teilzunehmen, ihr Flugzeugträger hat (ich glaub) im Februar sog. Manöver im Mittelmeer durchgeführt und war damit m.E. de facto Teil der Drohkulisse. In der deutsch-französisch-russischen Initiative wurde die Drohkulisse ausdrücklich als notwendig erwähnt - die USA haben den Vorschlag geradezu erbost zurückgewiesen; bei Umsetzung dieses Plans hätten natürlich auch die genannten Länder an der Drohkulisse mitgemacht. Es war nur längst viel zu spät; die USA hatten den Aufmarsch ja schon begonnen, bevor sie überhaupt an die UNO herangetreten sind - und damals hat niemand Deutschland um Hilfe gefragt, sie war gar nicht erwünscht. Das wurde Schröder ja auch vorgeworfen: Er hätte im Wahlkampf Deutschlands Teilnahme an einem Irak-Feldzug im Wahlkampf ausgeschlossen, obwohl das damals niemand von Deutschland erwartet hätte.
Wie ist es denn möglich, dass sich ein deutscher Bundeskanzler öffentlich zu etwas positionieren konnte, das angeblich (noch) gar kein Thema war und sich ein gutes halbes Jahr später offenbar doch genauso entwickelt hat, wie das der Bundeskanzler damals befürchtet hat - und sogar gegen den UN-Sicherheitsrat, gegen viele enge Verbündete der USA, gegen die große Mehrheit aller Nationen und gegen die Meinung der Weltbevölkerung.
Mein Eindruck ist jedenfalls nicht, dass Schröder hellseherische Fähigkeiten besitzt oder dass es sich um einen Zufallstreffer handelt. Jetzt diese Entwicklung ausgerechnet dem anzukreiden, der als erster (wichtiger) Politiker öffentlich erklärt hat, dass er dies für völlig falsch hält, halte ich doch für fragwürdig.
Übrigens, etwas was dazu ganz gut passt:
Zitat
Die Zeit, 27. März 2003
[...] Schon beim deutsch-französchen Gipfel in Schwerin im Juli hatte der [französische] Präsident den deutschen Bundeskanzler hinter verschlossenen Türen mit seinen Befürchtungen über Amerikas Kriegsentschlossenheit derart alarmiert, dass Gerhard Schröder im Wahlkampf sofort die Friedensfahne hisste. [...]
Ich würde gerne einen Link angeben, aber entweder der Artikel ("Chiracs Kalter Krieg") ist gar nicht online oder ich find ihn nicht.