OFF TOPIC - passt aber gut zum hiesigen Verständnis von Geldanlage
Gefährliches Nichtstun
Erst verweigert sie sich jeder vernünftigen Geldanlage und huldigt ihrem Tagesgeldfetisch - um sich dann wie irre ins Risiko zu stürzen: eine Bestandsaufnahme der Generation ING-Diba.
von Christian Kirchner
Im Grunde genommen müsste ich meinen guten Freunden und besseren Bekannten dankbar sein. Denn allenfalls ein halbes Dutzend Mal habe ich in den letzten Jahren jene Frage gehört, der jedem Finanzjournalisten den Schreck in die Glieder fahren lässt: "Du bist ja so nah dran an den Sachen, da hast du doch sicher mal einen guten Tipp für mich, in welchen Fonds oder welche Aktie ich mal ein bisschen Geld anlegen soll."
Dass meine Beratungskompetenz bislang kaum auf die Probe gestellt wurde, liegt allerdings nicht an der Höflichkeit meiner Freunde und ihrem Wissen, dass mein Beruf gewissen Standesregeln unterliegt. Es liegt schlicht daran, dass ich umringt bin von Menschen, die ich die Generation ING-Diba getauft habe - in Anlehnung an den Verkaufsschlager des Tagesgeldkontos: Sie sind zwischen Mitte 20 und Mitte 40, meist Akademiker, städtisch, haben zwar ein gut gestempeltes Bonusheft beim Zahnarzt, aber auch eine veritable Versorgungslücke im Alter - und türmen ihre Ersparnisse fleißig auf Tagesgeldkonten, deren Verzinsung seit Jahren weitgehend von der Inflation aufgefressen wird.
Sie sind Totalverweigerer in Sachen Geldanlage, Fonds, Aktien, Vorsorge und Vermögensberatung. Sie ziehen einen Besuch beim Zahnarzt klar dem Besuch bei einem Anlageberater vor. Sie wissen, dass das, was sie in Sachen Geldanlage machen - nämlich weitgehend nichts - vollkommen irrationaler Quatsch ist. Sie zappen schnell weiter, wenn im Fernsehen die Riester-Rente erklärt wird, verschlingen aber - um kognitive Dissonanzen auszumerzen - jede Zeile über Falschberatung und Vertriebsdruck bei Banken, über Lehman-Zertifikate und natürlich die Risiken am Aktienmarkt - um sich zu beruhigen, dass Nichtstun auch eine gute Lösung sein kann.
Manche der älteren Vertreter der Generation ING-Diba haben früher mal ein bisschen mitgezockt am Neuen Markt, und dann haben sie einfach irgendwann nicht mehr ins Depot geschaut, als es bitter wurde. Dafür schauen sie heute um so öfter zufrieden auf ihr online geführtes Tagesgeldkonto, obwohl die Quartalsgutschriften an Zinsen nicht einmal für zwei Kaffee bei Starbucks reichen.
Weil die Generation ING-Diba demografisch (noch) Zulauf hat und auch in benachbarten Alterskohorten immer mehr Anhänger findet, ist die Zahl der Aktionäre im letzten halben Jahr laut dem Deutsche Aktieninstitut in Deutschland alleine im zweiten Halbjahr 2010 um eine halbe Million auf 8,2 Millionen gesunken. Und das trotz einer kräftigen Rally im Deutschen Aktienindex (DAX), dem stärksten Wirtschaftsaufschwung seit fünf Jahrzehnten und einer Rekordbeschäftigung am Arbeitsmarkt.
Die zwei Aktienmarktcrashs binnen nur zehn Jahren sind sicher ein Grund für diese Entwicklung, aber keineswegs der entscheidende. Schließlich folgte beiden Einbrüchen 2003 und 2009 auch eine fulminante Aufholjagd, und wer nicht gerade zu den zeitweiligen Höchstkursen eingestiegen ist, hat selbst mit deutschen Standardwerten bis heute ein meist nettes Plus eingefahren.
Das Problem ist vielmehr die Tatsache, dass Menschen weder in der Schule noch an der Universität wirklich dazu befähigt werden, Finanzprodukte zu verstehen und vernünftige Kriterien für ihre Geldanlage zu entwickeln. Ohne das Rüstzeug finden sie sich plötzlich, mit einem guten Einkommen oder gar einem Erbe ausgestattet, wieder in einer immer komplexeren Welt der Anlageprodukte, oft provisionsorientierter Berater und teils bis an die Schmerzgrenze besserwisserischer Verbraucherschützer, Politiker und mancher Finanzjournalisten, die garantiert an jeder Form der Geldanlage und jedem Produkt etwas auszusetzen haben.
Die Perfidie der Lage: Viele Vorsorgeprodukte mögen teuer sein, viele Berater trotz anderslautender Werbung nicht unabhängig, viele Banken frech - aber selbst ein teurer Fonds, eine frech provisionierte Riester-Police und sogar manche zu Recht verteufelte Kapitallebensversicherung hat gute Chancen, auf lange Sicht den negativen Realzins zu schlagen, den die Totalverweigerer der Generation ING-Diba derzeit erwirtschaften. Nur passt dies nur selten in die Köpfe jener Berufskritiker, denen jede Empathie fehlt für die Mischung aus Ignoranz und Verzweiflung, die für die Generation ING-Diba oft typisch ist.
Solange die Politik aber weiter glaubt, nicht die dringend nötige frühe Bildung der Anleger, sondern eine schärfere Regulierung von Finanzdienstleistern und Beratern sowie strengere Transparenzpflichten für Produkte brächten die Menschen wirklich weiter, wird die Verweigerergeneration weiter wachsen.
Natürlich folgt das gepflegte Nichtstun vieler Menschen auch der so einfachen wie kruden Logik: Wer nichts macht, macht eben auch nichts falsch. Für die Generation ING-Diba trifft das indes nicht zwingend zu. Denn wenn das, was in meinem Umfeld seit einer Weile passiert - und mir ist klar, dass ich mich mit dieser Analyse auf dem Gebiet der anekdotischen Evidenz bewege - halbwegs repräsentativ ist, machen viele Mitglieder der Generation ING-Diba nach Jahren des Nichtstuns einen Sprung, dass es einen nur kalt schütteln kann: Irgendwann geht es vom Tagesgeld geradewegs hinein in den Immobilienmarkt, von der mobilsten aller Anlageformen in die immobilste; wo vorher null Risiko war, gibt es plötzlich ein aberwitziges Klumpenrisiko.
Vernünftige und stark geförderte private oder betriebliche Altervorsorgemodelle hat es nie gegeben, und wenn doch, werden sie kurzerhand gekündigt oder stillgelegt. Menschen, die sich zuvor noch jahrelang ins Hemd machten, von ihrer Bank falsch beraten zu werden, hören plötzlich auf beruflich quer eingestiegene Immobilienmakler, zahlen ihnen fünfstellige Provisionen, ketten sich an jahrzehntelange Tilgungspläne, referieren über historische Chancen der niedrigen Zinsen und natürlich die drohende Inflation, man liest es ja überall.
Würde man die Wohnlagen und Kieze, über die manche so parlieren und die angeblich "schwer im Kommen" sind in Berlin, München, Hamburg oder Frankfurt, durch irgendwelche Internet- oder Biotechklitschen ersetzen - es wäre exakt der Sprech, den die Generation X am Neuen Markt vor gut zehn Jahren draufhatte. Mit bekanntem Ende.
Quelle: FTD, 01.02.2011