ZitatOriginal geschrieben von Bongomann
Zwang ist immer scheiße. Wenn die seltenen Erden wirklich selten werden, wird es schon der Markt richten, ob und wann man ein Handy wegwirft.
Hier hat der Markt eben keine selbstregulierende Funktion (Stichwort: Marktversagen). Das Coltan wird z. B. in der Demokratischen Republik Kongo unter Bedingungen gefördert, die an Sklaverei grenzen – und dies unter Lebensgefahr, denn die Coltan-Untertageminen können jederzeit einstürzen, da die Stollen nicht abgestützt werden. Teilweise herrscht Zwangsarbeit. Zudem gibt es durch die Förderung massive Umweltschäden. Diese Kosten müssen durch die weiterverarbeitende Industrie und letztendlich durch den Endverbraucher also gar nicht getragen werden, da sie gar nicht an die letztgenannten Marktteilnehmer weitergereicht werden. Stattdessen „übernehmen“ die Menschen in den Fördergebieten diese Kosten, ohne angemessen hierfür entlohnt bzw. entschädigt zu werden, da sie zu der Tätigkeit gezwungen werden und somit gar keine andere Wahl haben. Den Vorteil haben nur die vorwiegend in den reichen Industrieländern ansässigen Endkunden, wohingegen die Menschen in den Fördergebieten lediglich die Schäden zu übernehmen haben – und dies annähernd für lau. Selbst diejenigen, die nicht zu der Arbeit in den Minen gezwungen werden, arbeiten dort aber dennoch mehr oder weniger unter Zwang, da die einzige Alternative wäre, zu verhungern.
Zwar haben sich die Handyhersteller verpflichtet, kein Coltan zu verwenden, das unter unmenschlichen Bedingungen in der DR Kongo gewonnen wurde. Da das Coltan von dort aber mit „sauberem“ Coltan aus anderen Fördergebieten vermischt/verschmolzen wird, lässt sich im Nachhinein die Herkunft nicht mehr ermitteln und das „schmutzige“ Coltan landet zusammen mit dem „sauberen“ in den Mobiltelefonen. (Anm.: das „saubere“ Coltan aus China ist sicherlich unter nicht viel besseren Bedingungen wie in der DR Kongo gefördert worden, aber in China dürften die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung zumindest minimal besser sein.)
Eine Abgabe auf neue Elektrogeräte würde hier in Europa sicherlich niemandem wirklich wehtun und es wäre möglich, ein dringend notwendiges Recyclingsystem hiermit aufzubauen. Dies würde, wie schon geschrieben, auch den Druck aus den Rohstoffmärkten nehmen. Zudem stellt sich die Frage, ob wir Ein-Euro-Handies vom Grabbeltisch der Elektronikmärkte, die nach dem Abtelefonieren des Kartenguthabens erst in der Schublade und danach im Müll landen, wirklich brauchen...
Du hast eben selbst geschrieben „Zwang ist immer scheiße...“. Nur dürfte der Zwang, der durch eine im Verhältnis zum Gerätekaufpreis bzw. zur Gerätetypklasse geringen Abgabe besteht, deutlich leichter zu ertragen sein als die Zwangsarbeit in einer Coltanmine.
Ich will mich hier absolut nicht als besonders edel und moralisch darstellen. Auch ich habe vor ein paar Jahren mir noch das ein- oder andere Billiggerät zugelegt, das ich letztendlich so gut wie nicht genutzt habe und schließlich in der Schublade verschwunden ist. Aber nachdem das Thema der Rohstoff-, insbesondere der Coltangewinnung, mehr und mehr in die Öffentlichkeit gelangt ist und die Problematik mittlerweile jedem bewusst sein dürfte, kann man nicht mehr so weitermachen wie gehabt und einfach sagen „Der Markt wird’s schon richten.“.
Manchmal ist es eben nötig, dass der Staat bzw. die EU regulierend in den Markt eingreifen. Die Finanzkrise hat dies deutlich vor Augen geführt.