Ich sehe 2 Kernprobleme:
1) Derartige Großveranstaltungen sind letztlich immer unbeherrschbar. Die Angaben über die Teilnehmerzahlen weichen bei Großveranstaltungen jedes Mal extrem voneinander ab. Hier war das auch der Fall: der eine redet von 100.000 Teilnehmern, der andere sagt "geplant waren 500.000 Teilnehmer", wieder andere schwadronieren von 1 - 1,5 Millionen Ravern. Gezählt hat das keiner, kann auch keiner, dadurch hantiert man immer - auch bei der Planung - mit Fehlerquoten von mehreren hunderttausend Besuchern...
Selbst wenn man die Zahlen realistisch einschätzen könnte: derartige Menschenmengen sind immer unkontrollierbar und somit nicht planbar. Sobald irgendwo jemand durchdreht, sei es im Rahmen einer Massenpanik oder weil es zu einer Schlägerei kommt, weil irgendwo ein Unglück passiert, was auch immer - das ist schlicht nicht beherrschbar.
In diesem Fall mangelte es wohl an ausreichenden Pufferzonen und weil es mit dem Tunnelzugang ein besonders heikles Nadelöhr gab. Aber auch wenn das besser strukturiert gewesen wäre: wenn jetzt Zahlen über die Kapazität des Tunnels genannt werden frage ich mich, wer die eigentlich ausgerechnet hat, auf welcher Grundlage und wie realistisch sowas ist. Am Ende sind es doch nur Hochrechnungen, die auf Annahmen beruhen, die sich irgendein Hanswurst aufgrund persönlicher Ansicht und Schätzung ausdenkt...
Bei der Loveparade kommt - anders als beim Kirchentag mit frommen und disziplinierten Gutmenschen - noch dazu, dass durch Musik, Alkohol und Drogen aufgeputschte Leute unterwegs sind...
Man hätte neben dem Tunnel noch 20 weitere Zugänge zum Gelände schaffen können - es hätte wahrscheinlich dennoch das gleiche Szenarium gegeben weil das Problem bleibt: Zu viele Menschen konzentrieren sich auf einer Stelle und die Unplanbarkeit solcher Menschenmassen bleibt selbst bei den tollsten Modellrechnungen bestehen.
2) Politik und Medien...
Im Vorfeld will keiner der Spielverderber sein. Einer Stadt bringt die Veranstaltung eine riesige Aufmerksamkeit, womöglich Geld, sei es direkt oder indirekt indem man eine große Werbeaktion damit verbindet. "Love"parade steht für Liebe, Frieden, junge Leute, Musik, Spaß... welcher Bürgermeister stellt sich dann hin und lehnt sowas ab? Jeder will dabei sein und ist dafür.
Spielverderber, die sagen "zu groß, zu teuer, zu laut, zu gefährlich, Drogen, Müll, Alk...." werden mundtot gemacht. Manche, weil sie als Berufs-Bedenkenträger sowieso immer dagegen und nicht ernst zu nehmen sind, andere, weil man sich die Aktion nicht kaputt machen lassen will und "naja, es wird schon gut gehen.".
Jetzt ist es tatsächlich schief gegangen und prompt ist natürlich keiner Schuld. Es sind immer die anderen, die den Fehler gemacht haben und jetzt bekommen umgekehrt die Bedenkenträger Oberwasser: auf einmal hat natürlich jeder gewarnt und gewusst, wie heikel alles war, dass die Planungen ja üüüüüberhaupt nie klappen konnten. Prompt tauchen auch in allen Medien diejenigen auf, die schon vorher wussten, dass es zur Katastrophe kommen wird...
Die Medien schlachten beides aus. Jedem mit normalem Menschenverstand ist eigentlich klar, egal ob Loveparade oder die Hadsch nach Mekka, zu viele Leute an einem Ort, Panik, dann ist die Katastrophe da. Meistens passiert ja nichts, wenn aber doch ist das einfach nicht aufzuhalten bei derartigen Massenansammlungen von Menschen. Dennoch wird es sensationell aufgebauscht, selbst die ARD und der WDR, eigentlich seriöse Medienanstalten, mischen mit.
Genauso springen jetzt diverse Politikernasen aus der Bundes- und Landesregierung auf den PR-Zug auf. Ich weiß nicht, wieso die jetzt dort in der Szenerie erscheinen und mitreden...
Ich persönlich bedauere den Tod der Menschen und die Verletzten, aber mich überrascht das alles nicht. Es ist der Preis, den man zahlt wenn man derartige Veranstaltungen abhält. Genauso wie Verkehrstote zum Straßenverkehr gehören - auch da bekommen wir Raser und Betrunkene oder unsichere Leute nicht gänzlich eliminiert.
Das klingt zynisch, es ist aber einfach so. Es ist "normal" dass Menschen tödlich verunglücken wenn sie mit Geschwindigkeiten, für die der Mensch nicht ausgelegt ist, Auto fahren; und genauso normal ist, dass in riesigen Menschenansammlungen unplanbare Paniken entstehen können.
Dass es hier im Tunnel war verschleiert doch, dass es auch an jeder anderen Stelle (vor einer Bühne etc.) hätte passieren können. Und die Medien machen eine Sensation draus, damit hingeschaut wird.