In 2004 habe ich beim Zoll die Information gehört, dass 80% der weltweiten Bekleidungsproduktion aus China, Vietnam, Bangladesh und Pakistan stammt. Das mag sich heute verschoben haben oder nicht, aber es zeigt doch eins: dass die billigen genauso wie die teuren Anbieter längst, egal ob Stoffe oder fertige Bekleidung, in Billiglohnländern produzieren lassen und der Grund wird immer der Preis oder die "unkomplizierten Auflagen" - im Klartext Kinderarbeit und ungesunde Produktionsbedingungen sowie Ausbeutung armer Bevölkerung - sein.
Die angeblich so moralischen Markenhersteller arbeiten oft mit dem Trick, dass die Hose nach ihrer Ansicht erst durch das Aufnähen des Labels zur Markenhose wird. Also werden die Hosen genau da genäht, wo auch die Hosen vom KiK etc. hergestellt werden, und man importiert diese Ware dann als Billigjeans ohne Etikett in die EU. Die Importgebühren halten sich im Rahmen weil sich der hohe Zollsatz bei sehr preiswerten Warenwerten nicht wirklich bemerkbar macht.
Aus dem 3 EUR-Jeans-Rohling wird dann erst durch Aufnähen des entsprechenden Etiketts einer bekannten Modefirma die teure Designerjeans und DIE wurde dann ja sozusagen in dem Land hergestellt, in dem das Etikett aufgenäht wurde. Die Jeans ist dann also angeblich "Made in Italy" etc., obwohl sie genauso aus China stammt wie jede No-name-Jeans.
Den Profit streichen hier Geschäftemacher ein, die angeblich gute Markenware anbieten und dafür entsprechende Preise kassieren, in Wirklichkeit aber noch unehrlicher sind als diejenigen, die gar nicht erst verstecken, dass die Hosen daher kommen, wo nahezu alle Hosen herkommen.
Ich sehe sowas in einem größeren Zusammenhang, genauso wie die aktuelle Finanzkrise. In der Wirtschaft gilt nur noch der schnelle Profit, das ungehemmte Absahnen, ohne Rücksicht auf Verluste. Es zählt nicht mehr das Wohl des Gesamtunternehmens mit allen Mitarbeitern, sondern in der Chefetage werden sich die Taschen vollgestopft und die Mitarbeiter werden abgebaut, durch billige Zeitarbeiter ersetzt oder die Produktion im Rahmen der Globalisierung an einen Standort verschoben, wo Menschen bereit sind fast alles zu machen weil sie sonst gar keine Überlebenschance haben.
Die Politik spielt mit, man schaue sich mal an welche Beraterverträge, Aufsichtsratsmandate, Firmenbeteiligungen etc. viele Abgeordnete selbst noch während ihrer aktiven Zeit haben, geschweige denn wo die Herren nach ihrer Zeit in der Politik landen. Schröder als Genosse der Bosse, Clement als ehemaliger Wirtschaftminister der Regierung, die die Zeitarbeit massiv gepuscht und Hartz 4 verschäft hat, als Beteiligter eines Zeitarbeitsunternehmens und Lobbyist der Energiewirtschaft, der Ex-Verkehrsminister Wissmann als Präsident eines Automobilverbandes, Friedrich Merz hat so viele Pöstchen, dass man sich fragt "Wie schafft der Mann das zeitlich alles?", ein Prof. Rürup berät erst die Regierung in Rentenfragen und schafft die Rürup-Rente, inzwischen wechselt er zum Finanzdienstleister AWD und verkauft dort Produkte, die er selbst erfunden hat... und diese Litanei kann man seitenweise weiterführen.
Die Eliten in Politik und Wirtschaft schaffen da Verhältnisse, gegen die sich "der kleine Mann" doch selber gar nicht wehren kann! Es laufen Machenschaften, wo es schlicht lächerlich ist darüber zu streiten ob man die Jeans bei KiK oder im Designerladen kauft, denn es geht um ganz andere Ebenen.
Die Bürger leben von der Hand in den Mund und haben doch gar nicht wirklich in der Hand, was gesellschaftlich gespielt wird. Wer heute glaubt, mit seinem Kaufverhalten globale Entwicklungen und Verstrickungen zu beeinflussen, ist entweder hoffnungslos optimistisch oder merkt nicht, was da eigentlich in großen Zusammenhängen gespielt wird.
Zwar geht es in vielen armen Ländern ums physische Überleben, aber auch hier sorgen sich Leute um ihre Existenz. Mit wenig Geld in einer Gesellschaft, die viele Bedürfnisse und Wünsche weckt, in der man nur mithalten kann, wenn man die richtigen Klamotten hat, ein nagelneues Zweit- und Dritthandy besitzt, wo die Zukunft daran hängt ob in der Bewerbung ein einziger Kommafehler auffällt, den ein Mitbewerber nicht gemacht hat, wo allein schon das Alter oder die Tatsache, dass jemand ein Kind hat, einen fast zum Sozialfall macht, ein Armutsrisiko birgt und bei Bewerbungen alle Chancen versaut - da ist die Diskussion nicht "MUSS man ein Dritthandy haben?", "Wo kaufe ich meine Jeans?" oder "Warum kann jemand die Korrekturfunktion des Textverarbeitungsprogramms nicht bedienen?", sondern es geht vielmehr um die grundsätzliche Ausrichtung der Gesellschaft. Wo steuern wir eigentlich hin???
Wie will man der Masse der Menschen auf der untersten Stufe vorwerfen, dass sie geweckten Erwartungen nachgeben und sich auch für den Konsum "unsinniger" Dinge abstrampeln, wenn das ganze System sie zwingt, mitmachen zu müssen? Es kann einfach nicht jeder ein Aussteiger sein und sich von den Lebensumständen seiner Umwelt lossagen. So funktionieren soziale Gruppierungen nicht.
Und noch einen Schritt weiter: viele LEBEN davon, dass im Überfluss produziert und verkauft wird!
Hier also immer wieder an die einzelnen Bürger zu appellieren und zu kritisieren geht doch am eigentlichen Problem vorbei: dass die Weichen falsch gestellt werden und die Weltwirtschaft von maßlosen Managern an den Rand des Kollapses gebracht wird. Kurzfristig mit der Finanzkrise, langfristig durch ein exzessives Gewinnstreben ohne Verantwortung und Rücksicht auf das Gemeinwohl. Dieses zu stoppen oder zu verändern kann nicht die Aufgabe des einzelnen Bürgers sein, indem er seine Jeans hier oder da kauft.
Da muss sich in den Köpfen der Entscheidungsträger in den Konzernzentralen, im Management, in der Politik etwas verändern damit die Weichen anders gestellt werden! Das, was im Finanzwesen gerade zumindest gesagt wird (mal sehen, was rauskommt), dass man die Akteure nicht einfach weiter machen lassen darf, sondern dass Spielregeln her müssen um Auswüchse zu verhindern, das muss auch in vielen anderen Bereichen stattfinden.
Das Umdenken muss nicht allein bei Bürgern stattfinden - die kapieren das nämlich sehr schnell und kaufen, was sie sich leisten können und was angeboten wird! - es muss vor allem "von oben" kommen. Die Masse zieht dann schon mit, wenn die Gesamtverhältnisse passen.
Wenn man das Geld dazu hat und sicher wäre, dass die teure Jeans wirklich fair produziert worden ist, würde mancher sie gerne kaufen. Solange man es aber nicht weiß und auch nicht das Geld dazu hat, ist es immer nur ein unzureichender Tropfen auf den heißen Stein wenn auf ein paar (durchaus löbliche) Nischenhersteller mit deutschen Produktionsstandorten verwiesen wird.