Zu der rechtlichen Sache kann ich nix sagen, aber zur menschlichen Situation.
a) Ich wohne in einer ländlichen Gegend und hier gibt es viele Hunde. Wenn ich ein paar Schritte in die nahen Felder und Wälder spazieren gehe treffe ich alle naselang auf Spaziergänger mit Hunden und passiere Gehöfte, auf denen Hunde leben.
Und regelmäßig geht mein Puls hoch wenn irgendein Hund angerannt kommt, denn ich weiß erstmal nicht ob er an mir vorbeirennen wird, schnüffeln will, mich anspringen wird.
Wer gegenüber fremden Hunden eher ängstlich ist sieht das nun mal nicht gelassen. Man würde es sich von keinem Menschen gefallen lassen andauernd so erschreckt zu werden und würde demjenigen am liebsten links und rechts eine watschen. Nur weil es ein Hund ist, ist der Stresspegel nicht kleiner, eher im Gegenteil, denn dessen Reaktionen kann ich erstmal nicht wirklich erkennen, denn ich spreche nicht seine Sprache.
Angekläfft zu werden ist extrem laut und angsteinflössend. Wie würdest du, lieber Threadersteller, denn reagieren wenn z. B. irgendein Fremder mit nem Spaten in der Hand auf dich zurennt und dich ohrenbetäubend anbrüllt? Denkst du dann "Ach, der will nur nen Spass machen, der will nur spielen und tut sowieso nix." Und wenn er dich dann auch noch anpackt - analog zum anspringen - denkst du immer noch weiter "Hey, ist doch alles nur Spass" und lachst mit? Sicher nicht!
Diese saudummen Sprüche, die dann immer kommen "Der tut nichts", "Der will nur spielen", oder geheuchelte Ermahnungen an den Hund "Hierher, Schnucki", nützen da erstmal gar nichts, denn die Stresssituation ist da und die Hose besifft wenn der Drecksköter seine Sabberschnauze daran abgewischt hat.
Wenn deine Mutter nicht verhindern konnte dass euer Hund ein Kind anspringt - sorry, aber dann hatte sie den Hund nicht unter Kontrolle. Sie war mit der Haustür beschäftigt. Dass euer Hund angeblich nicht beißt - ja, das kannst du so schreiben, aber wenn er selber durch ein Kind erschreckt wird reagiert er vielleicht mal anders als ihr denkt.
Dass eine Mutter die Nerven verliert wenn ihr Kind in diese Lage gerät, verstehe ich nur zu gut und denke dass hier grundsätzlich Hundehalter in der Pflicht sind. Kinder laufen auf der Straße und Hunde gehören an die Leine und so unter die Kontrolle ihrer Herrchen und Frauchen, dass sowas, wie hier geschehen, einfach nicht passiert. Es kann nicht sein dass Menschen erschreckt werden damit Hunde unbehelligt agieren können.
Also greift euch, nachdem ihr mal darüber geschlafen habt, an die eigene Nase und überlegt mal wie die Sache aus Sicht der Gegenpartei aussieht. Wäre z. B. deine Mutter von den beiden "netten kleinen Wauwaus", die ich im nächsten Abschnitt beschreibe, angesprungen worden, würdest du nämlich sicher nicht so locker-flockig schreiben - auch wenn sie nicht gebissen worden wäre.
b) Meine Freundin hat gleich 2 Hunde in der Familie, einen richtig furchteinflössenden Schäferhund und einen sehr lieben, aber riesengroßen Berner Sennenhund. Gerade der Schäferhund ist kein Kuscheltierchen, sondern ein richtiger Wachhund, zwar sehr gelehrig und gegenüber Bekannten handzahm, aber eine richtige Waffe gegenüber Fremden. Der andere ist zwar harmlos, aber allein das Bild, wenn dieser Riese angelaufen kommt... und wenn sie zusammen angerannt kommen... dann bleibt dein Herz stehen, wenn du Fremder bist.
Ich kenne beide sehr gut und habe absolut keine Probleme mit ihnen, für mich sind das treue Freunde, dich mich genauso mögen und akzeptieren wie ich sie. Das Haus liegt etwas abgelegen, und wenn da in der Dämmerung irgendein dubioser Zeitgenosse aus unbekannten Gründen zu nah am Grundstück langschleicht und dann plötzlich, nur durch einen eher kleinen Zaun getrennt, vor diesen beiden furchteinflössenden Hunden steht, geschieht ihm das nur Recht.
Dasselbe gilt für einen Bauarbeiter, der trotz großer Warnschilder und unübersehbarer Klingel meint, einfach mal über den Zaun klettern zu dürfen, um irgendwas auf dem Grundstück fummeln zu können.
Da bin ich ganz schnell bereit 100% Verständnis für die Hunde und gegen die Herumschleicher zu haben. Was haben sie da auch verloren?
Wenn wir mit den beiden spazieren gehen weiß ich dass wir die Hunde unter Kontrolle haben. Der Schäferhund hört absolut gut und insbesondere auf mich als Bezugsperson, der Berner Sennenhund hört einen Tick schlechter, ist aber harmlos und greift niemanden an. Sie laufen nur dann ohne Leine wenn niemand in der Nähe ist, ansonsten haben wir sie immer an der Leine und so in Reichweite, dass sie keinem Spaziergänger nahe kommen. Da mache ich mir dann wenige Gedanken über Entgegenkommende, denn ICH weiß dass sie nicht belästigt werden.
Wenn ich mich aber in deren Rolle versetze: die sehen, vielleicht vor mir, aus der Entfernung einen herumrennenden Schäferhund und einen weiteren Riesen. Und sie wissen nicht dass die beiden Hunde nicht jeden Moment auf sie zurennen werden, sondern hören wenn meine Freundin oder ich sie rufen. Also haben die Spaziergänger vielleicht schon ein Unwohlsein in der Magengegend oder einen dicken Kloß im Hals, denn erstmal wissen sie nicht dass nichts passieren wird.
Lange Rede, wenig Sinn: ich kann mich in beide Rollen versetzen und mag vor allem diese einseitigen Sichtweisen nicht: "Unser süßer Hund tut doch keinem was" ist genauso unsinnig wie "Alle Köter gehören eingeschläfert weil die alle kleine Kinder fressen!".
Manchmal wäre es gut über den Tellerrand zu schauen und mal wirklich zu sehen wie es aus Sicht der anderen Partei ausschaut.
In diesem Fall verstehe ich das schon gut dass ein Kind erschrickt und eine Mutter auch, für die ist das eben nicht der liebe Lucky, der keinem etwas tut, sondern ein fremder, bellender Hund, der auf das Kind reagiert und diesem richtig Angst gemacht hat. Euer Hund hat das Kind immerhin angesprungen! Das ist IMHO keine Kleinigkeit wie "jaja, er hat halt mal gebellt", sondern dass ist schon eine ziemlich harte Nummer...
Diese Nachbarn wissen in der Situation nicht wer euer Hund ist und was er tut oder nicht tut, die wissen nur dass das Kind richtig Angst und die Mutter einen Riesenschreck hatte. Da kann euer Hund für euch lieb sein wie er will, für die Nachbarn war er's nicht, denn die sehen es einfach mit anderen Augen - und haben aus ihrer Sicht genauso Recht wie du und deine Mutter.
Wenn mich ein fremder Hund anspringen würde - das ist mir einmal passiert - habe ich auch die Nerven verloren, und das junge Mädel, was dann hinterher kam, richtiggehend in Grund und Boden gebrüllt. Einfach weil ich richtig unter Adrenalin war und mir war deswegen auch scheissegal dass ich sie unangespitzt in den Boden gerammt habe, sie so aggressiv angebrüllt habe dass sie zitterte und am flennen war. Pech gehabt, aber dann muss sie den Hund unter Kontrolle halten, weil das geht einfach nicht, dass Passanten auf der Straße angesprungen werden.
Ich würde es schlau finden jetzt nicht auch mit irgendwelchem Anwalts-Blabla zu kommen, sondern man kann ja erstmal den kleinen Dienstweg gehen. Es fällt deiner Mom kein Zacken aus der Krone wenn sie mit einer Tafel Schokolade für's Kind und ner Flasche Wein für die Mutter hingeht.
Bedauern für die unglückliche Situation äußern, Verständnis für die Erregung der anderen Seite zeigen, denn keine Mutter bleibt locker wenn ihr Kind von einem Hund angesprungen wird. Hätte deine Mom früher schulterzuckend weggeschaut wenn das mit dir passiert wäre? Sicher nicht...
Selbst wenn es doch noch höchst offiziell geklärt werden muss schadet es nicht mal miteinander zu sprechen, man kann ja reden mit de Leut'. Das macht sich immer besser als direkt genauso auf die Kacke zu hauen wie die Gegenseite...