Re: Hat mein Freund die Chance auf finanzielle Unterstützung?
Moinsen,
ich gehe die Fragestellung mal etwas grundsätzlicher an.
Wer von 05.00-19.30 Uhr unterwegs ist, mit einer alten Karre 120 km zur Arbeit und zurück fährt, gerade so vom Existenzminimum leben kann solange nichts schiefgeht und die Schulden der Ex abbezahlt, hat 2 Probleme: zum einen rein praktisch (ohne Moos nix los) aber zum anderen mit dem psychisch-physischen Raubbau an sich selbst.
Dein Freund muss erkennen, dass er momentan sowohl finanziell wie auch vom Lebenswandel her im Grenzbereich ist und es wird ihn früher oder später aus der Kurve hauen. Wo hat er denn mal einen ruhigen Lebensbereich, einen Rückzugsort, wo muss er sich keine Sorgen machen? Welchen Sinn hat ein Leben, in dem man nur schuftet um nicht unterzugehen, aber wo positive Dinge und Freunden kaum noch stattfinden?
Deine Initiative ist lobenswert und der Ansatz, sich nach Hilfen zu erkundigen, sehr gut. Erkennen, dass die aktuelle Lebenssituation nicht von Dauer sein kann, muss er aber selber, er wird sein Leben selber verändern müssen, das kann ihm keiner abnehmen. Das altruistische Verhalten, der Raubbau an sich selbst, schadet auf Dauer.
Rein praktisch kann man es schnell abfrühstücken:
- täglich 120 km mit einem alten Auto zur Arbeit zu fahren ist Irrsinn. Also: Wohnung im Radius von wenigen Kilometern um den Arbeitsort suchen und im Sommer mit dem Rad zur Arbeit fahren oder zu Fuß gehen; ggf. ÖPNV nutzen. Heißt: erheblich Benzinkosten sparen, die Umwelt schonen, länger schlafen, früher zuhause sein, weniger Sorge vor Ausfällen des Fahrzeugs oder dem TÜV. Mehr Bewegung, Kälte, Wärme, Sonne, Licht und Regen spüren, mehr Zeit zur Erholung, räumliche Veränderung und "Neuanfang" an einem anderen Ort um sich zu sortieren und in einem neuen Umfeld nochmal unbelastet zu starten - wobei er alte Freunde ja nicht vergessen muss, aber die schlechten Dinge zurücklassen kann.
- bei der örtlichen Tafel melden und Lebensmittel zu vergünstigten Konditionen erhalten; nebenbei sozialer Kontakt zu Menschen in vergleichbarer Lage mit Informationsaustausch und dem entlastenden Gefühl, nicht alleine zu sein sondern sich mit verständigen Gleichgesinnten austauschen zu können (nicht alle Leute werden ihm liegen, aber vielleicht ist jemand dabei...). Hier hat er nicht den Stempel des Gescheiterten auf der Stirn, sondern alle haben das gleiche Schicksal. Es mag da auch Assis geben, die ihm nicht liegen, aber vielleicht auch Menschen, mir denen er eine Wellenlänge hat.
- Beratungen ausfindig machen, sowohl was das Finanzielle angeht - MUSS er für die Ex zahlen? Wieviel? Zahlt er vielleicht schon zuviel oder sinnlos (nur Zinsen und null Tilgung?) - als auch für die persönliche Situation, je nachdem ob er unter der Trennung mit der persönlichen Enttäuschung und Liebeskummer leidet oder seine Lebenssituation als sinnlos empfindet. Wichtig ist ja, dass er am Ende ein glücklicher Mensch mit einer Perspektive ist - nicht einer, der sich nur verlassen, verarscht, ausgenutzt und finanziell ruiniert fühlt.
- gebt ihm immer das Gefühl, dass Geld keinerlei Rolle in eurem persönlichen Verhältnis spielt. Lade ihn z. B. öfter mal zum Quatschen und dabei Essen ein, du besorgst z. B. Schnitzel und Bier, er den Salat und die Tüte Holzkohle für 2,99 EUR, die fast die ganze WM über reicht (naja, die ersten paar Spiele
). Aber so trägt jeder etwas bei und er wird nicht als der Almosenempfänger definiert. Das hat etwas mit Würde zu tun, er ist nicht der untergeordnete, weniger leistungsfähige Part, der arme Schlucker, den alle wehleidig als Loser betrachten, sondern er hat vollwertig mitgewirkt, wenngleich er doch subtil Unterstützung erfährt weil du "zufällig" die teuren Sachen beschaffst...
- Sorge für Entlastung und andere Gedanken! Das ist immens (!) wichtig weil die Scheißsache mit der Ex und die permanenten Geldsorgen in seinem Leben sehr präsent sein werden. Geht wandern, radfahren, geht während der WM zum Public viewing oder unternehmt sonstwas Kostenloses/Preiswertes, er er braucht einen entspannenden Gegenpol zu dem Druck von Geld, verlorener Frau und zeitlichem Eingespannt-Sein. Gerade beim Fuppes ist man Teil der Fangemeinde und taucht ein, da vergisst man die Alltagsprobleme für ein paar Stunden, die WM kommt wie gerufen. Selbst wenn er kein ausgemachter Fussballfan ist - unter Leuten zu sein, dabei zu sein, wird ihm gut tun.
- Er braucht ein (neues) soziales Umfeld, z. B. einen Sportverein oder irgendein Hobby, wo er unter Leute und auf andere Gedanken kommt, wo Engagement gedankt wird und er nicht nur der Ausgenutzte der Lebenssituation ist. Oft verliert man mit der Frau den gemeinsamen oder mit ihr verbundenen Freundeskreis. Dafür muss Ersatz geschaffen werden.
Schwieriger dürfte sein, ihn ggf. mit sanftem Druck dahin zu bringen, nicht pausenlos (vielleicht sogar sinnlos) zu ackern bis zum Umfallen, sondern sich aus der Tretmühle zu befreien. Er muss nach vorne sehen und nicht mehr immer an die Ex und ihr schlimmes Erbe denken, nicht so lange und weit zur Arbeit fahren, sich nicht immer aufreiben. Stattdessen: arbeiten gehen und danach, wenn auch in bescheidenen, so aber doch sicheren Umständen leben und abschalten können. Manche Leute müssen sowas erst lernen... Es wird Kraft und Mühe kosten, sich aufzuraffen, das Leben zu verändern ist schwer. Muss aber jetzt sein!