Also um das mal etwas zu versachlichen...
Polizisten, Feuerwehrmänner etc. haben im Einsatzfall personenbezogene (!) Sonderrechte. Das bedeutet daß es keine Rolle spielt in welchem Auto sie sitzen, sondern eine Alarmierung rechtfertigt das Übertreten der STVO.
Insofern braucht es nicht mal ein Feuerwehr-Schild auf dem Dach, es dürfte auch ohne jede Kennzeichnung mit Sonderrechten gefahren, also Regeln der STVO übertreten werden, werden wenn es nötig ist.
Allerdings sind diese Sonderrechte zu unterscheiden von den Wegerechten, die man mit Blaulicht und Martinshorn wahrnimmt - dann müssen andere Verkehrsteilnehmer nämlich unverzüglich freie Bahn schaffen. Diese Wegerechte kann man ohne Sondersignale (egal ob das Blaulicht + Horn nicht eingeschaltet ist oder man im Privatauto fährt) verständlicherweise nicht wahrnehmen. Heißt also: wer mit einem Feuerwehr-Schild auf dem Dach herumfährt kann nicht erwarten daß andere ihm Platz machen bzw. dazu ist dann niemand verpflichtet.
Eine andere Frage ist natürlich ob es Sinn macht trotzdem freie Bahn zu schaffen. Man sollte schon davon ausgehen daß jemand, der zügig unterwegs ist und sich als Feuerwehrmann kennzeichnet, im Zweifel tatsächlich zu einem Einsatz unterwegs ist, und wenn man selber Verletzter wäre oder jemand, den man liebt, würde man es sicher auch gut finden wenn es schnell geht und die Feuerwehr nicht von Prinzipienreitern aufgehalten wird, die, weil sie keinen Platz machen MÜSSEN, es auch nicht tun.
Das gleiche gilt für die Diskussion um Blaulicht um Martinshorn. Genau genommen kann man Wegerechtre nur in Anspruch nehmen wenn man beides zugleich eingeschaltet hat. Die "ganz schlauen Blitzmerker" fahren deswegen nicht beiseite wenn ein Fahrzeug kommt und nur Blaulicht eingeschaltet hat. Rechtlich ist das zwar nicht zu beanstanden und bewegt sich im legalen Rahmen - aber wenn man sich die Sinnfrage stellt kommt man schnell dahinter daß normalerweise niemand mit Blaulicht durch die Gegend fährt nur weil das lustig ist (dazu später mehr).
Es gibt zahlreiche Gründe in verschiedenen Situationen nur mit Blaulicht zu fahren, dementsprechend schwachsinnig ist es wenn Prinzipienreiter dann keinen Platz machen und sich auf die theoretische Rechtslage berufen.
Jetzt zu einem anderen Aspekt der Geschichte.
Ich weiß aus 13 Jahren im Rettungsdienst und einigen tausend Einsätzen, oft auch zusammen mit der Polizei und diversen Dorf-Feuerwehren im Umkreis, daß das Fahren mit Blaulicht und Martinshorn natürlich einen gewissen Reiz hat. Es wird auch jeder zugeben müssen, daß es natürlich Spaß macht und jeder von den legendären Einsätzen schwärmt, in denen man "auf die (Auto)Bahn fährt und ein paar Kilometer Stau aufmischt".
Dieser Faszination unterliegen insbesondere die "Feuerpatschen" vom Dorf, weil deren Alarmierungen im Gegensatz zum Rettungsdienst, wo je nach Wache zahlreiche Einsätze jeden Tag gefahren werden (auf meiner Wache: ca. 10 Einsätze pro 24-Std.-Schicht, in Großstädten locker 15-20), natürlich Seltensheitswert haben - wenn schon mal etwas passiert und man tatsächlich alarmiert wird "muß auch die Show stimmen".
Andererseits spielen der Grad der Erfahrung, die Häufigkeit der Alarmierung und das Alarmierungsstichwort auch insofern eine Rolle als es entscheidend über den Streßpegel bestimmt, der auf der Anfahrt ausgelöst wird. Viele Leute reagieren sicher auch deswegen inadäquat weil ihre Nervosität geistige Kapazitäten blockiert und sie unangemessen unterwegs sind.
Das erklärt das Verhalten mancher Leute. Rechtfertigen tut es das in keiner Weise. Ich bin immer jemand gewesen, der das Thema toternst (manchmal im wahrsten Sinne des Wortes) fand und überhaupt keinen Spaß versteht wenn Leute sich nicht benehmen. Daß das Image von rettungsdiensten, Feuerwehr oder Polizei beschädigt wird ist da noch das geringste Problem.
Viel wichtiger ist daß Einsatzfahrten 8x gefährlicher sind als die normale Teilnahme am Straßenverkehr. Statistisch entsteht alle 12 Sekunden eine kritische Verkehrssituation und es dürfte niemanden geben, dem nicht der ein- oder andere Unfall auf Einssatzfahrten bekannt ist, des es knallt häufig, und manchmal mit tödlichem Ausgang.
Daß das Risisko hoch ist weiß jeder, auch daß man es nicht ganz ausschalten kann. Für mich sind aber Wachleiter und Feuerwehr-Chefs gefordert gegen Idioten, die unverantwortlich unterwegs sind, knallhart und ohne jede Rücksicht durchzugreifen. Dem "Spaßfaktor" muß absolut konsequent entgegen gewirkt werden, denn wer sich davon hinreißen läßt weiß nicht was er da tut.
Ich habe in 13 Jahren keinen einzigen Fall erlebt, bei dem tatsächlich - wie immer so gerne gesagt wird - mit Blaulicht Fritten eingekauft wurden, und ein Zivi, der damit aufgefallen war daß er mit Sondersignalen unterwegs war um eine Verspätung bei einem Krankentransport aufzuholen, ist für den rest seiner Karriere nie wieder ans Steuer gelassen worden. SO muß es laufen, und nicht anders. Das Geschrei ist, wie auch bei Diskorasern und anderen Deppen, immer erst dann groß wenn etwas passiert ist und den Leuten klar wird welche Kräfte und welche Gewalt da eigentlich wirkt wenn es knallt. Gerade Einsatzkräften sollte das besonders klar sein.
Ich weiß auch daß man immer wieder mal schlechte Beispiele sieht, wo Leute absolut hirnlos durch die Gegend brettern. Es ist auch klar daß da Handlungsdbedarf besteht.
Trotzdem ergreife ich aber auch Partei dafür im Zweifel davon auszugehen daß nicht allein zum Spaß mit Sonderrechten durch die gegend gefahren wird, sondern in den meisten Fällen tatsächlich eine ernste Sache dahinter steckt. Und wie gesagt, wenn man selber betroffen wäre würde man sich auch wünschen daß die Hilfe schnell kommt. Deswegen: keine Akzeptanz gegenüber hirnloser Raserei unter dem Deckmäntelchen irgendwelcher Einsätze, aber bitte auch keine generellen Unterstellungen, augenzwinkernd, daß da bestimmt wieder nur Fritten geholt würden... Etwas ernster ist die Sache nämlich meistens schon.
Ach ja, in meiner aktiven Zeit habe ich im weiteren Umkreis meiner Wache 3 Verkehrsunfälle auf Einsatzfahrten mit tödlichem Ausgang erlebt und diverse Unfälle mit "nur" Sachschäden oder kleineren Personenschäden. Der letzte tödliche Unfall hier in der Region ist gerade mal ein labes Jahr her: klickklick .
Gerade den letzten Link sollte man den Rasern um die Ohren hauen, bzw. die hätten sich die Unfallstelle und die Beerdigung ansehen sollen. Dann wären sie für alle Zeiten geheilt.