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Original geschrieben von Martyn
Verlängerte Probezeiten bis zu 24 Monaten möglich: Auf der einen Seite negativ, da Arbeitnehmer viel geringere Sicherheiten haben, vorallem wenn es darum geht zum Beispiel eine Wohnung in einer fremden Stadt zu mieten. Auf der anderen Seite aber positiv, da vielleicht mehr Unternehmen wieder unbefristete Arbeitsverträge anbieten, statt befriesteter Arbeitsverhältnisse und Zeitarbeit. :confused:
Glaubst Du im Ernst daß das Arbeitsplätze schafft? Ich nicht.
Die Realität - vielleicht nicht gerade im hinteren bayerischen Wald, aber anderswo - ist längst daß Mitarbeiter nur befristet eingestellt werden. Erstmal für ein Jahr, dann nochmal ein Jahr, und die offizielle Probezeit von 6 Monaten hat man ja schon drin.
Viele Akademiker arbeiten heute de facto nach Beendigung ihres Studiums in ihrem Job und sind offiziell doch nur Praktikanten, manchmal ohne überhaupt bezahlt zu werden.
Das heißt im Klartext: wirklich sicher im Job ist man nach 5, 6 Jahren - wenn man nach Abschluß der Praktikantenzeit auch noch die befristetn Verträge abgeritten hat und endlich in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis ist.
Wie blöd muß ein Arbeitgeber sein wenn es ihm nicht gelingt innerhalb der momentan 6 Monate Probezeit zu entdecken ob ein Mitarbeiter fähig ist? Und schon dreimal wenn sich de facto bereits jetzt nach einem und nach 2 JAhren die Möglichkeit bietet den AN loszuwerden.
Diese Maßnahme hat nur einen einzigen Effekt: daß Mitarbeiter über Jahre hinweg zu kritiklosen und schlechtbezahlten Duckmäusern gemacht werden. Ich glaube nicht daß diese Maßnahme Arbeitsplätze schafft, denn die entstehen nicht wenn man Regeln einführt, die eh schon gängige Praxis sind, sondern nur wenn das Unternehmen seinen Umsatz und den Bedarf an Arbeitskräften steigert.
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Original geschrieben von Martyn
Erhöhung der Umsatzsteuer: 3% sind schon ne bittere Pille, das muss man sagen, aber andererseits denke ich es es noch immer im europäischen Mittelfeld, und ich habe immer noch die Hoffnung das es vorallem der Handel und die Gastronomie nicht voll weitergeben. Wer mit Kursen von so 1,3 bis 1,6 statt 1,95583 umgerechnet hat, kann jetzt wohl die 3% einstecken. Wenn jetzt Smirnoff schon überalle 4,00€ kostet, können die sicher nicht 4,10€ verlangen. Und selbst wenn die Mehrwertsteuer überall draufgeschlagen werden würde, dann würde das an monatlicher Belastung etwa 15€ bis 25€ ausmachen, das wären dann p.a. 180€ bis 300€ ... im Vergleich zu Studiengebühren von bis zu 1.022€ p.a. sind das Peanuts. :confused:
Das "Argument" des europäischen Auslands funktioniert gar nicht weil dort oft ein anderes Schul-, Gesundheits- oder Arbeitsmarktsystem besteht. Die Vergleichbarkeit ist damit schlichtweg nicht gegeben.
Ansonsten wird der Handel die Kosten NATÜRLICH an die Verbraucher weitergeben. Wovon träumst Du wenn Du glaubst daß die Gastronomie oder sonstwer die Mehrbelastung nicht weitergibt?
Und was mich wirklich auf die Palme bringt: Weißt Du was 15-20 EUR Mehrbelastung für sozial Schwache bedeuten? Für Dich sind das vielleicht nur Peanuts und hier im TT sind auch mehrheitlich Leute in wirtschaftlich "sicheren" Verhältnissen. Aber Du mußt Dich mal wirklich in Erwerbslosen- oder Schuldner-Foren belesen wie es denn Leuten geht. Vor allem ist es ja nicht das erste Mal daß irgendetwas "nur 20 EUR teurer wird". Was ist z. B. mit den im letzten Jahr rapide gestiegenen Energiepreisen - da hieß es auch "naja, sind ja nur 20 EUR..."
Klar gibt es im Fernsehen immer die Beispiele derer, die den Sozialstaat ausnutzen - weil die korrekten Leute auch schlichtweg nicht interessant sind.
Wer aber fair und ehrlich ist, ständige Mehrbelastungen tragen muß und jetzt schon wieder 15-20 EUR mehr ausgeben muß kriegt irgendwann die Kurve nicht mehr. Für viele Leute, wie das schon ein Vorposter gesagt hat, ist das Nahrung für eine Woche.
Versuche mal ansatzweise Dir vorzustellen wie es jemandem geht, der seinen Job verliert (und das kann heute jedem schnell passieren), daraufhin natürlich Probleme hat die Miete zu zahlen, es droht Obdachlosigkeit.
Man kann mit Ach und Krach mit vielen bürokratischen Hürden eine Wohnung sichern, aber Deine eigene Wohnung, vielleicht das Häuschen, für das Du dich seit 20 Jahren krumm gelegt hast, wird Dir versteigert und völlig unter Wert verramscht. Immerhin - Du bist froh überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben.
Der Kredit für die Waschmaschine vom letzten Jahr läuft ohne Wenn und Aber weiter und dummerweise hattest Du auch noch den Dispo vom Girokonto in Anspruch genommen weil vor 2 Monaten irgendeine unvorhergesehene Reparatur für irgendwas war. Versicherungen, der Handyvertrag, Zeitschriftenabo, Deine ADAC-Mitgliedschaft, oder andere "ganz normale Dinge" laufen und kosten selbstverständlich weiter, zumindest so lange bis Du die jährliche Kündigungsfrist erreicht hast.
Die Bank fordert daß Du den Dispo in 2 Wochen ausgleichst, das Konto kannst Du zukünftig nur noch als Guthabenkonto führen, die Kontoführung ist nicht mehr kostenlos weil Du keinen regelmäßigen Zahlungseingang mehr hast - und Du kannst noch froh sein wenn die Bank Dir das Konto nicht direkt kündigt und Du gar kein Konto mehr hast. Dann darfst Du dir überlegen auf welchem Weg Du überhaupt noch Deine finanziellen Angelegenheiten regeln kannst.
Du bekommst 345 EUR Grundsicherung und sollst Dich davon ernähren, Kleidung zahlen und alle Verbindlichkeiten bedienen, die noch laufen. - ganz normale Dinge, siehe oben, die jeder kennt und irgendwelche Verträge, Abos und sonstwas hat JEDER. Gar nicht davon zu reden daß Du auch noch Raucher sein könntest oder einen Kanarienvogel, einen Hund oder sonst ein Haustier hast, das gefüttert werden will.
Versuch einfach nur mal Dir das vorzustellen - und das nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch im Hinblick darauf was das psychisch bedeutet. Wenn Du permanent unter dem massiven Druck steht finanzielle Forderungen bedienen zu müssen die Du unmöglich bedienen kannst, die wegen Zinsen oder Inkassokosten auch noch immer teurer werden, wenn das Konto gepfändet und deswegen von der Bank gekündigt wird und erstmal gar nix mehr geht, bis Du das wieder hingekriegt hast.
Du stehst sozial ruckzuck auf der untersten Ebene und wirst auch so behandelt, mußt Dir dann auch noch anhören wie der Herr Clement und irgendwelche Stammtischidioten Dich als Schmarotzer und Abzocker hinstellen. Die Schuldnerberatung sagt Dir: wir haben Termine in einem halben Jahr, aber unterhalb von 50.000 EUR brauchste eh nicht kommen weil wir ganz andere Fälle hier haben...
Ich könnte jedesmal kotzen wenn ich lese wie Normal- oder gar Gutverdiener ohne jeden Einblick abschätzig reden und so tun als würden alle ALGII-Empfänger in Saus und Braus leben und als würde fast allen das süße Nichtstun finanziert...
Natürlich gibt es diese Fälle auch. Aber es gibt eben auch die ehrlichen Leute, die vielleicht sogar nur aus ihrer Not heraus eine Lebensgemeinschaft bilden, deswegen offiziell gesehen kriminell handeln, aber in Wirklichkeit nichts anderes tun als jeden Tag von morgens bis abends mit enormer Kraftanstrengung darum kämpfen finanziell irgendwie über die Runden zu kommen und dabei nicht ihre Würde und den Mut zu verlieren.
Wir können froh sein daß es uns besser geht und wenn man sich mal vorstellt wie schnell man heute seinen Job los ist oder wie schnell man finanziell vor dem Ruin steht wenn man sich trennt und unterhaltspflichtig wird oder sowas...