Ganz so dramatisch sehe ich das nicht. Ich kenne eine Anästhesistin, die als Fachärztin in einer sehr großen deutschen Klinik arbeitet und dort neben der Schwerverbrannten-Intensivstation die Unfallchirurgie betreut und erfahre oft von deren Erlebnissen. Schwerstverletzte Patienten werden immer mit der Maximaltherapie behandelt, gerade dann, wenn das Leben am seidenen Faden hängt. Es interessiert keinen, ob der Patient prominent oder reich ist, oder beides nicht.
Manchmal fragt man sich eher, wieso bei absolut infausten Prognosen dennoch "Himmel und Hölle" in Bewegung gesetzt werden anstatt Patienten mit völlig zerstörten Organen und null Überlebenschance sterben zu lassen. Selbst wenn die in Narkose liegen und somit weitgehend vor Schmerz geschützt sein dürften, wem tut man hier einen Gefallen?
Letztlich geht es nur um die (durchaus richtige) ethische Diskussion, dass die Rettung des Lebens prinzipiell immer oberste Priorität haben muss und diese Maxime nicht zur Disposition gestellt werden darf. Denn jede Abkehr von diesem Mantra könnte zu Einzelfalldiskussionen führen, bei denen nicht mehr uneingeschränkt sichergestellt ist, dass jedem das gleiche unbedingte Lebensrecht zugesprochen wird. Ärzte oder Erben könnten ihre Entscheidung zur (Nicht)Fortsetzung der Maximaltherapie womöglich auch unter Kosten- oder Nutzen-Aspekten treffen - und das darf nicht passieren.
Jetzt haben wir aber die auch nicht viel bessere Problematik, dass der unausweichliche nahe Tod mancher Patienten quälend verzögert wird weil man sich nicht traut, völlig sinnlose Maßnahmen NICHT durchzuführen. Die Angst, klagefreudige oder geldgeile Angehörige könnten Probleme bereiten wenn irgendwas unterlassen wird, auch wenn es noch so nutzlos ist, führt zu seinerseits moralisch fragwürdigen Maximalbehandlungen jenseits des gesunden Menschenverstandes. Die Mediziner haben inzwischen regelmäßig Angst, sich angreifbar zu machen wenn nicht der Einsatz ALLER Maßnahmen nachgewiesen werden kann - auch solchen, die erkennbar über das Ziel hinausschießen weil sie keinen Nutzen bringen, außer den Tod (und damit Leiden) ein paar weitere Stunden zu verzögern.
Es wurden Fälle bekannt, in denen durchgeknallte Professoren unter dem Deckmäntelchen der Maximaltherapie und Lebenserhaltung sterbende Patienten zu Forschungsobjekten neuer Therapieansätze gemacht wurden - es konnte ja mit dem Hinweis darauf, man versuche alles, um den Patienten zu retten, gerechtfertigt werden.
Sowas ist genauso verwerflich wie Situationen, in denen Patienten aufgrund ihres Vermögens oder weil sie prominent sind besser behandelt werden als andere. Umso wichtiger ist an dieser Stelle nochmal der Hinweis auf eine Patientenverfügung, um "für den Fall der Fälle" zu definieren, wie umfangreich man behandelt werden möchte oder wo man seine persönliche Grenze ziehen möchte.
Schumacher liegt in Grenoble in einer Klinik, von der man bisher nicht gehört hat, dass sie das Mekka für Schädel-Hirn-Trauma-Patienten wäre. Es werden den Berichten nach immer wieder neue Patienten eingeflogen, die von den gleichen Ärzten und in denselben Abteilungen behandelt werden wie Schumacher. Hier ist keine Prominenten-Sonderbehandlung erkennbar.
Auch die herbeigeeilten "befreundeten" Ärzte Schumachers - ein Professor, der seine Schienbeine zusammenflickte oder sein Leibarzt - sind keine Neurochirurgen, die die diesbezügliche Therapie beflügeln könnten. Deren Anwesenheit und Kontrolle kann wahlweise besonderer Ansporn, genauso aber auch lähmender Rechtfertigungsdruck bei jeder kleinen Entscheidung für die Grenobler Ärzte sein. Man weiß nicht, ob das nun gut oder schlecht ist... Im schlimmsten Fall reden fachfremde Besserwisser herein.
Wenn Prominentenstatus und Geld einen Vorteil haben, dann vielleicht später, wenn man keine Rea nach Vorstellungen der Kasse und mit Diskussionen um jede kleine Leistung führen muss, sondern wenn sich der Reiche einfach die besten Leistungen persönlich kauft oder der Prominente schon proaktiv bestens versorgt wird weil keiner, der mit Leistungen knausert, eine schlechte Presse bekommen will.
Im Augenblick dürfte Schumacher aber genauso gut oder schlecht behandelt werden wie jedes Lieschen Müller, das mit der gleichen Verletzung in diesem Krankenhaus landet.