Moin sk8ergirl,
ich glaube deine Gefühlslage gut zu verstehen. Mich kotzt der politische Stillstand in diesem Land auch an, die Lobhudeleien, wie toll alles wäre und wie gut es "uns" angeblich geht, wie fortschrittlich alles entwickelt sei.
Insgeheim spüren Leute, die die Dinge eingehender beobachten, sich Gedanken machen und auch ein Gespür für das Klima haben aber, dass es ist wie mit der Kapelle auf der Titanic, die spielt und Normalität vorgaukelt während die Dinge zunehmend aus den Fugen geraten.
Offiziell leben wir in einer Demokratie, haben ein soziales Netz, ein Jobwunder, eine international geachtete Kanzlerin. Tatsächlich spüren Leute mit etwas ausgeprägteren Sinnen aber, dass unglaublich viel im Argen liegt und sich bedenklich entwickelt:
- die digitale Revolution hat uns in riesigen Schritten in Richtung Orwells "1984" gebracht. Hat man anfangs begeistert den Nutzen der tollen neuen Möglichkeiten gesehen, macht es einem inzwischen massiv Angst. Menschen werden gläsern und in den letzten Monaten wurde drastisch klar, dass die Digitalisierung nicht nur eine potentielle Gefahr bedeutet, sondern dass die Totalüberwachung real ist - in einer schockierenden Weise, die der Normalbürger so im Traum nicht erwartet hat. Sich dagegen zu wehren ist unmöglich, da müsste man extremer Aussteiger sein - und das ist kein Konzept für die Masse.
- ein markerschütternder Aufschrei der Bevölkerung, Palastrevolution gegen diese Machenschaften, blieb und bleibt aus. Frau Merkel verabschiedete sich vor einigen Wochen in den Urlaub und ließ Herrn Pofalla erklären, die Diskussion sei beendet. Lächerlicherweise wird jetzt, wo sie selber betroffen ist, Empörung geheuchelt. Und wir wissen alle, dass Mutti am Ende nichts tut und das Thema wieder einschläft.
- Medien nehmen nicht mehr ihre Rolle als "4. Macht" wahr. Kritische und zugleich neutrale Berichterstattung findet so gut wie gar nicht mehr statt. Beispiel Limburger Bischof: das Thema bestimmte 2 Wochen lang alle Schlagzeilen, jede Talkshow und es gab sogar Sondersendungen - völlig unverhältnismäßig, wer ist der Bischof von Limburg? Dabei scheuten sich selbst hochwertige Medien reihenweise nicht, immer vom "Protzbischof" oder anderen wertenden Begriffen zu reden. Wie vereinbart sich sowas mit dem Anspruch an eine möglichst neutrale Berichterstattung, an einen journalistischen Ehrenkodex, den Maßstab der Verhältnismäßgkeit und dem Grundsatz, dass jeder als unschuldig zu gelten hat, solange ihm kein Fehlverhalten nachgewiesen wurde?
Das Versagen der Medien ist in "Das Medienmonopol" prima beschrieben - einfach mal danach googlen und als pdf runterladen und lesen!
- die Arbeitsmarktsituation ist für viele Menschen schlimm. Sie ackern und rennen und hetzen, machen sich kaputt und niemand, wenn er sich erlaubt darüber nachzudenken, weiß, warum. Wer ein eher kleines Gehalt hat oder gar im Niedriglohnsektor unterwegs sein muss, wird in Altersarmut fallen und hat es schwer, einen unbeschwertes Leben zu führen. Welche Motivation hat man, das mitzumachen? Gar keine, nur fehlt eine Alternative und der Druck durch die Arbeitsämter, ALG II und IV, zwingt Menschen, sich dem auszusetzen.
- die Lage an den internationalen Finanzmärkten wird weiter eskalieren und irgendwann kommt der dicke Knall. Der Shutdown in den USA, die Staatsverschuldung Japans, die Euro-Krise und die schlimme Lage im südlichen Europa, das alles muss irgendwann schief gehen.
- In Deutschland rennen noch (!) sehr viele Leute herum, die relativ gut aufgehoben sind und deswegen den Status quo beibehalten wollen. Es betrifft z. B. einen großen Teil der Rentnergeneration.
Aber auch jüngere, wer einen erträglichen Job hat, sich zumindest ein bisschen leisten kann, also die klassische Mittelschicht, hat Angst vor Veränderung. Diese Leute spüren unbewusst, dass sich Vieles auf der Welr bedenklich entwickelt. Deswegen wollen sie in erster Linie behalten, was sie haben, möglichst keinerlei Veränderungen. Es ist die Gruppe der Merkel-Wähler - sie möchten, das die Kanzlerin hauptsächlich nichts tun und nichts verändern soll.
Prekäre Verhältnisse werden als nicht wirklich existent oder Fehler der Betroffenen interpretiert: die sind nicht "unten" weil die Verhältnisse im Land so sind, sondern weil sie schlecht ausgebildet sind, sich selber nicht motivieren, keine Leistungsbereitschaft zeigen, sich asozial verhalten und in der sozialen Hängematte ausruhen wollen. Mittelschichtler "müssen" diese Menschen schlechtreden um sich selber abzuheben, sich zu beweisen, dass man selber nicht ratzfatz in die gleiche Lage kommen könnte. Diese Angst muss verdrängt und diese Menschen schlecht hingestellt werden, dann kann man sich einreden, dass man selber nicht dorthin gelangen werde weil man ja viel besser aufgestellt sei als die am unteren Ende der Gesellschaft.
Bewegt man sich aufmerksam im öffentlichen Raum begegnen einem fast nur noch Menschen, die angestrengt, genervt, müde, verbissen, gehetzt und aggressiv sind. Man muss sich nur die Gesichter in der Bahn ansehen, das Verhalten im Straßenverkehr und die Rücksichtslosigkeit auf den Autobahnen, oder den Tonfall wahrnehmen wenn man im Supermarkt ist oder sonstwo mit Menschen kommuniziert. Überall Aggressivität, Schärfe, Hetze, Polemik - und das ohne wirklichen Grund. An vielen Stellen könnte man mit Rücksicht un einem Lächeln alles entspannen ohne irgendeinen Nachteil, ist das wirklich ein Problem, auf der Autobahn nicht zu drängeln, jemanden vorbeizulassen etc.?
Das soziale Klima und die - auf längere Sicht - absehbar scheiternde Politik, Finanzprobleme und Gängelung sowie Ignoranz gegenüber den Menschen/Bürgern, während vordergründig Demokratie, Sozialstaat und Mehrwert durch Smartphones vorgegaukelt wird, das lässt einen unzufrieden zurück. Und das ist harmlos formuliert, es setzt vielen Menschen emotional zu, denn sie wollen Frieden und innere Ruhe, Fairness und Freundlichkeit anstatt Ellbogen und Kampf.
Gäbe es ein Land auf der Welt, wo man sich all dem entziehen könnte, wo man einfach seine Ruhe hätte vor all diesen unnötigen Aufregern und Frustrationen, ich wäre längst weg auf Nimmerwiedersehen. Aber leider kann man sich nirgendwo auf der Welt tatsächlich zurückziehen vor diesen Dingen. Anderswo kämpft man bestenfalls mit anderen, aber nicht per se einfacheren Problemen.
Vielleicht kannst du, anstatt den Wohnort, deine Perspektive dahingehend verändern, dass du neben deiner deutschen Heimat Erfahrungen und Möglichkeiten im Ausland hast. Damit bist du schon mal breiter aufgestellt als viele Andere, die diese Möglichkeit nicht haben und in ihrer deutschen Stadt herumsitzen, aus der sie nie wirklich rauskommen und sich fragen, wofür sie eigentlich kämpfen...