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Original geschrieben von Robert Beloe
Ehrlich gesagt: Von einem Über-60-Jährigen möchte ich keinen Mittelfinger sehen, eigentlich möchte ich so eine hässliche Geste überhaupt nicht im öffentlichen Raum sehen. Deshalb hat er nicht die Wahl verloren, aber es ist nicht untypisch für seinen Wahlkampf.
Andrè Kostolany hat im Bezug auf die Börse mal gesagt: "Wer viel Geld hat, kann spekulieren. Wer wenig Geld hat, darf nicht spekulieren. Wer kein Geld hat, muss spekulieren."
In diesem Zusammenhang sehe ich den Stinkefinger. Das war ein Stilmittel um sich abzusetzen, wenn man so will ein spekulieren auf Wähler, die bei einer solchen Geste einen Machertypen sehen, der sich etwas traut, der seine "klare Kante" visualisiert und den man deswegen womöglich wählt. ZU verlieren hatte Steinbrück nichts. Er konnte nur gewinnen wenn er sich in einer Weise zeigt, die sonst kein Politiker wagt.
Der Kandidat wollte Aufmerksamkeit erregen - und das ist ihm gelungen.
Ansonsten wird der Stinkefinger überbewertet. Er ist anderswo nichts Besonderes, in diesem Fall wurde er von einem Politiker gezeigt, da kennt man es nicht und deswegen regen sich viele auf. Kann man, muss man aber nicht.
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Original geschrieben von Robert Beloe
Der AfD hatte ich mehr zugetraut. Ich weiß nicht, ob die Euphorie dort wirklich angebracht ist. Was will diese Partei künftig zu ihrem programmatischen Schwerpunkt machen? Die Eurorettung als verbindendes Element wird nicht immer ausreichen zur Wählermobilisierung.
Die politischen Entwicklungen der nächsten Zeit werden es zeigen. In den meisten Ländern gibt es europakritische Stimmen, mit der AfD auch bei uns, wobei sich die Partei ja speziell auf den Euro eingeschossen hat. Das ist erstmal nichts Schlimmes.
Wenn es weiter hinplätschert in Europa nimmt die AfD vielleicht den Weg der Piraten, sie tauchen auf uns versinken wieder. Sollte aber die nächste Finanzmarktkrise kommen, das nächste alternativlose milliardenschwere Rettungspaket etc., dann ist das Wasser auf die Mühlen der AfD. Dann brauchen die gar keinen anderen Schwerpunkt mehr. Schon jetzt haben sie ja fast die 5% geschafft...
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Original geschrieben von Robert Beloe
Verstört haben mich die Jubelgesänge über das Ausscheiden der FDP. Irgendwie finde ich so etwas unsportlich. Beim Tennis ist es üblich, nur bei Leistungen eines Spielers zu klatschen, nicht aber, wenn ein Spieler den Ball ins Aus spielt oder ins Netz. Irgendwie finde ich so ein Verhalten fairer als das Bejubeln schlechter Ergebnisse anderer Parteien - insbesondere dann, wenn das eigene Ergebnis auch kein Anlass zum Jubeln ist. Abgesehen davon und auch wenn viele über die FDP als wirtschaftsliberale Partei schimpfen: Ich finde es schon nicht richtig, dass so eine Partei im Bundestag jetzt fehlt, und zwar sowohl im Hinblick auf Rechts- als auch im Hinblick auf Wirtschaftspolitik.
Das, was die FDP zuletzt geliefert hat, war reinste Klientelpolitik für Bessergestellte. Und selbst die war nahezu inhaltsleer. Mit Liberalität im ursprünglichen Sinne einer freiheitlich-demokratischen Partei hatte das absolut nichts mehr zu tun. Dafür gab es jetzt die Quittung - und das zu Recht. Wir sind halt nicht beim Tennis, im real life zählt die Leistung - und jetzt wiederfährt den Dörings, Brüderles, Röslers usw. das, was Millionen von Menschen auch erleben: sie werden wegrationalisiert weil die Leistung nicht mehr stimmt. Wenn das zu einem heilsamen Prozess wird und man sich wirklich liberaler Werte besinnt - gut.
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Original geschrieben von Robert Beloe
Interessant finde ich, was die CDU jetzt machen wird. Und zwar in doppelter Hinsicht: Der Übergang von Merkel zu einem Nachfolger muss irgendwann vorbereitet werden, und zugleich will Frau Merkel die ganze Legislaturperiode ausfüllen. Zum anderen muss sich die Union über die strukturelle langfristige Regierungsbildungsfähigkeit Sorgen machen, angesichts des Verlusts des kleinen Partners.
Die CDU hat gerade die Wahl gewonnen und das zu einem hohen Anteil wegen Merkel. Wann sie abtritt ist im Augenblick sicher kein Thema. Ich glaube auch nicht, dass sie daran denkt, die hat eher die Einstellung der Queen und macht immer weiter, solange sie kann.
Was die Regierungsbildung angeht wird es in der Tat schwer für die CDU. Dazu hatte ich mich ja schon eingelassen. Weder die Grünen noch die SPD haben Lust auf eine Koalition und die CDU bei einer so komfortablen Mehrheit, knapp vor einer absoluten, auch nicht. Solange sich da keine Lösung findet nützt der CDU der Wahlsieg nichts.
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Original geschrieben von Robert Beloe
Was Frau Merkel angeht: Diese Frau ist gewählt worden, weil die Leute dumm sind. Frau Merkel ist m.E. vor allem deshalb gewählt worden, weil die Menschen ihre unaufgeregte und unmachohafte Arbeitsweise schätzen. Ich glaube, ein Problem der SPD war auch die Dämonisierung der Kanzlerin, die überhaupt nicht passte zu dem, wie man sie vier Jahre erlebt hat. Selbst ich hätte mir vorstellen können, Frau Merkel zu wählen, habe es dann aber wegen ihrer Partei bzw. wegen einiger ihrer Parteifreunde nicht übers Herz gebracht. 
So ist es. Die guten Umfragewerte der Person Merkel begründen sich in ihren Bescheidenheit, ihrer Zurückhaltung, dass es für manche Leute im Land läuft und Veränderungen unerwünscht sind. Die Umfragen sagen ja deutlich, dass das Wahlergebnis sehr viel mit Sympathie für Frau Merkel zu tun hat und nicht unbedingt mit Zustimmung zum CDU-Programm.