Vieles erinnert mich an das 3monatige Verschwinden der Tochter meiner Freundin im Frühjahr - war ja hier auch länger Thema. Zum Glück hat sich inzwischen alles recht gut gefügt, aber ich kann den TE - im Gegensatz zu manchen anderen, denen ich das aber nicht vorwerfe - bestens verstehen.
Die Tochter meiner Freundin ist mit 16 ausgebüchst obwohl sie zuhause auch "alles hatte", sowohl an Liebe und Zuneigung, Aufmerksamkeit wie auch materiell; dieses ist übrigens nicht meine Annahme mit den Scheuklappen des Freundes der Mutter, sondern ihre eigene Aussage. Sie hat sich, wie man im Nachhinein erfuhr, auch während ihrer Abwesenheit immer wieder gegenüber den neuen "Freunden" dementsprechend geäußert - die waren teilweise stinksauer wie sie, wenn man ein so gutes Elternhaus hat, abhauen kann und damit indirekt so tut, als habe man das gleiche Recht zum Abhauen wie Kids, die aus zerrütteten Verhältnissen türmen.
So ganz 100%ig ist mir, trotz vieler behutsamer Gespräche, bis heute nicht klar geworden welches Motiv das Wegrennen damals hatte. Um so mehr verstehe ich Boris, dass er wie der Ochs vorm Berg steht und neben ein paar naheliegenden Ansätzen (z. B. mehr Freiheiten bei der Oma) nicht wirklich versteht, was da los ist.
Im unserem Fall war es so, dass das Töchterchen gleich am 1. Tag nach Berlin gefahren ist und dort am Alex Kontakt zur Punkerszene hatte, wo sie - man muss wohl sagen glücklicherweise - direkt unter deren Fittiche genommen wurde. Insofern hatte sie ein soziales Umfeld und einen Schlafplatz, geriet also nicht wirklich "unter die Räder".
das Positive ist: die Erfahrung damals hat ihr klar gemacht, dass ein stabiles Zuhause total wichtig ist und die scheinbare Freiheit, den ganzen Tag über in Berlin herumstreuenen zu können, eigentlich doch sehr beschränkt ist weil neben Geld jede (berufliche) Perspektive fehlt und die Beschränkungen in Wirklichkeit doch enorm sind.
Seitdem entwickeln sich die Schulnoten bestens und man spürt den eigenen Willen, etwas "erreichen zu wollen". Der Kontakt zu den Punks und auch der Tätowierszene in Berlin (und auch Besuche dort) schrecken die Mama zwar immer noch und natürlich ist sie extrem sensibilisiert (z. B. wenn das Töchterchen sich verspätet und nicht anruft oder bei diesen Fahrten nach Berlin etc.), aber eigentlich sieht's so schlecht nicht aus.
Was ich damit sagen will: Eltern können ihre Kinder oft nicht los lassen und das muss man als Außenstehender einfach verstehen. Tipps wie "dann lass' sie doch machen" mögen in der Theorie stimmen, in der Praxis wird das kaum ein Elternteil gegenüber seinen geliebten, beschützen wollenden Kids umsetzen können.
Vielleicht ist es dir, Boris, dennoch ein kleiner Halt zu lesen, dass es bei uns viele Parallelen gab, dass es vielleicht auch ein "Phänomen der Zeit" ist, dass Kinder oder Mädels in dem Alter mitunter Schwierigkeiten haben ihren Platz im Leben zu finden, dass aber nicht unbedingt alles den Bach runter gehen muss.
Bei allen Ängsten, die meine Freundin verständlicherweise immer noch hat, sehe ich es dennoch im Ganzen recht positiv und glaube, dass die "Kleine" ihren Weg machen wird - und zwar einen guten Weg.
Deine Tochter, Boris, macht dir verständlicherwiese Sorgen und machen wir uns nix vor, auf die schiefe Bahn kann sie geraten. Aber auch sie scheint ja durchaus noch zur Schule zu gehen und somit gewisse Pfeiler im Leben stehen zu haben. Insofern geht's, bei allen Sorgen, am Ende womöglich doch "nur" darum den Weg des scheinbar geringsten Widerstandes zu wählen - und den findet sie natürlich bei einer Oma, die alles mitmacht.
Meine bescheidene Meinung ist, dass du nicht aufgeben solltest auf der rechtlichen Ebene alle Schritte konsequent zu gehen (also Oma / JA / Gericht zu zwingen, die eigentliche Ordnung herzustellen - Tochter lebt nicht pragmatisch irgendwo, sondern korrekterweise da, wo es gemäß der Entscheidungen / Zuständigkeiten / Verantwortlichkeiten sein müsste), zugleich aber auf menschlicher Ebene zu versuchen eine akzeptable Lösung zu finden, beispielsweise könnte eine Absprache, in ein betreutes Wohnen zu gehen, eine für alle tragbare Lösung sein... Das JA mag dazu im Augenblick sagen "die wäre nach 10 Minuten wieder weg" - nur ist das erstmal nur eine Behauptung und wer sagt denn, dass sie nicht auch schnell wieder da wäre? Wenn der - momentan sehr einfache und dem Kindswohl möglicherweise nicht zuträgliche - nicht mehr zu vertreten ist muss sich das JA auch bewegen und kann es sich nicht so einfach machen wie sie es im Moment tun.
Außer viel Angst solltest du - nicht zuletzt aus unseren Erfahrungen - aber auch wahrnehmen, dass den Mädels durchaus klar ist (oder ganz schnell wird), dass Träumereien von Freiheit, alles tun und lassen können/dürfen, mit 15 glauben ganz erwachsen zu sein, auch ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen geholt werden. Also wenn jemand abhaut wird auch innerhalb weniger Stunden schon klar, dass das Leben keineswegs so locker und einfach und erwachsen läuft, wie sich das anfangs vorgestellt wurde. Bei uns war's anders, aber die allermeisten Kids merken, wenn sie tatsächlich abhauen, ganz schnell, dass das eine saublöde Idee ist und es zuhause doch oft nicht so schlecht ist wie sie dachten (in guten Elternhäusern, wohlgemerkt).