Update über den Fall und das Vorgehen der Journalistenmeute: 
14-Jährige in Heide missbraucht: Ermittlungen gegen Passanten
HEIDE (sd)
„Ich bin bestürzt darüber, dass so etwas in Heide möglich ist.“
Bürgermeister Ulf Stecher (36) hätte erwartet, dass die Dithmarscher „wehrhafter“ sind: „Ich lehne zutiefst ab, dass die Passanten nicht eingeschritten sind.“ Nach dem sexuellen Missbrauch eines 14-jährigen Mädchens am Donnerstagabend in der Friedrichstraße prüft die Kripo nun, ob sie gegen mehrere Erwachsene ein Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung einleiten kann. Tatzeugen waren nicht eingeschritten, als sich ein 19-Jähriger volltrunken an dem Mädchen verging. „Dass der Täter wieder auf freiem Fuß ist, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen“, gesteht der Jurist Stecher: „Irgendwas stimmt mit unserem Rechtssystem nicht.“
Der Leiter der Polizeiinspektion Heide, Wolf-Rüdiger Beitsch (51), ist „persönlich entsetzt“ und empfindet „Abscheu“ gegenüber den Menschen, die einfach weggeschaut haben und weitergegangen sind, obwohl das Mädchen um Hilfe gefleht habe. Vergewaltigungen ließen sich grundsätzlich nicht verhindern, weil es „triebgesteuerte Delikte“ sind. Der Heider Ortsvorsitzende des Kinderschutzbundes, Friedrich Theurer (49), ist „empört“ über den Egoismus der Menschen, die weitergehen, um keine „Scherereien“ zu haben.
„Unglaublich, dass keiner geholfen hat“
Heide nach dem sexuellen Missbrauch des 14-jährigen Mädchens in der Fußgängerzone
Von Sönke Dwenger
HEIDE - Die Dithmarscher Kreisstadt sorgt wieder einmal bundesweit für Schlagzeilen. - Leider für negative. Grund: Der sexuelle Missbrauch eines 14-jährigen Mädchens vergangenen Donnerstagabend am Eingang der Friedrichstraße (Fisch-Beckmann). Passanten liefen vorbei. Schauten einfach weg.
An diesem Fahrradständer in der Friedrichstraße packte der Täter sein Opfer. Dann stieß der 19-Jährige das Mädchen in den Ladeneingang von „Fantasia“ und missbrauchte es.
Die DLZ/BZ hat diesen schlimmen Vorfall bereits am Sonnabend gemeldet. Gestern reisten die Kamerateams, Fotografen und Reporter an, um vor Ort ihre Story zu recherchieren. Auch in unserem Büro liefen die Telefone heiß. Redakteure großer Zeitungen und Zeitschriften wollten den Namen und die Anschrift der Mutter des Mädchens haben. Wir würden sie nicht weitergeben.
Eine besonders ehrgeizige Journalistin erbat sogar Tonbandaufzeichnungen von dem Telefongespräch, das wir mit der empörten, verzweifelten Mutter führten, um die Stimme - immerhin verfremdet - senden zu können. Wir mussten die Kollegin enttäuschen, denn in unserer Redaktion werden Telefongespräche nicht mitgeschnitten, wenn dies nicht ausdrücklich vereinbart wurde.
Auf Wunsch einiger Fernsehsender hat die Polizei das junge Opfer gefragt, ob es an die Öffentlichkeit gehen möchte. Die Familie hat dies kategorisch abgelehnt.
Vor „Janny's Eis“ konnte sich das Mädchen selbst befreien.
Seit Sonntag betreut der „Weiße Ring“ das Mädchen. Die Organisation hilft Opfern von Straftaten. Die Kripo hatte den Kontakt hergestellt. Außenstellenleiter des „Weißen Rings“ für Dithmarschen und Nordfriesland-Süd ist Karl-Heinz Frehe (61) aus Heide. „Unglaublich, dass keiner geholfen hat“, empört sich Frehe gegenüber unserer Zeitung. „Dabei hatte das Mädchen eine Passantin regelrecht um Hilfe gebeten, aber sie ist weitergegangen.“ Die Kriminalpolizei prüft, ob gegen diese (noch unbekannte) Frau mittleren Alters ein Ermittlungsverfahren wegen „unterlassener Hilfeleistung“ eingeleitet werden soll, sagte Kriminalrat Karsten Hübner (41) gestern. Es drohen eine unbezifferte Geldstrafe (die das Gericht den sozialen Umständen entsprechend festsetzt) oder Freiheitsentzug bis zu einem Jahr. Der 19 Jahre alte Täter hatte das Mädchen am Himmelfahrtstag gegen 21.30 Uhr am Fahrradständer offenbar spontan angetroffen und von hinten angegriffen. Die beiden kannten sich nicht. Der Mann war dermaßen betrunken, dass selbst am nächsten Vormittag bei der Entlassung aus der Polizeizelle keine „rechtlich verwertbare“ Vernehmung möglich war. Ihm sei eine Blutprobe entnommen worden; die Polizei schätzt, dass der junge Mann aus Heide bei Ausübung der Tat rund 2,5 Promille intus hatte. Bittere Wahrheit ist, dass dieser Alkoholpegel nach Einschätzung des Chefs der Dithmarscher Kripo am Ende sogar dazu führen könnte, dass dem Täter später vor Gericht eine Unzurechnungsfähigkeit bescheinigt wird. Auf freien Fuß musste er gesetzt werden, weil die Staatsanwaltschaft keine Fluchtgefahr, keine Wiederholungsgefahr und auch keine Verdunklungsgefahr erkennen konnte. Die Staatsangehörigkeit des Täters wollte Karsten Hübner nicht preisgeben. Nur so viel: Er ist kein Schüler mehr und hat polizeilich „Bagatell-Delikte“ und einen „Raub“ auf dem Kerbholz.
Nach Angaben von Kriminalrat Hübner war das 14-jährige Opfer „altersangemessen normal“ gekleidet. Der Mann stieß das Mädchen zunächst in den Hauseingang von „Fantasia“ und missbrauchte es. Später zerrte er das Opfer bis „Janny's Eis“ durch die Fußgängerzone und brachte es dort zu Fall. Er warf sich auf das Kind, das um Hilfe schrie. Auch mindestens zwei Männer, die das Mädchen kurzzeitig irgendwo in diesem Straßenzug auf einem Balkon oder an einem offenen Fenster gesehen hatte, schritten nicht ein. Leider ist der Polizei der genaue Ort noch nicht bekannt.
Selbst als Opfer und Täter auf dem Boden lagen und das Mädchen eine Gruppe von drei Frauen und einem Mann ansprach („Ich werde hier belästigt. Tun Sie was!“), erfolgte keine Reaktion. Erst als das Opfer sich selbst befreien konnte, weil der Täter zu betrunken war, benachrichtigte jemand aus der Gruppe heraus per Handy die Polizei. Kurz vorher rief zufällig der Vater des Mädchens auf ihrem Handy an; sie konnte das Gespräch annehmen und um Hilfe flehen. Statt die Polizei anzurufen, habe sich dieser ins Auto gesetzt, um zu seiner Tochter zu fahren.
Der Täter nahm zwar sexuelle Handlungen an dem Kind vor, zum Geschlechtsverkehr sei es jedoch nicht gekommen, weiß Kriminalrat Hübner: „Körperlich hat das Mädchen nur leichte Verletzungen davongetragen, aber über die psychischen Folgen wird man erst später - vielleicht in Jahren - etwas sagen können. . .“
„Weggeschaut“
Karl-Heinz Frehe vom „Weißen Ring“ in Heide erinnert an das Motto der „Dithmarscher Nachbarschaftswoche“ vom vergangenen Jahr, das da lautete: „Weggeschaut, ignoriert, gekniffen, tu was.“ Dass in diesem Fall wieder einmal weggeschaut wurde, unterstreicht die Notwendigkeit der vorbeugenden Arbeit.
„Stoppt das Vogel-Strauß-Syndrom“, fordert Karl-Heinz Frehe: „Auch wenn man sich in einer solchen Situation selbst bedroht fühlt, muss man wenigsten dafür sorgen, dass andere Leute oder weitere Helfer oder die Polizei aktiv werden.“ Die Öffentlichkeit müsse einfach mehr sensibilisiert werden, auf Straftaten zu achten, diese zu melden und so dazu beizutragen, dass es weniger Straftaten gibt.
Schlimm an der öffentlichen Berichterstattung über Straftaten findet der frühere Berufssoldat Frehe, dass es am Ende meistens nur noch um die Täter, und eben nicht mehr um die Opfer geht.
Nach der Vergewaltigung in der Nacht vom 10. auf den 11. Mai in einem Pkw auf dem Gelände des Musikzirkus in Nordermeldorf war diese Tat in Heide der zweite „angezeigte“ sexuelle Missbrauch in Dithmarschen in nur einem Monat. Die meisten Vergewaltigungen spielen sich im privaten Bereich ab, berichtet der Leiter der Dithmarscher Kripo, Kriminalrat Karsten Hübner.
