Bundestagswahl 2005

  • Re: Re: Beleidigend


    Zitat

    Original geschrieben von Bob_Harris
    M.a.W. es gibt also Wähler, die ihre Wahlentscheidung mangels Intelligenz oder Interesse nicht an Sachfragen festmachen, sondern an Äußerlichkeiten o.ä.


    Was heißt "es gibt"? Das klingt, als wäre dies eine kleine Randgruppe - tatsächlich ist dies doch wahrscheinlich die Mehrheit aller Wahlbereichtigten, oder zumindest ein extrem großer Anteil!


    Oder wie erklärst Du Dir sonst die riesige Diskrepanz zwischen den zu erwartenden Wahlergebnissen und der von Demoskopen gern gestellten Frage, wen man lieber als Kanzler hätte? Oder die großen Stimmausschläge nach den Fernsehdiskussionen?


    Es ist ja wahrlich nicht so, als ob es dort inhaltlich irgendetwas Neues zu hören gegeben hätte - aber es war halt, wie die FTD so schön schrieb, "Klassenclown gegen Klassenbeste". Und wenn man schon nicht versteht, worum es geht und sich auch nicht wirklich damit beschäftigen will - denn erstens müßte man dabei ja lesen UND denken, zweitens kommt ja gleich Fußball und drittens sind Politiker doch schließlich dazu da, uns Entscheidungen abzunehmen - dann applaudiert man halt dem, der amüsanter ist. Wie hinreichend eingeübt bei Big Brother.
    Und wer so nett Kinder herzen kann, seine Frau und sein Heimatland liebt und so treusorgend in die Kamera blicken kann, der wird doch auch schon in der Lage sein, unser Land in die Zukunft zu führen - so schwer kann das ja nicht sein!
    Sag noch einer, die Menschen in Deutschland seien auch nur einen Deut cleverer als die Amerikaner, die Bush doch allen Ernstes wiedergewählt haben... :rolleyes:


    edit: Von mir aus kann jeder wählen, wen er gerne möchte - nur bezweifle ich in einem Land, wo die Bildzeitung erste Informationsquelle der meisten Menschen ist, dass ein Großteil der Leute wirklich weiß, was sie da tun. Unabhängig davon, wo sie am Ende ihr Kreuzerl machen...


    edit2: Zitat aus einem aktuellen Artikel der FAZ:
    "...Verschiebung von den politischen Problemen und Lösungskompetenzen hin zu einem Personenplebiszit. Die Kanzlerpräferenz entscheidet Schröder klar für sich. Wenn es aber um die Lösungskompetenz für die drängenden Aufgaben geht, insbesondere bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, steht für die Mehrheit außer Frage, daß sie eher von einer Regierung Merkel zu erwarten ist. 50 Prozent trauen einer solchen Regierung eher zu, Erfolge bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu erzielen, nur 23 Prozent einer von Schröder geführten Regierung. 46 Prozent sind überzeugt, daß Merkel über die bessere Regierungsmannschaft verfügt, 28 Prozent sehen hier Schröder im Vorteil."
    Aber, hey, der ist doch sooo ein netter Kerl...
    Noch Fragen, Kienzle?

    Die Mehrheit? Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen. Bekümmert sich ums Ganze, wer nichts hat? Hat der Bettler eine Freiheit, eine Wahl? Er muss dem Mächtigen, der ihn bezahlt, um Brot und Stiefel seine Stimm verkaufen. Man soll die Stimmen wägen und ncht zählen; Der Staat muss untergehn, früh oder spät, wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.
    (Friedrich Schiller, Demetrius)

  • Was willst du uns damit sagen?


    Zitat

    nur bezweifle ich, .... dass ein Großteil der Leute wirklich weiß, was sie da tun


    Da die Mehrheit die Kompetenzen eher bei der Opposition sieht, heisst das also, das dies in Wahrheit nicht so ist?

  • Wahlergebnis wird veröffentlicht


    Mittwoch, 14. September 2005
    Karlsruhe weist Klagen ab
    Wahlergebnis wird veröffentlicht


    Das Ergebnis der Bundestagswahl kann wie geplant am Sonntag veröffentlicht werden. Das Bundesverfassungsgericht hat die Beschwerden mehrerer Bürger als unzulässig abgewiesen. Sie hatten wegen der Nachwahl in Dresden gefordert, die Bekanntgabe des Ergebnisses zu verschieben, weil sonst die dortigen Wähler beeinflusst würden.

    Die Karlsruher Richter verwiesen die Kläger auf die Möglichkeit, nach der Wahl eine Wahlprüfungsbeschwerde einzulegen. Rechtsschutz gegen "Entscheidungen und Maßnahmen, die sich unmittelbar auf das Wahlverfahren beziehen", sei nach dem Grundgesetz und dem Bundeswahlgesetz erst nach der Wahl zulässig.

    Der Nachwahltermin für den Wahlkreis Dresden I war nach dem Tod der dortigen NPD-Direktkandidatin auf den 2. Oktober festgesetzt worden.
    http://www.n-tv.de


    -----------------


    Ich kann diese Entscheidung leider nicht nachvollziehen. In Dresden I sind ca. 200-000 Wahlberechtigte angemeldet. Wenn man jetzt annimmt daß davon 50% zu Wahl gehen, dann kann das schon ganz schön beinflussen. Ich kenn zwar (leider) nicht die Wahlgesetzte im Detail, aber wäre es nicht möglich die Wahl geheim zu halten ? Oder wieviel „Organe“ sitzen da im Hintergrund und zählen alle Stimmen zusammen ? Vielleicht macht es das Schwieriger die Wahl geheim zu halten.
    Aber eins ist sicher: Das hilft den dunkelroten, ganz bestimmt !

  • Re: Re: Re: Beleidigend


    Zitat

    Original geschrieben von DeusExMachina
    Was heißt "es gibt"? Das klingt, als wäre dies eine kleine Randgruppe - tatsächlich ist dies doch wahrscheinlich die Mehrheit aller Wahlbereichtigten, oder zumindest ein extrem großer Anteil!


    Dem würde ich zustimmen. Sehr schöner, und teils schockierender Artikel:


    http://www.newyorker.com/criti…ticles/040830crat_atlarge
    (How political science understands voters)


    Zitat

    Oder wie erklärst Du Dir sonst die riesige Diskrepanz zwischen den zu erwartenden Wahlergebnissen und der von Demoskopen gern gestellten Frage, wen man lieber als Kanzler hätte?
    [...]
    "Wenn es aber um die Lösungskompetenz für die drängenden Aufgaben geht, insbesondere bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, steht für die Mehrheit außer Frage, daß sie eher von einer Regierung Merkel zu erwarten ist. 50 Prozent trauen einer solchen Regierung eher zu, Erfolge bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu erzielen, nur 23 Prozent einer von Schröder geführten Regierung. 46 Prozent sind überzeugt, daß Merkel über die bessere Regierungsmannschaft verfügt, 28 Prozent sehen hier Schröder im Vorteil."
    Aber, hey, der ist doch sooo ein netter Kerl...


    Das läßt sich allerdings sehr leicht auch anders erklären: Merkel war eine schlechte Wahl für die Kanzlerkandidatin. Es könnte bspw. vielmehr Menschen geben, die prinzipiell jetzt lieber die CDU wählen würden, und dort auch fähige Menschen sehen, aber besorgt sind, dass Merkel mit ihrer "Westerwellisierung" der CDU eben einen Kurs einschlägt, der bei manchen CDU-Wählern nicht ankommt. Also CDU ja, aber unter Merkel nicht.
    Der Artikel in der FTD geht übrigens sehr schlampig mit der tatsächlichen Fragestellung um, die zu den Zahlen gehören. Die spielt nämlich eine ebenso wichtige Rolle bei der Interpretation der Zahlen wie die Zahlen selbst. Siehe dazu auch:
    "People lie on surveys and focus groups, often unwittingly"
    http://blogs.msdn.com/oldnewth…ve/2004/10/12/241228.aspx


    Oder als alternativen Erklärungsansatz auch diesen Ausschnit aus einer britischen Serie:
    http://www.yes-minister.com/ypmseas1a.htm


    So hieß es in einem Interview bei Deutschland Radio mit einer Politikwissenschaftlerin kürzlich auch:
    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/417227/


    Zitat

    Heuer: Aber woher kamen dann auch bei den Bürgern so etwas wie Euphorie, als die Entscheidung für Neuwahlen von Gerhard Schröder getroffen wurde. Da war ja eine Aufbruchstimmung in der Bevölkerung. Die ist offenbar ja verschwunden.


    Grunenberg: Ich glaube gar nicht, dass das in der Bevölkerung so eine große Aufbruchstimmung war. Ich glaube, das war eine Kombination zwischen einer inszenierten Aufbruchstimmung, die von bestimmten Zeitungen und auch manchen Moderatoren gemacht worden ist, [...]

    "That's not a hair question. I'm sorry." - 01/31/07 - Never forget!

  • Re: Wahlergebnis wird veröffentlicht


    Zitat

    Original geschrieben von VFBler
    (...) Ich kenn zwar (leider) nicht die Wahlgesetzte im Detail, aber wäre es nicht möglich die Wahl geheim zu halten ? (...)


    Wie soll denn das funktionieren? Das vorläufige amtliche Endergebnis kann zwar geheim gehalten werden, aber die ab 18:00 Uhr auf jedem Sender ausgestrahlten Prognosen wird es trotzdem geben - diese Prognosen sind bis auf 1-2% sehr genau und geben schon ein recht genaues Ergebnis wieder.


    Und selbst wenn sich die Sender im Rahmen einer freiwillen Selbstverpflichtung zurückhalten, wird es spätestens am Montag in der Bild-Zeitung stehen. Diese Sensation lässt sich kein Schmierblatt entgehen.



    So oder so kann das Ergebnis nicht geheim gehalten werden. Ein fader Beigeschmack verbleibt dennoch, wissen die Dresdner doch im Vorfeld der Wahl um das vorläufige Ergebnis und können es nicht unerheblich beeinflussen.


    Es ist sicher tragisch, dass die Nazi-Tante nette Dame mit den seltsamen Ansichten kurz vor der Wahl stirbt (das war wohl die letzte Lösung, die der verbliebene Funken Verstand im Hirn noch sah), aber deswegen eine gesamte Bundestagswahl zu verschieben ist - wenn auch rechtlich einwandfrei - meiner Meinung nach übertrieben. Rückt eben der nächste Kandidat nach und der Name der Verstorbenen wird angekreuzt.


    Nunja - we will see.



    Stefan

  • Re: Wahlergebnis wird veröffentlicht


    Zitat

    Original geschrieben von VFBler
    Wenn man jetzt annimmt daß davon 50% zu Wahl gehen, dann kann das schon ganz schön beinflussen.


    Ich rechne damit, dass in Dresden eher 80% als 50% zur Wahl gehen...

    Zitat

    Original geschrieben von VFBler
    Ich kenn zwar (leider) nicht die Wahlgesetzte im Detail, aber wäre es nicht möglich die Wahl geheim zu halten ?


    Der Bundeswahlleiter hat dazu etwas in einer Presseerklärung geschrieben:


    http://www.bundeswahlleiter.de…2005/presse/pd280211.html


    Die beiden wichtigsten Sätze:

    Zitat

    Anders als bei den Landeslisten findet kein „Nachrücken“ statt; im Bundestagswahlrecht ist nicht die Aufstellung von „Ersatzbewerbern“ vorgesehen. Der Gesetzgeber hat somit in Kauf genommen, dass die Wahlberechtigten in einem Wahlkreis ihre Stimmen in Kenntnis des Wahlergebnisses aus dem übrigen Wahlgebiet abgeben.


    [...]


    Die sich mit der Bundestagswahl vollziehende grundlegende demokratische Willensbildung für die Bundesrepublik Deutschland hat sich in allen ihren Phasen – bis auf die geheime Stimmabgabe – öffentlich zu vollziehen. Das äußert sich nicht zuletzt darin, dass die Stimmenauszählung öffentlich erfolgt.


    Zitat

    Original geschrieben von VFBler
    Oder wieviel „Organe“ sitzen da im Hintergrund und zählen alle Stimmen zusammen ? Vielleicht macht es das Schwieriger die Wahl geheim zu halten.


    Nein, so viele Behörden sind daran eigentlich gar nicht beteiligt. An der Spitze steht das Statistische Bundesamt, dessen Vorsitzender gleichzeitig auch Bundeswahlleiter ist, darunter die Landeswahlleiter und darunter die Kreiswahlleiter. Die auf unterster Ebene teilen ihre Ergebnisse dem nächsthöheren mit usw., am Ende ermittelt das Statistische Bundesamt das Gesamtergebnis.


    Technisch möglich wäre es sicherlich, kein Ergebnis zu veröffentlichen, es wird aber aus den oben genannten Gründen gewollt. Das einzige technische "Hindernis" ist die Tatsache, dass die Wissenschaftler das Ergebnis natürlich unabhängig von der Auszählung bereits am Wahltag kennen und auch veröffentlichen...

    Zitat

    Original geschrieben von VFBler
    Aber eins ist sicher: Das hilft den dunkelroten, ganz bestimmt !


    Darf ich fragen, wie Du darauf kommst? Die PDS entscheidet diese Wahl nicht, ganz egal, was in Dresden passiert. Eher anzunehmen wäre, dass die NPD möglicherweise versuchen wird, die ganze Geschichte als Bühne für ihren Auftritt zu benutzen. Damit meine ich keinen denkbaren Wahlerfolg, sondern die mit der Angelegenheit verbundene mediale Aufmerksamkeit.

  • Re: Re: Wahlergebnis wird veröffentlicht


    Zitat

    Original geschrieben von Stefan
    Es ist sicher tragisch, dass die Nazi-Tante kurz vor der Wahl stirbt (das war wohl die letzte Lösung, die der verbliebene Funken Verstand im Hirn noch sah


    Konsequenterweise muß ich das, was ich zu D-Love sagte, hiermit auch Dir sagen, auch wenn das "abkratzen" fehlt. Das muß wirklich nicht sein!

    “Das Leben ist wie ein Fahrrad. Man muß sich vorwärts bewegen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.” Albert Einstein

  • Noch eine Kleinigkeit, nur damit der Punkt nicht untergeht: Das Bundesverfassungsgericht hat inhaltlich noch gar nichts zur Frage der Zulässigkeit gesagt, sondern nur klargestellt, dass eine Wahl nicht im Voraus, sondern nur nachträglich angefochten werden kann.


    Was danach kommt, kann jetzt keiner wissen, in Hessen hat der Staatsgerichtshof 1995 entschieden, dass die Veröffentlichung unzulässig war, allerdings ist Hessen nicht Deutschland und ich kann mir irgendwie schwer vorstellen, dass eine bundesweite Wahl durch Ereignisse in einem Wahlkreis anfechtbar wird, schließlich gibt es neben dem Gleichheitsgrundsatz auch noch sowas wie den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit.

  • Re: Wahlergebnis wird veröffentlicht


    Zitat

    Original geschrieben von VFBler
    In Dresden I sind ca. 200-000 Wahlberechtigte angemeldet. Wenn man jetzt annimmt daß davon 50% zu Wahl gehen, dann kann das schon ganz schön beinflussen.


    Nein, glaube ich nicht. Hier die Zahlen von der letzten Bundestagswahl:


    http://www.bundeswahlleiter.de…and/wahlkreis/kr14160.htm


    48 582 761 Wähler Bundesweit
    164 923 Wähler in Dresden I.


    Das sind 0,3 Prozent insgesamt. Wenn man sich nun noch anschaut wie ausgeglichen sich dies auf 3 Parteien verteilt hat:
    CDU 54 946 33,8 %
    SPD 50 813 31,3 %
    PDS 33 921 20,9 %


    dann ist klar, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich die große Mehrheit der Wähler auf eine einzige Partei stürzen wird. Sehr wahrscheinlich wird die Abweichung der großen Parteien nach der Zuzählung der Stimmen aus diesem Wahlkreis auch nur um deutlicher weniger als 0,1% abweichen, was aller Voraussicht nach keinen relevanten Einfluß auf die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag haben wird. Vielleicht hat ja jemand Lust die konkreten Zahlen auszurechnen ab welchen Grenzen welche konkrete Beeinflussung der Bundestagsmandate eintreten würde bei einem knappen Ergebnis...

    "That's not a hair question. I'm sorry." - 01/31/07 - Never forget!

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!