ZitatOriginal geschrieben von astro73
Was willst du uns damit sagen?
Da die Mehrheit die Kompetenzen eher bei der Opposition sieht, heisst das also, das dies in Wahrheit nicht so ist?
Nein, ich will damit sagen, dass es ziemlich zufällig ist, wie die Wahl am Sonntag entschieden wird, und man sich abschminken soll, dass eine Demokratie heutzutage etwas mit "bewußter Richtungsentscheidung durch den Bürger" zu tun hat.
Weil es einen kleinen Anteil an Wählern gibt, die sich informiert und aus gut überlegten Gründen für eine Alternative entscheiden, und einen großen Anteil von Wählern, die dies aus Vorurteilen, Tradition, persönlicher Zu- bzw. Abneigung oder aus sonstigen trivialen und eigentlich irrelevanten Gründen tun.
Jeder soll die Partei wählen, von der er meint, dass sie in der Lage ist, die zukünftigen Probleme am besten zu bewältigen. Ich habe nur etwas gegen Leute, die sachfremde Erwägungen als Grundlage für ihre Wahlentscheidung nehmen. Die z.B. meinen, eine Partei nicht wählen zu können, weil
- Angela Merkel zu häßlich sei
- Schröder sich durch seine Brioni-Anzüge unglaubwürdig gemacht habe
- Westerwelle schwul ist
- Fischer zu fett geworden sei oder
- Gysi aus dem Osten kommt.
Nur leider wird eben diese Gruppe von Menschen die Wahl entscheiden, weil sie a) so groß ist,
b) Wahlentscheidungen auf Grund von Emotionen statt Informationen trifft und
c) leicht beeinflußbar ist, weil sie ihre Wahl unbelastet jeder Sachkenntnis treffen kann.
@ Sencer
Das mit der Aufbruchstimmung bei der letzten Wahl ist natürlich richtig - entscheidend war damals weder die Flut, noch direkt die Reaktion Schröders darauf, sondern die Darstellung dessen in bestimmten Medien.
Auch das beschreibt, indirekt, die FTD ja sehr gut - jedenfalls wenn man regelmäßig die Alex-Comicstrips liest
die ja viel wahres beinhalten: entscheidend sind die letzten Eindrücke (egal ob vor der Wahl oder den Bonus-Entscheidungen), diese wiegen um ein Vielfaches höher als frühere. Und wenn da einerseits der Eindruck des "Machers" bestätigt und andererseits ein Zusammenstehen unter einem "zupackenden Leader" (ich verwende bewußt das englische Wort, da einige Hirne die deutsche Bezeichnung ja sicher wieder falsch verstehen würden) heraufbeschwören, dann ist ja völlig klar, was passiert.
Sehr interessanter Artikel im New Yorker übrigens!
Zitat:
"Converse claimed that only around ten per cent of the public has what can be called, even generously, a political belief system. [...] About forty-two per cent of voters, [...] vote on the basis not of ideology but of perceived self-interest. The rest form political preferences either from their sense of whether times are good or bad (about twenty-five per cent) or from factors that have no discernible “issue content” whatever. Converse put twenty-two per cent of the electorate in this last category. In other words, about twice as many people have no political views as have a coherent political belief system. [...]
“very substantial portions of the public” hold opinions that are essentially meaningless—off-the-top-of-the-head responses to questions they have never thought about, derived from no underlying set of principles. These people might as well base their political choices on the weather. And, in fact, many of them do."
Das letzte, vor allem, ist genau was ich meinte. Wir können hier diskutieren wie wir wollen, in unserem persönlichen Umfeld in Diskussionen versuchen Menschen zu überzeugen und genau wie Politiker noch so kluge Gedanken haben und u.U. sogar erklären können - es ist schlicht für die Katz.
Dies wird ja derzeit auch deutlich in der Diskussion um Paul Kirchhof und sein Steuerkonzept - jeder redet darüber, obwohl fast niemand eine Ahnung davon hat. (Wobei natürlich viele glauben, eine Ahnung davon zu haben, schließlich wurde es ja bei Sabine Christiansen besprochen...). Da kommen Schichtarbeiter bei einer Veranstaltung zu Kirchhof und wollen ihm ihr Missfallen über seine Konzepte kundtun - hut ab, ich finde es klasse, wenn Leute nicht nur still vor sich hin maulen. Nur ist - gespeist aus den üblichen Quellen - das einzige, was sie von seinem Konzept wissen, dass er einen einheitlichen Steuersatz empfiehlt und die Steuerfreiheit von Sonn- und Feiertagszuschlägen abschaffen möchte. Klar - das wurde ihnen so ja schließlich auch von der Gewerkschaft gepredigt. Und vom Kanzler, der es "schäbig" findet, "wenn der Multimilliönar genausoviel Stuern zahlt, wie die Krankenschwester" (mal ganz abgesehen davon, dass die Krankenschwester dann ja 10 mal mehr Steuern zahlen müßte, als sie verdient, aber um solche Spitzfindigkeiten braucht man sich ja im Wahlkampf nicht zu kümmern).
Und genau deshalb bin ich ein entschiedener Gegner dieses Kanzlers, der die Chuzpe hat, öffentlich wieder und wieder dessen Aussagen zu verdrehen und zu verkürzen, bis diese Darstellung in der uninformierten Öffentlichkeit die Wirkung entfaltet, die er gerne hätte. Unbeschadet dessen, dass er es persönlich ganz sicher besser weiss - aber im Wahlkampf geht es halt um Wirkung, nicht um Überzeugung. Er beweist damit, dass er ein begnadeter Redner und Rhetoriker ist - aber das waren schon viele in der Weltgeschichte, und oft kam dann ein dickes Ende...
edit: Gerade mal aus Neugier bei Amazon nachgesehen:
Paul Kirchhof - Einkommensteuer-Gesetzbuch: 0 Rezensionen
Oskar Lafontaine - Politik für alle: 22 Rezensionen
Schon interessant, was so als Lektüre besser ankommt...