Heiko:
Ein guter Punkt.
Dazu fällt mir noch Folgendes ein: Man hat manchmal den Eindruck, als wäre das, was Hitlerdeutschland gemacht hat, das Schlimmste und Übelste gewesen, was die Welt jemals gesehen hat. Ohne die Schandtaten des dritten Reiches mindern zu wollen - es gab in der Geschichte der Menschheit schon weitaus üblere Dinge, die z.T. auch weitaus länger anhielten.
Wer käme z.B. heute auf die Idee, den Christen dieser Welt vorzuwerfen, sie wären Anhänger eines Menschenschlächtervereins? Wer käme auf die Idee, Kirchen als Symbole der unmenschlichen Inquisition zu schließen und den Papst als Anführer einer Organisation, die dareinst für unvorstellbare Greueltaten aller Art verantwortlich war, hinter Gitter zu stecken?
Zugegebenermaßen habe ich als jemand, der in der DDR die Schule besucht hat, wahrscheinlich noch weniger Verständnis für dieses allgegenwärtige Duckmäusertum der Deutschen, wenn es um dieses Thema geht. Die Vergangenheitsbewältigung diesbezüglich hat bei uns früher in der Schule einen sehr hohen Stellenwert eingenommen; ich brauche ganz sicher kein Mahnmal, um daran erinnert zu werden, daß das dritte Reich keine gute Sache war...
Der Westen hat sich da schon immer irgendwie schwer getan. Einerseits hat man es damals mit der Verfolgung von Kriegsverbrechern nicht sonderlich genau genommen - viele alte Nazis verrichteten nach dem Krieg weiterhin ihren Job und waren in Nullkommanix als Beamte "rehabilitiert". Das Thema spielte und spielt an Schulen eine viel zu kleine Rolle. Andererseits aber wird kein medialer Auftritt ausgelassen, um uns vorzuhalten, wie schlecht wir früher waren. Mahnmale in die Welt setzen, für die sich nach der Eröffnungsfeier kein Schwein mehr interessiert (außer vielleicht ausländische Besucher, die wissen wollen, warum da so ein hässliches Teil rumsteht) - das ist typisch für uns.
Im Grunde genommen ist das nix anderes als der übertriebene Pathos der Amis, über den wir uns immer so gerne lustig machen - nur andersherum. Es wäre noch was anderes, wenn unsere Gesellschaft auch ganz allgemein davon geprägt wäre, daß wir es mit der Vergangenheitsbewältigung wirklich ernst meinen. Dies kann aber eben nur bedeuten, daß dieses Thema in einer angemessenen Art und Weise und vor allem in einem angemessenen Umfang - dabei aber durchaus mit einem gesunden Maß an historischem Abstand - in unseren Schulen vermittelt wird. Und ich bin absolut nicht sicher, ob dies passiert. Wer jedoch denkt, daß Vergangenheitsbewältigung allein mit Symbolen betrieben werden kann, befindet sich im Irrtum...