@Krähe:
Als ehemaliger DDR-Bürger, der damals allerdings noch relativ jung war und somit keine sonderlich gefestigte Beziehung zu diesem Staat hatte und dem, was er repräsentierte, kann ich derartige Tendenzen auch nur schwer verstehen. Ich zähle mich zu denen, die durch die Wende nur gewonnen haben. Es geht mir in jeder Hinsicht gut. Ich habe dem damaligen System auch als Jungspund, der ich war, eher skeptisch gegenüber gestanden und mich sicher mehr mit politischen Überlegungen beschäftigt als andere in meinem Alter. Natürlich ohne mich in irgendeiner Form aktiv opportunistisch zu betätigen, man war ja nicht lebensmüde...
Mein Großvater war Uni-Dozent, Doktor der Geschichte und Philisophie (Letzteres ist er natürlich noch immer), und ich erinnere mich daran, mich mehr als einmal mit ihm in die Haare gekriegt zu haben. Inzwischen sieht er auch einiges ein wenig anders... 
Allerdings ist es nun auch nicht so, daß ich diese Menschen überhaupt nicht verstehen könnte. Ich meine, wer will es denen verdenken, die zurückblicken und die für sich und ihre persönliche Situation konstatieren müssen, daß sie durch die Wende nichts gewonnen und nur verloren haben.
Jetzt wird möglicherweise das Argument kommen, daß schließlich jeder durch die Wende gewonnen habe, weil man doch den autoritären Staat losgeworden sei und nun in einer Demokratie lebe.
Nun, und da wären wir dann an dem einzigen Punkt an der ganzen Wendesache, die mich persönlich und sicher auch viele andere, die sich ein wenig interessiert haben, maßlos enttäuscht hat: Wir hatten von der westlichen Demokratie eine Meinung, die sich so absolut nicht bestätigt hat. Tatsächlich gehört für mich die Diskrepanz zwischen dem, was ich früher naiverweise über die westliche Demokratie dachte, und dem, als das sie sich dann tatsächlich erwies, als eine der größten Enttäuschungen, die ich je erleben mußte.
Denn das, was wir heute haben, nennt sich "parlamentarische Demokratie". Dieses kleine Wörtchen "parlamentarisch" ist wohl eine der größten Verar***ungen, seit es das Wort "Demokratie" gibt. 
Die westliche Demokratie zeichnet sich v.a. durch zwei Dinge aus: Ein im wesentlichen garantiertes Recht auf freie Meinungsäußerung sowie das Recht, frei zu wählen.
Der Haken an der Sache ist, daß es eine wesentliche Gemeinsamkeit zwischen dieser westlichen Demokratie und dem, was damals zu Sozialismumszeiten "demokratisch" genannt wurde, gibt: In beiden Systemen lag bzw. liegt die tatächliche Macht in den Händen weniger Menschen, deren Hauptansinnen nicht etwa das Wohl des Volkes, sondern persönliche Profilierung und Machtstreben bzw. -erhaltung sind. Dies ist ein grunsätzlicher Wesenszug von Menschen in einer kapitalistischen Gesellschaft und insofern eigentlich auch gar nicht verwerflich - die Menschen sind eben nun mal noch nicht so weit, daß sie -- in bester Star Trek-Welt - Manier -- eben nicht zuerst an Macht und Profit, sondern an das Wohl Aller denken. Insofern war die DDR wohl auch ein stückweit kapitalistischer, als man es wahrhaben wollte... 
Die großen Volksparteien hierzulande nähern sich immer weiter an, sie geben sich mit der Zeit immer weniger Mühe, für den Wähler klar trennbare Ziele zu definieren. Ihr Hauptaugenmerk liegt darauf, die weniger gut informierte, BILD lesende Masse der Bevölkerung mit polemischen und unnachhaltigen Maßnahmen bei der Stange zu halten sowie ihre Fahne jeweils in den Wind zu hängen, der am stärksten in Richtung Machterhalt weht. Dies wird durch die Art und Weise der Berichterstattung in den Mainstream-Medien noch gefördert. Wie man sich dabei auch so richtig schön blöde, geradezu dumm anstellen kann und deftig in die Nesseln setzt, zeigen unsere Herren Schröder und Eichel dieser Tage am Beispiel Telekom.
Und der Punkt ist halt einfach der, daß sich die Menschen früher im Osten wohl einfach was anderes unter echter Demokratie vorgestellt haben. Stattdessen müssen sie heute feststellen, daß die ganze schöne Demokratie im Grunde wenig nutzt, weil zwar jeder sagen und wählen kann, was er will - nur interessiert das halt kein Schwein, und Veränderungen führt man damit schon mal gleich gar nicht herbei. Und das war, ganz ganz vereinfacht ausgedrückt, im Grunde in der DDR kaum anders. Die Meinungsfreiheit, von der man sich heute hier leider nix kaufen kann, gab es halt nicht, und es gab eben keine mehreren, letztlich dasselbe machenden Parteien zur Auswahl.
Eine wirkliche Demokratie müßte es ermöglichen, daß alles, was in einem Land passiert, tatsächlich dem Willen einer Mehrheit seiner Bevölkerung entspricht. Was wir heute in Form der parlamentarischen Demokratie haben, ist IMHO quasi ein Vorläufer hierfür. Bei dem Gedanken, daß tatsächlich die Bevölkerung an wichtigen Entscheidungen beteiligt sein soll, wird mir angesichts von Dingen wie PISA-Studie oder Auflagenzahl der BILD ziemlich übel. Da ziehe ich dann das bestehende System doch vor - zwar werden unsere Anführer nicht durch Nächstenliebe getrieben, aber immerhin kann man ihnen genügend Weitblick zuschreiben, daß sie keine wirklich üblen und dummen Dinge veranstalten.
Als Star Trek - Fan träume ich von einer Welt, in der Menschen intelligent sind, sich aktiv mit sich und ihrer Umwelt befassen und bestrebt sind, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen, und zwar primär um des Einbringens willens. Erst mit solchen Menschen ist etwas wie eine echte "Demokratie", das dann auch wirklich diesen Namen verdient, realisierbar. Weder unsere noch unsere unmittelbar nachfolgenden Generationen werden das erleben, aber irgendwann mal wird es hoffentlich soweit sein.
Und bis es soweit ist - um damit jetzt wieder einen Bogen zum Thema zu schlagen
- bis es soweit ist, halte ich unser heutiges System trotz aller Kritik für das Beste, was auf der derzeitigen Entwicklungsstufe des Menschen machbar ist. Und bei aller berechtigter Politikverdrossenheit sollte man trotzdem versuchen, mit den Möglichkeiten, die man hat, wenn schon nicht wirklich was zu bewegen, dann doch wenigstens Zeichen zu setzen. Und zumindest dafür reicht eine Wahl allemal aus...