Das Gas-Lieferabkommen mit Peking ist kein Triumph für Moskau. Auch wenn Wladimir Putin es des schieren Volumens wegen als den "größten Gasvertrag der Geschichte" preist. Aus drei Gründen ist es sogar besorgniserregend: Es zeigt, dass Putin weiter bereit ist, Nachteile für sein eigenes Land hinzunehmen, um dem Westen eins auszuwischen. Es zeigt zweitens, dass Russland nicht mehr in der Position ist, für seine Energierohstoffe die Preise zu bekommen, die es sich wünscht. Daraus ergibt sich der dritte, bedrohlichste Schluss: Das Zeitfenster für eine Modernisierung Russlands beginnt sich zu schließen.
Mehr als ein Jahrzehnt spülte das Öl- und Gasgeschäft Milliarden und Abermilliarden ins Land. Millionen Menschen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion Armut erlebt hatten, konnten sich endlich ein Auto, ein Smartphone, einen Urlaub in der Türkei leisten. Putin verbucht es heute als seine Leistung, Russland von den Knien erhoben zu haben. Doch das Wachstum wurde fast ausschließlich von zwei Kräften getrieben: dem Rohstoffverkauf und dem Konsum.
Die Gewinne hätten eine Option sein können auf die Zukunft. Sie hätten helfen können, in neue Technologien und eine gute Infrastruktur zu investieren und die Zeit zu überbrücken, bis diese Investitionen greifen. Dass die Investitionen zu zögerlich kamen, hat damit zu tun, dass auch die Modernisierung des Staates und der Gesellschaft stecken geblieben sind. Unternehmer brauchen die Sicherheit, dass ihnen die Fabrik, die sie bauen, auch in zwanzig Jahren noch gehört. Und ihre Einnahmen möchten sie höchstens mit dem Staat teilen, nicht aber mit seinen korrupten Vertretern, die sie in die eigene Tasche stecken.
Nach mehr als einem Jahrzehnt Energieboom steht Russland immer noch da als ein Land, das außer Rohstoffen nicht viel anzubieten hat für den Welthandel. Der Beitrag des Energiegeschäfts zum russischen Staatshaushalt ist unter Putin immer weiter gestiegen - ein Zeichen dafür, dass das Gegenteil von Modernisierung stattgefunden hat. Nun beginnen die Preise, die Russland für diese Rohstoffe bekommt, zurückzugehen. Das zeigt der Vertrag von Shanghai.