STUDENTEN AUF DEN BARRIKADEN
Danke für nichts
Für Studenten scheint die Lage an den Hochschulen absurd: Überall werden Stellen gestrichen, das Studium verlängert sich, es fehlen Plätze in Pflichtveranstaltungen - und dafür sollen die Studenten auch noch zahlen. An den Unis rumort es mächtig. Eine neue Protestbewegung gewinnt an Fahrt, die ersten Streiks laufen bereits.
Selbst für eine alte Universitätsstadt war es ein ungewohnter Anblick: In den neunziger Jahren bildeten sich in Heidelberg zu Semesterbeginn vor Seminaren bereits in der Nacht lange Schlangen, die sich bei Tagesanbruch bereits durch die Altstadt zogen. Mit frühzeitigem Anstellen versuchten damals Studenten, einen der begrenzten Plätze in Pflichtveranstaltungen zu bekommen.
Inzwischen sind die Schlangen verschwunden, die Anmeldung erfolgt per Internet. Doch das Grundproblem bleibt an vielen Hochschulen erhalten: Viele Veranstaltungen sind völlig überfüllt, was das Studium oft verlängert.
Dass sie aus lauter Dankbarkeit für die miserablen Studienbedingungen dafür auch noch bezahlen sollen, empört die Studenten. Bereits jetzt gibt es in einigen Bundesländern Strafgebühren für Langzeitstudenten, und weitere Länder ziehen allmählich nach - zum Beispiel Bayern, wo Ministerpräsident Edmund Stoiber jetzt grünes Licht für die Einführung von Langzeitgebühren gab. Als Kanzlerkandidat hatte Stoiber sich noch gegen Studiengebühren ausgesprochen und so an die studentische Zielgruppe herangewanzt.
"Eigentlich sind die Studienanfänger fehl am Platz"
Studentenvertreter halten Gebühren für absurd: "Vor allem in die geisteswissenschaftlichen Fächer wird wenig investiert, und das wirkt sich dann wegen überfüllter Veranstaltungen studienzeitverlängernd aus", kritisiert Colin Tück vom Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs). Dass die Idee genereller Studiengebühren auch bei den bisher ablehnenden Regierungsparteien immer mehr Anhänger findet, treibt die Studenten auf die Barrikaden: Die SPD ist sich in der leidigen Debatte längst nicht mehr einig, und selbst die Grünen wackeln.
"Die Regierenden rufen ständig dazu auf, dass mehr junge Leute studieren sollen - aber gleichzeitig kürzen sie immer weiter die Mittel für die Hochschulen", beklagt Stefan Schopohl, Asta-Sprecher der Uni Trier. Im gerade begonnenen Wintersemester habe die Zahl der Studienanfänger in Trier mit rund 3000 einen neuen Höchststand erreicht. "Eigentlich sind die fehl am Platz, denn eine gute Ausbildung kann man ihnen nicht garantieren", sagt Schopohl.
Dabei gehören Studenten, die wegen Platzmangels in Seminaren auf den Fluren sitzen müssen, seit Jahren zum gewohnten Bild an vielen Unis. Allmählich braut sich an den Hochschulen was zusammen: So haben Studenten der Universität Frankfurt/Main diese Woche einen Streik beschlossen, ab Montag wollen auch die Gießener Studenten streiken. "Man wird uns aber kein einziges Mal demonstrieren sehen, wir werden Kreativeres machen als nur zwei Stunden durch die Stadt zu latschen", sagte Studentenvertreter Thomas Schmitt.
Die Streiks können sich schnell ausbreiten
In Niedersachsen geht es wegen der Kürzungspläne der Landesregierung bereits seit Wochen rund. Am Donnerstag kamen 8000 Teilnehmer zu einer Demo gegen die Sparbeschlüsse; in Hannover ist für den kommenden Mittwoch eine Großdemonstration geplant.
FEDERICO GAMBARINI / DDP
Studentendemo (in Düsseldorf): Keine Bereitschaft, für den Staat einzuspringen
Unterdessen rumort es auch in Berlin gewaltig. Dort sind Studenten der TU, ein Riese unter den deutschen Technik-Hochschulen, in den Streik getreten und besetzten am Donnerstag einzelne Uni-Gebäude. Schnell könnten sich die überall züngelnden Proteste zu einem bildungspolitischen Flächenbrand quer durch Deutschland ausweiten.
Bisher haben alle Proteste nicht gefruchtet, im Gegenteil: Die Situation wird sogar schlimmer. So ist an der Uni Trier - wie an vielen Hochschulen - das Latinum für Studenten der Geisteswissenschaften zwingend vorgeschrieben. Wer es in der Schule nicht erworben hat, muss zusätzlich zu seinen Studienfächern Lateinintensivkurse belegen. Bisher wurden in Trier vier Kurse pro Semester angeboten. "Am ersten Tag dieses Semesters hieß es plötzlich, es gebe aus Geldmangel nur noch einen Kurs für höchstens 60 Leute - dabei standen 300 auf der Anmeldungsliste", erzählt Schopohl. Nach Protesten seien dann doch noch zwei weitere Kurse aufgetaucht.
Wer profitiert von Gebühren wirklich?
Selbst wenn alle Studierenden in die gewünschten Kurse kommen, ist oft nicht genug Platz. "Die Unterfinanzierung des Hochschulbaus ist seit Jahren eklatant", heißt es beim Wissenschaftsrat. Zwischen der vom Rat empfohlenen Investitionssumme und den von Bund und Ländern zur Verfügung gestellten Mitteln klaffe eine große Lücke, seit zirka zehn Jahren bestehe ein "erheblicher Investitionsstau".
Das Argument, Studiengebühren könnten hier Abhilfe schaffen, weil dann die Hochschulen mehr Geld hätten, löst bei den Studierenden nur Hohngelächter aus. "In den allermeisten Fällen, wo in anderen Ländern Studiengebühren eingeführt wurden, kamen diese nicht den Hochschulen zugute", sagt Colin Tück vom fzs. Das Beispiel Australien zeige, dass die Hochschulen heute de facto weniger Geld hätten als vor der Einführung von Studiengebühren, "weil sich der Staat immer mehr aus seiner Verantwortung zurückzieht".
Auch die Befürworter so genannter nachgelagerter Gebühren, die erst nach dem Studium fällig werden, betonen, dass das Geld allein den Hochschulen zugute kommen dürfe. Es sei gerecht, wenn Akademiker ihrer Hochschule etwas zurückzahlten, da sie auf Grund ihres überwiegend von den unteren und mittleren Einkommensgruppen steuerfinanzierten Studiums meist auch einen gut bezahlten Job hätten.
Dagegen heißt es in einem Gutachten für das Deutsche Studentenwerk, die traditionelle Behauptung, dass Nicht-Akademiker den Akademikern das Studium finanzierten, sei ein Mythos.
Julia Rippe
Plakat in Göttingen: Es gärt und rumort an den Unis
Entsprechende Berechnungen vernachlässigten entscheidende Aspekte, die oft behauptete ungünstige Verteilungswirkung der staatlichen Bildungssubvention sei nicht belegbar. Stattdessen gebe es starke Anhaltspunkte für einen hohen Grad an "Eigenfinanzierung" über spezifische Steuerrückflüsse, die wie eine "Akademikersteuer" wirkten.
Belastet würden somit wieder vor allem Studierender aus sozial benachteiligten Schichten, die ohnehin wieder seltener an Hochschulen vertretenen seien, klagen die Kritiker. Denn neben ihrer "Akademikersteuer" müssten sie nach dem Studium dann auch noch für Bafög-Rückzahlung und Studiengebühren aufkommen.