Nichts für ungut, aber wenn jeder hier über seine Reaktionen und Beiträge hinaus, die ja schon deutlich machen, welche Aspekte man selbst beleuchtet haben möchte auch noch deutlich machen würde, was er hier nicht lesen möchte, dann würde das ganze in eine reichlich praxisfremde Metadiskussion ausufern.
Der Einwurf von Matchacom ist ja nicht unbegründet. Ganz unabhänging von der Tragik und der wahrscheinlichen Vermeidbarkeit erwischt es schon statistisch bei 1,5 Millionen Leuten, zumal hauptsächlich Jugendliche und junge Erwachsene jeden Tag etliche. Die Sterblichkeit von zwanzigjährigen, männlichen Jugendlichen liegt bei über 1 pro 1000 im Jahr, bei weiblichen liegt sie niedriger, im Mittel bei ungefähr 0,8, also 1200 pro 1,5 Millionen Leute. Im jungen Alter spielen natürliche Todesursachen ja auch nur eine sehr geringe Rolle, sondern Unfälle bilden die häufigste Ursache. Pro Tag wären es also schon statistisch fast 4 Menschen.
Ich habe keine Ahnung um welchen Faktor sich dieser Durschnittswert erhöhen würde, wenn 1,5 Millionen junge Leute nicht aus vielerlei Gründen mit der Bahn zur Loveparade gefahren wären, sondern wie üblich zu einem erheblichen Anteil mit dem Auto zu ihren Wochenendunternehmungen gefahren wären. Selbst die schon in Berlin vorgekommenen einzelnen Drogentote auf der Loveparade lägen noch unterhalb der statistischen Erwartung. So gesehen ist eine ohne große Zwischenfälle verlaufende Loveparade sogar eine lebensrettende Maßnahme.
Die naheliegende Vermeidbarkeit der Duisburger Tragödie bleibt davon natürlich unberührt, insbesondere in den Einzelfällen. Schon im Vorfeld sind organisatorische Fehler begangen worden, die anschwellende Gefahr wurde nicht gewürdigt, Aktion, Kommunikation und Reaktion zwischen den außerhalb des Publikums Beteiligten funktionierte nicht, in der eingetretenen Notsituation wurde nicht richtig gehandelt.
Aber auch einzelne Personen innerhalb des Publikums haben durch Übersteigen und bewusstes Überklettern, teils sogar auf der Treppe zur Eskalation beigetragen. Und es wird wohl niemand behaupten, daß diese teilweise sogar durchtrainierten, offenbar durchwegs männlichen Personen sich in ähnlich großer Gefahr oder besonderer Todesangst gegenüber ihrer Umgebung
befanden. Sie hatten aufgrund ihrer körperlichen Verfassung die Möglichkeit sich über ihre schwächere Umgebung zu erheben und haben dies rücksichtslos und zu Lasten der anderen genutzt. Hätten sie sich nützlich oder zumindest standhaft gezeigt wäre wahrscheinlich weniger passiert. Da es ja eine Vielzahl von Foto - und Videoaufnahmen gibt bleibt zu hoffen, daß auch diese Individuen bei den Ermittlungen nicht unberücksichtigt bleiben.
Rücktritt oder zumindest vorläufiger Verbleib im Amt ist meines Erachtens nicht entscheidend und nur allzuoft sind Rücktrittsforderungen politisch oder persönlich motiviert. Sowieso trägt nicht eine einzelne Person die Alleinschuld für die Tragödie, sondern alle im Vorfeld und vor Ort Hauptverantwortlichen haben ihr Quentchen zur Gemengelage beigetragen. Der Tunnel ist für sich genommen nicht der Knackpunkt, wahrscheinlich auch nicht die Rampe, denn selbst in der engsten Zeit war diese offenbar auch in der Breite nicht komplett überfüllt, sodaß einerseits Ausweichraum vorhanden gewesen wäre und andererseits bei sardinendicht gepackter Menschenmasse höchstens vereinzelt Platz zum Umfallen vorhanden gewesen wäre. Solange man steht bricht man ja eher nicht auf seinem kleinen Platz in sich zusammen und zum Längshinfallen braucht es einen größeren Freiraum. Wäre die alte, schmale Betriebstreppe nicht vorhanden gewesen oder hätte man sie im Vorfeld als Massenanziehungspunkt und damit als Gefahrenquelle ausgemacht und abgerissen oder überbaut wäre das wohl nicht passiert. Die anderen Fehler wie wahrscheinlich falsche Absperrungen und Freigaben, ungeeignete Bauzäune, hinzugebaute Klettermöglichkeiten, den ausgerechnet am Treffpunkt der beiden Tunnelzugänge aufgebauten Container der Ordnungskräfte - wo waren denn die zu der Zeit, drinnen oder wo? - die im oberen Bereich durch parkende Polizeifahrzeuge unnötige verschmälerte Rampe hätten selbst in Kombination nicht so viel Schaden verursachen können wie die vermaledeite, frühere Betriebstreppe.
Ach, was erzähl' ich überhaupt. Das ist ja eigentlich nichts neues. Entschuldigt, bitte.
P.S.: Noch eine Sache, die ich vorhin vergessen hatte. Als jemand, der Duisburg zwar besuchsweise kennt, an der Loveparade aber keinerlei Interesse hat habe ich der Organisation im Vorfeld zwar keine Beachtung geschenkt, aber wie kann man den gesamten Innenbereich des vormaligen Güterbahnhofs, der ja praktischerweise schon am Hauptanreisepunkt Hauptbahnhof beginnt für alles andere als für eventuelle Einsatzfahrzeuge sperren? Über die am Westausgang nach Süden anschließenden Parkplatzflächen (Östliche Mercatorstraße) hätte man leicht große Besuchermengen zum Güterbahnhof gehen lassen können, auf direktem, kurzen Weg und ohne Tunnels, Rampen und Böschungen. Auch über die westliche Mercatorstraße (jenseits der Autobahn) hätte man den Besucherstrom schon an der Koloniestraße auf's Güterbahnhofsgelände führen können, statt sie umständlich hintenrum auf die Karl-Lehr-Straße samt Tunnel und Rampe zu zwingen. Da drängt sich die Frage auf, ob die umständliche Tunnelvariante vielleicht zwecks vermeintlicher Kontrollmöglichkeit extra gewählt wurde, ob sich die Bahn der Nutzung der normalerweise als Parkplatz genutzten Fläche verweigert hat oder sonstige einflussreiche Anlieger eingegriffen haben. Den großen und gut erschlossenen Innenraum eventuellen Einsatzfahrzeugen vorzubehalten statt den hundertausenden Menschen war allerhöchstens bequem für die Einsatzplanung, nicht aber notwendig. Vom Haupt- zum Güterbahnhof ist's innen nur ein Katzensprung und meines Erachtens ohne Großgefahrenpunkte.