Mal ehrlich: Was bringen die Netztests eigentlich noch?
Jetzt sind sie also alle da: die "Netztests 2020" von Computerbild, Chip und 2x Connect. Zusätzlich noch Open Signal und Tutela aus dem Ausland
Die Netztests hatten einen sehr vorhersehbaren Ausgang. Zu deutlich sind die Unterschiede zwischen den Betreibern zumindest auf nationaler Ebene. Die besseren Tests kombinieren inzwischen Crowdsourcing mit eigenen Messungen.
Dennoch haben beide Systeme große immanente Fehler:
Bei den Messung ist zu viel outdoor, zu wenig indoor, zu viel Autobahn, zu wenig Landstraße, zu viel ICE, zu wenig Nahverkehr, zu viel Stadt, zu wenig Land (70% wohnen nicht in Städten). Merkwürdigerweise sind das immer interne Fehler, die das Ergebnis tendenziell verbessern.
Crowdsourcing ist näher am Nutzer dran. Connect vertraut ihm aber nur zu 20%, denn es sind auch Fehler eingebaut. Die beschränkten Tarife von Telekom und Vodafone lassen plötzlich Telefónica zum städtischen Geschwindigkeitssieger werden. Jeder, der ein gutes Smartphone mit LTE Max Vertrag hat, wird wissen, wie falsch das ist.
Trotzdem müssen wir insbesonders reden über die Bewertung, denn daran lässt sich am meisten manipulieren:
Wie kann es sein, dass wir jetzt nur "gute" und "sehr gute" Netze haben - wenn wir andererseits ständig über Funklöcher oder die schlechte Netzquali sprechen? Das geht nicht einher, wie man es auch immer wendet und dreht. Die Bewertung stimmt nicht oder unsere Wahrnehmung/Anforderungen.
Wie verrückt das ist, zeigt sich, wenn man diesen Test von Umlaut/Connect mit dem von vor fast 2 Monaten über das "Beste Netz für Billiganbieter" vergleicht. Damals wurde Telefónica zum "besten Netz", heute sind sie schlechtester. Zwar gab es damals eine andere Werteskala als heute. Aber wenn die dann so beliebig ist, dass der damals Beste jetzt zum Schlechtesten wird, sagt die Bewertung in Endeffekt gar nichts mehr aus. Wie kann sonst der schlechteste Netzanbieter das "beste Netz für Billiganbieter" haben?
Aber es gehr noch absurder.
Der Computerbild-Test hieß sogar "das beste Netz" und der Dritt-Platzierte darf jetzt mit "das beste Netz" und "gut" als Logo an jedem seiner Geschäfte werben. Hier ist im Namen des Tests schon die Manipulation eingebaut.
Wir brauchen endlich vernünftige Netztests, amtlich beauftragt, von mir aus von unabhängigen Instituten wie Umlaut durchgeführt und nicht von Fachzeitschriften initiiert, die von den gleichen Anbietern als Anzeigekunden finanziell abhängig sind.
Eine reale Flächenabdeckung von gut 50% oder max. 60% der Republik mit LTE nach 10 Jahren durch einen Anbieter als "gut" zu bezeichnen grenzt schon an Hirntod. Wenn das "gut" sein soll, dann liegt genau da der Grund, weshalb wir inzwischen international so abgehängt sind. Auch in diesen Jahr liegen alle Netze aus CH und AT vor dem besten deutschen "sehr guten".
Anscheinend gibt es einen Propagandakrieg der Netzbetreiber um die Deutungshoheit der Mobilfunkqualität in Deutschland. Ist ja alles gut bei uns und Funklöcher sind eingebildet. Leider haben sie die Netztests für ihre Propagandazweck vereinnahmt und diese sind daher nur noch bedingt aussagefähig.
Wir leben in Zeiten, wo man niemanden mehr glaubt und viele selbst wissenschaftlichen Methoden inzwischen kritisch gegenüberstehen. Vielleicht liegt das genau daran. Aber wir brauchen die Daten, um vernünftige Entscheidungen zu treffen. Angesichts der Tests könnte ja jemand auf die naheliegende Frage kommen, warum man gerade eine Milliarde Steuergelder in den Netzausbau steckt, wenn alles so "gut" oder "sehr gut" ist.