Lektionen für Nokia
Ich komme aus der Wirtschaft und habe von Technik nur wenig Ahnung. Nach schlechten Erfahrungen mit anderen Handyherstellern bin ich vor einigen Jahren als Kunde bei Nokia gelandet.
Die zuletzt gemeldeten Zahlen sind meiner Meinung nach für ein Unternehmen in einer Übergangszeit gar nicht so schlecht. Hoher Cash-flow, Nokia ist immer noch mit grossem Abstand Marktführer und hält eine starke Position in den Schwellenländern.
Meiner Meinung nach könnten drei Massnahmen Nokia deutlich nach vorne bringen:
1.: Marketing
2.: Alleine auf Symbian setzen und Meego aufgeben
3.: Sich nicht unter Druck setzen lassen
1.: Nokia verkauft sich meiner Meinung nach nicht ideal und wird vorallem als einfacher "Handyhersteller" wahrgenommen. Nokia sollte herausstellen, dass ihre Smartphones auf gleichem Niveau mit Android und Iphone spielen sowie einige Alleinstellungsmerkmale aufweisen. Nokia muss wieder Glanz bekommen.
Die meisten Nokia Smartphones werden vom Konsumenten gar nicht als solches erkannt ("oh, ich kann ja auch Apps laden, wusste ich gar nicht"). Der Kunde registriert diese als "Handy" ohne Smartphone Funktionalität. Der Ovi Store Button wird nicht wahrgenommen, da unbekannt. So kann Nokia doch gar nicht in der Wahrnehmung mit Android und Iphone mithalten.
Ovi Maps ist eine Killerapplikation nach der sich andere Hersteller die Finger lecken würden. Ovi Maps wurde in Deutschland nur kurz mit einer ziemlich blöden Kampagne (eine Art riesiges Einrad war der Eyecatcher, Botschaft kam nicht an) beworben. Bei aktueller Werbung wird Ovi Maps kaum hervorgestellt. Auch die N8 Kampagne (z.B. nichtssagende Motive im ICE) geht an der Zielgruppe vorbei.
2.: Nokia hat durch Symbian ein Legacy-Problem. Die Software wirkt auf viele altbacken. Ähnlich Apple in den 90ern. So wie es sich mir darstellt ist der Kern von Symbian aber durchaus konkurrenzfähig, die Oberfläche ist vielmehr überarbeitungsbedürftig.
Nun auf Android oder WM7 zu setzen wäre sehr riskant. Nokia wäre ein Anbieter von vielen, vermutlich ohne die Kostenstruktur von HTC. Ausserdem würde Nokia damit die Chancen eines in sich geschlossenen Systems aufgeben. Nennenswerte Umsätze aus dem Ovi Store wären dann nicht mehr zu erwarten.
Die reine Bereitstellung/Produktion der Hardware geht mit deutlich geringeren Margen einher als der Zugriff auf ein in sich geschlossenes System.
Symbian näher an Nokia zu binden war sicher der richtige Schritt. Symbian sollte ein quasi-propritäres Nokia OS werden (bei Apple war die Entscheidung gegen Fremdhersteller auch die richtige) und eng mit den Nokia Geräten verzahnt werden. Alles aus dem Ovi Store sollte auf allen (neuen) Symbian Geräten laufen. Die Upgrade-Möglichkeit bei Symbian 3 ist auch der richtige Schritt dazu und sollte gegenüber dem Konsumenten auch herausgestellt werden ("ihr werdet weiter versorgt").
Wichtig ist jetzt auch ein guter Browser, da hakt es derzeit gewaltig. Mit Symbian ins Internet zu gehen macht bei weitem nicht so viel Spass wie mit dem Iphone.
In der aktuellen Situation noch parallel ein neues OS (Meego) aufzusetzen bindet viele Ressourcen. Qt hin oder her, beim Kunden könnte der Eindruck entstehen, es gibt zwei Klassen von Smartphones bei Nokia. Und bis Meego wirklich läuft vergehen sicher auch nochmal zwei Jahre.
3.: Nokia braucht jetzt Ruhe.
Hätte Apple auf die Analysten gehört, hätte es niemals einen Ipod gegeben. Die Firma wäre Ende der 90er aufgelöst worden und die (immer noch hohen) Barmittel an die Aktionäre ausbezahlt worden. Wahrscheinlich wird Nokia noch eine ganze Weile mit sinkenden Marktanteilen zu kämpfen haben. In solch einer Situation werden die von den explodierenden Android Zahlen geblendeten Analysten natürlich unruhig. Sinkende Marktanteile bedeuten aber noch lange nicht den Untergang und warum sollte es nicht in Zukunft, wie auch derzeit bei Spielekonsolen (Nintendo, MS, Sony), drei grosse Smartphone OS (IOS, Android, Symbian) geben? Nutzerbasis alleine ist noch nicht alles, sonst hätte HP niemals Palm übernommen.
Nokia ist eine Firma in der Transformation und kein Restrukturierungsfall (hiergegen spricht alleine schon der hohe Cash-flow).