Kann sich noch irgendjemand hier (und sei es nur aus Erzählungen) daran erinnern, dass vor ein paar Jahrzehnten in D noch weit mehr als 40 Stunden die Woche und auch Samstags gearbeitet wurde?
Der Lebensstandard und das Durchschnittseinkommen haben sich in Deutschland seither stetig erhöht, die Sozialabgaben und -ausgaben ebenso. Nur ein Wert ist immer kleiner geworden: Die Arbeitszeit. Heisst weiterhin, dass die Arbeit in Deutschland immer teurer geworden ist.
Und genau an diesem Punkt muss angesetzt werden. Auch wenn es schmerzt, muss die Arbeitsleistung in Deutschland günstiger werden, um auf Dauer national und international konkurrenzfähig zu bleiben. Und das ist kein Nachgelaber der Parteien, sondern knallharte Realität. Das kann natürlich nicht nur durch die Erhöhung der Arbeitszeit geleistet werden, vor allem die Verwaltung der Arbeits muss, wie es DUSA-2772 schon ansprach, vereinfacht und verringert werden. Die 40-Stunden Woche flächendeckend wieder einzuführen ist nur ein Schritt in die richtige Richtung.
Ich gehe auf das populistische Gewerkschaftsgerede über die überbezahlten Manager und die bis aufs Letzte ausgebeuteten Angestellten der Großkonzerne erst garnicht ein, sondern erkläre einfach mal die Situation, in der ich mich befinde, was auf mehrere zehntausend andere mittelständische Betriebe übertragbar ist.
In meinem Arbeitsvertrag stehen 40 Wochenstunden und ich bekomme 26 Tage Urlaub pro Jahr (ein Aufschrei geht durch TT). Überstunden werden nicht vergütet.
Im Mai 2002 habe ich dort angefangen. Damit wurde meine "Abteilung" personell um 30% aufgestockt. 2002 war - gegen den Trend - ein relativ gutes Jahr, im September wurden zumindest zwei (die ersten seit 5 Jahren) Azubis eingestellt, die ihre Ausbildung zum IT-Systemkaufmann absolvieren. Welche Flaschen wir uns dadurch ans Bein gebunden haben, ist ein ganz anderes Thema.
2003 dagegen hat uns die Flaute der Wirtschaft und die Panikmache der Politik (Gesundheitspolitik) voll erwischt: 25% Umsatzeinbruch, an Gewinn war nicht zu denken. Personal wurde nicht abgebaut.
2004 hingegen läuft wieder relativ gut, in den ersten beiden Quartalen wurden bereits 80% des Jahresumsatzes 2003 erwirtschaftet. Die Pläne, einen vierten Mann in meiner Abteilung einzustellen, sind sehr konkret. Und das nicht aus sozialen Gründen auf Kosten der Anderen, sondern weil er gebraucht wird.
Auf der anderen Seite hingegen haben sich bis dato bei mir 650 Überstunden angesammelt und ich habe dieses Jahr einen Resturlaubsanspruch von 35 Tagen.
Wo kann man jetzt also die schlauen Gewerkschaftsvorschläge ansetzen? 4-Tage Woche? Arbeitszeitverkürzung? Kurzarbeit?
So wie ich müssen Millionen anderer Arbeitnehmer in mittelständischen Unternehmen die Arschbacken zusammenkneifen. Beklagen sich diese ständig? Sicher nicht.
Ich wage zu behaupten, dass dort noch eine andere Arbeitseinstellung und -Moral herrscht als in den von hauptamtlichen Betriebsräten und Gewerkschaften verhätschelten Großbetrieben sowie Verwaltungen. Ich habe auch beide anderen Seiten miterlebt. In einem Konzern mit 25.000 Mitarbeitern und einer 3.000 Mann starken Stadtverwaltung. Dort wurde am meisten gejammert und am wenigsten gearbeitet. Und genau deshalb bin ich mit meiner momentanen beruflichen Situation recht zufrieden. Ich habe zwar etwas weniger Freizeit, werde aber gebraucht und meine Arbeitsleistung wird anerkannt. Zum jammern und heulen bleibt dabei sowieso keine Zeit.
Und jetzt kommt mir nochmal, dass 40 Stunden Ausbeutung sind und die Freizeit des Arbeitnehmers immernoch das höchste Gut sind. Und nochmal: Ich spreche dabei nicht nur für mich, sondern für viele Millionen andere Arbeitnehmer auch.
Aber solange man die Bildzeitung zitieren kann, ist ja alles in bester deutscher Ordnung.
Stefan