Original geschrieben von: Hamburger Abendblatt, 28.05.2005
Bier für Softies
Neue Sorten, neue Flaschen - aber schmeckt das auch?
Von Bob Geisler
Hamburg - Deutschland verweichlicht. Nein, das zeigt sich nicht an der erschreckend hohen Zahl von kitschigen Lava-Lampen in bundesrepublikanischen Büros. Und es zeigt sich auch nicht an der stark wachsenden Zahl von Männern, die ihr Gesicht statt ins brennende Aftershave lieber in Faltenstopp-Cremes und "Age Refirm"-Produkte tunken.
Was wirklich bedenklich stimmt, ist die Entwicklung auf dem deutschen Biermarkt. Nach der ersten Geschmacklosigkeit namens PET-Flasche hat sich dort in den vergangenen Jahren nun eine neue Getränkevariante breitgemacht. Sie kommt vornehmlich in durchsichtigen Glasflaschen daher und wird wahlweise als "Gold", "Doppelgold", "Sun" "Extra Mild" oder "Plop in mild" bezeichnet.
Allen diesen neuen Biersorten ist gemein, daß sie deutlich weniger bitteren Hopfen als gewöhnliche Biere enthalten und daher wahlweise nach nichts oder fast nichts schmecken.
Von den Marketing-Strategen der Brauereien wird dieses geschmackliche Nirwana freilich mit Begriffen wie einer "angenehm leichten Hefeblume" oder einer "schonenden Hopfung" verbrämt.
Papperlapapp. Wer trinkt schon Bier wegen der "angenehm leichten Hefeblume"? In Szenebars mögen die "Gold"-Varianten ja schwer angesagt sein, für mich muß Bier einfach herb schmecken und den Durst löschen. Basta. Wer ein liebliches Getränk möchte, soll Wein trinken - wenigstens im Norden. Schließlich werden hier seit jeher die Geschmacksnerven darauf trainiert, jedem Hopfenflash standzuhalten.
Besonders traurig stimmt in diesem Zusammenhang, daß die Brauereien mit dem herben Bier auch gleich viele ihrer grünen oder braunen Flaschen ausgemustert haben. Die liebevoll auch "Buddel" genannten Modelle hatten früher durchaus einen praktischen Sinn, sollten sie doch den Inhalt vor Licht und somit vor dem Verderben schützen.
Heute enthält das Klarglas von Beck's Gold & Co. einen UV-Filter. Auch der schützt vor Licht, vor dem Verderben hat er das Bier dennoch nicht retten können.