ZitatOriginal geschrieben von Merlin
Rund 96% aller Käufer eines Smartphones entscheiden sich *gegen* WindowsPhone, welches seit über zweieinhalb Jahren praktisch still steht und sich nur in Randbereichen weiterentwickelt.
Das "praktisch still Stehen" interpretieren nicht alle Leute gleich, abhängig vom Bezugsrahmen und der Erwartungshaltung. Die absoluten Verkaufs- und vermutlich auch die Nutzerzahlen steigen. Sie steigen nicht genug, um von einem durchschlagenden Erfolg zu reden. Stillstand würde ich's andererseits genausowenig nennen. Nokia verkauft heute die Lumias in Stückzahlen, die etwa vergleichbar sind mit denen des iPhone 3G (wenn die Zahlen in der Wikipedia korrekt sind). Natürlich hinkt der Vergleich hinten und vorne - der Markt war damals ein anderer, die Margen pro verkaufter Einheit sind anders und und und. Aber falls die grundlegende Strategie ähnlich ist, also eher auf Wechsler aus Richtung Featurephone zu setzen als auf Smartphone-Systemwechsler, dann ist der Vergleich zumindest angebracht, denke ich. Falls...
Zumindest scheint es so, als sei Windows Phone für Smartphone-Erstkäufer überdurchschnittlich attraktiv. Ich kann mich gut irren, aber den typischen Smartphone-Erstkäufer stell' ich mir eben so vor, daß er den Begriff "grundlegende Funktionalitäten eines Smartphones" etwas anders versteht als z.B. Du, Merlin, daß er eben erstmal keinen Wert legt auf Dinge wie VPN etc.
Interessant wären nach wie vor Zahlen zu den Systemwechslern: Welche Plattform gewinnt oder verliert netto bei den Wanderungsbewegungen der Smartphone-Bestandsnutzer? Wie stark ist diese Wanderungsbewegung insgesamt? Lohnt es sich überhaupt, auf Systemwechsler abzuzielen?
Systemwechsler sind eine schwierige Kundschaft. Sofern sie nicht furchtbar unzufrieden sind mit dem, was sie bisher genutzt haben, lassen sie sich nur mit echtem Mehrwert ködern: mehr Features, mehr Leistung, mehr Apps. Oder günstigerer Preis. Erschwerend hinzu kommt, daß gerade der feature-versessene Poweruser wahrscheinlich schon beträchtliche Summen investiert hat in Kauf-Apps. Investitionen, die er bei einem Plattformwechsel nochmal tätigen müßte, die er also hinzurechnet zum puren Kaufpreis des neuen Smartphones.
Gleich ob Android oder iOS, mittlerweile sind diese etablierten Plattformen ausgereift genug, daß der Anteil der furchtbar Unzufriedenen äußerst gering sein dürfte. Das war zum Zeitpunkt des iPhone-Launches definitiv anders, da haben genug Leute gemault über fuzzelige Bedienelemente, die selbst mit Stylus schwer zu treffen sind, inkonsisten Benutzerführung und was weiß ich. Es war damals nicht wirklich schwer, gegenüber den etablierten Plattformen einen Mehrwert zu bieten - ohne daß ich Apples Anstrengungen in dieser Richtung unterbewerten will. Der Leidensdruck damals war sicherlich größer als heute, entsprechend auch der Anreiz zu wechseln.
Die Featuresets heutiger Smartphones sind einfach wow. Fällt irgendjemand was ein, was wirklich DEN Unterschied machen würde, wär's auf einer neuen Plattform zumindest eine Zeitlang exklusiv verfügbar? Selbst Apple tut sich inzwischen schwer, in einer neuen iOS-Generation noch ein "wow!" unterzubringen. Auch in Sachen Hardware ist's zunehmend schwierig, signifikant Besseres zu präsentieren, das zum Plattformwechsel bewegen könnte, wie harlekyn an anderer Stelle ja schon zutreffend ausgeführt hat..
Erstkäufer zu überzeugen, ist heute sicherlich auch ein Stück schwieriger als zu Zeiten des ersten iPhone. Einerseits wird die Restmenge an Smartphone-Verweigerern immer zäher; an Komplettverweigerer, die "eh nur telefonieren in simsen" wollen, kommt man einfach nicht ran. Andererseits haben heute mehr Erstkäufer die Möglichkeit, sich im Freundes- und Familienkreis Ratschläge zu holen, wobei dann mit hoher Wahrscheinlichkeit genau die Plattform empfohlen wird, die der Ratgebende selber nutzt.
Bleiben noch die Nerds. Leute wie Du, Merlin, oder auch meinereiner, die so ein Smartphone gern auch mal auf Verdacht kaufen, zum Ausprobieren, einfach weil's irgendwie anders ist oder ganz bestimmte Features interessant klingen, selbst wenn erstmal kein konkreter Nutzwert für einen selbst damit verbunden ist. Diese Leute als Zielgruppe zu definieren, macht wenig Sinn, weil zu heterogen. Was genau einen Kaufanreiz bei einem Nerd antriggert, ist individuell so unterschiedlich wie die DNA. Beim einen ist's eine niegelnagelneue Generation SoC, die verbaut wurde. Beim anderen das geile neue Sharp-Display, das er unbedingt mal ausprobieren muß. Beim dritten ist's eher low-tech, ihn reizt nämlich der poppig bunte Polycarbonat-Monoblock, aus dem das Gehäuse gefräst ist. Der vierte ist neugierig auf die wahnsinnigen 41 Megapixel des eingebauten Kameramoduls. Nerds köderst Du mit exklusiven Ausstattungsmerkmalen, die so kein Mitbewerber bietet. Nur: Exklusive Ausstattung treibt meist die Produktionskosten nach oben und zwingt in der Regel zu schnellem Markterfolg, da die Exklusivität von recht kurzer Dauer ist, sofern Du den Wettbewerb nicht wirksam am Nachmachen hindern kannst. Wie stark bei Smartphones der Marktanteil der Nerds ist, weiß ich nicht, schätze ihn aber als zu gering ein, als daß damit ein Blumentopf zu gewinnen wäre.
Langer Rede kurzer Sinn: In meinen Augen schlagen sich Windows Phone und Nokia ganz achtbar. Aber ich bin auch kein Investor, der Rendite sehen will.