Beiträge von schmidt3

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    Original geschrieben von Siemensanier
    Ich merke schon, wir drehen uns im Kreis. Darum auch jetzt wieder die physikalisch / mathematische Wissenschaft als Maßstab. Ich habe schonmal geschrieben, dass ich bei diesen Naturwissenschaften von wirklichen Naturgesetzen und unumstößlichen Zusammenhängen ausgehe.


    Und dieses ist in der Ökonomie nunmal so nicht gegeben. Oder warum werden wissenschaftliche Erfassungsmodelle in diesem Bereich so schnell wie in keiner anderen Wissenschaft überarbeitet / um Faktoren ergänzt / verworfen / oder sonst was. Weil es eben sehr komplexe Abhandlungen sind, die wir vielleicht gar nicht alle richtig mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln erfassen können. Vielleicht hat der berühmte Sack Reis der in China umfällt ja doch ökonomische Auswirkungen auf unser heutiges Wirtschaftsystem. Und sei es auch nur deswegen, weil sein Besitzer beim nächsten Sack besser aufpasst, dadurch zu Wohlstand gelangt und einer der weinigen Chinesen wird, der einen Pass erhällt. Sind nur 5 Millionen pro Jahr bei Mrd. Chinesen. Schonmal was von Chaostheorie gehört. Womit unsere Mathematiker schon lange rumkämpfen, lösen die Ökonomen natürlich mit links!


    Natürlich ist die Ökonomie keine exakte Wissenschaft wie etwa die Physik, sie kann das garnicht sein weil weil ihr Untersuchungsgegenstand großenteils in der Analyse menschlicher Verhaltensweisen besteht. Tatsächlich lassen sich in dieser Analyse jedoch gewiße geradezu gesetzmäßige Verhaltensweisen beobachten, die häufig um so stabiler sind, je größer die Aggregate ausfallen auf die sie sich beziehen. Der zweite Nachteil, den die Ökonomie gegenüber exakten Wissenschaften hat besteht darin, daß ihr i.d.R. Experimente unter Laborbedingungenverwehrt sind. Während ein Physiker seine Versuchsanordnung meist so einrichten kann, daß er Störgrößen isolieren und so vermutete Wirkungszusammenhänge experimentell überprüfen kann, besitzt der Ökonom dies Möglichkeit nicht, sondern ist stattdessen gezwungen, die einzelnen Wirkungszusammenhänge mit den ausgesprochen difizilen Methoden der sogenannten Ökonometrie zu separieren. Einer der von mir erwähnten Institutsleiter, Christopher Schmidt, ist übrigens ein international renommierter Arbeitsmarktökonometriker und weiß somit wohl besser über derartige empirische Zusammenhänge Bescheid als kaum jemand sonst in Deutschland.
    Was Deine Ausführungen zur Ökonomie und zur Mathematik betrifft, so beweisen sie lediglich, daß Du offenkundig noch nie ein modernes Lehrbuch etwa der Mikroökonomie in der Hand gehalten hast. Mathematik ist seit Jahrzehnten die mit Abstand bedeutendste Hilfswissenschaft in der Ökonomie. Tatsächlich sind viele Ökonomen zumindest in den "harten" theoretischen Fächern von Haus aus eigentlich Mathematiker, schlichtweg weil Subdisziplinen wie etwa die Theorie des allgemeinen Gleichgewichts nichts anderes sind als angewandte Mathematik.
    Von der sogenannten "Chaostheorie" habe ich tatsächlich schon gehört, tatsächlich ist neben der Physik und der Meteorologie die Ökonomie der dritte Haupttummelplatz sogenannter "Chaostheoretiker". Anders als Du aber zu glauben scheinst, ist die "Chaostheorie" oder "Chaosforschung" für Mathematiker keine besondere Herausforderung. In ihrem Kern beschreibt sie lediglich die vergleichsweise simple Tatsache, daß Systeme nichtlinearer Differentialgleichungen sich vollkommen unterschiedlich entwickeln können, wenn man den Startpunkt minimal variiert. Solche Resultate waren für Physiker, Klimatologen, Meterologen und auch Ökonomen, die alle Mathematik als zentrale Hilfswissenschaft verwenden, überraschend, für Mathematiker sind sie jedoch ein ziemlich alter Hut. Das hat allerdings alles mit Arbeitsmarktforschung ziemlich wenig zu tun, hier kommen solche nicht-linearen Differnetialgelichungen in der Regel überhaupt nicht zum Einsatz. Dein Einwand ist somit weitgehend sinnleer.


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    Original geschrieben von Siemensanier


    Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir/
    Ich bin die kapitalistische Marktwirtschaft, du sollst keine anderen Modelle haben neben mir!


    Wie sich doch Religionen gleichen können in Ihren Aussagen.


    Die Marktwirtschaft ist unter wissenschaftlichen Aspekten keine Religion, sondern ein vergleichsweise effizienter und sehr ressourcensparender Koordinationsmechanismus, mit dem das Verhalten vieler Millionen von Haushalten und Unternehmen mittels vergleichsweise weniger Informationen, der Preise, aufeinander abgestimmt werden kann. Sobald sich eine Ökonomie über die reine Subsistenzwirtschaft hinaus entwickelt, ist ein solcher Koordinationsmechanismus notwendig. Zu dem marktwirtschaftlichen Koordinationsmechanismus über die Preise existiert als einzig intellektuell überzeugender Gegenentwurf die Koordination über den Plan, d.h. die Planwirtschaft. (Das Faustrecht der Prärie lasse ich einmal außen vor, da es sich als langfristig extrem ineffizent erwiesen hat.) Das hat mit den Eigentumsverhältnissen zunächst einmal garnichts zu tun, es hat sowohl kapitalistische Planwirtschaften gegeben wie auch mit sozialistischen Marktwirtschaften experimentiert wurde. Bei planwirtschaftlichen Ansätzen haben sich in der Vergangenheit die nahezu unendlichen Informationsvoraussetzungen als nachgerade unüberwindbar erwiesen, zumindest solange man am Prinzip der Konsumentensouveränität festgehalten hat. Bei der Erreichung überindividueller Ziele, wie zum Beispiel dem Bau von Pyramiden oder dem Führen von Weltkriegen haben sich planwirtschaftliche Modelle dagegen durchaus bewährt . Wurde die Planwirtschaft auch noch mit einer sozialistischen Eigentumsordnung kombiniert, so kamen evidente Innovations- und Motivationsschwächen hinzu, die meisten Menschen scheinen nicht dauerhaft bereit zu sein, sich für das Gemeinwohl genauso hart ins Zeug zu legen, wie für ihr eigenes. Das Ergebnis dieser kombination waren die weitestgehend gescheiterten staatssozialistischen Experimente des Ostblocks und seiner Anhängsel.
    Ich betrachte die Marktwirtschaft also durchaus nicht als Religion, sondern als einen Koordinationsmechanismus der sich in der Vergangenheit dem alternativen planwirtschaftlichen als überlegen erwiesen hat. Insofern verstehe ich Deinen Vorwurf schlichtweg nicht. Würdest Du einem Ingenieur vorwerfen, daß er die Ansicht vertritt, daß der Otto-Motor unter einer Reihe von Kriterien effizienter arbeitet als eine Dampfmaschine? Das muß natürlich niemanden davon abhalten, irgendwo eine Dampflok zu betreiben. Sind zum Beispiel nur Wasser und Brennholz vorhanden, nicht aber Öl oder Benzin, so mag das ja die richtige entscheidung sein. Ganz fatal wird es allerdings, wenn man so wie Du versucht einen Otto-Motor mitHolz und Wasser zu betreiben, das wird einfach nicht funktionieren. Genauso wenig kann man eine Marktwirtschaft mit all ihren Vorteilen und natürlich auch Nachteilen haben, wenn man versucht zu verhindern, daß ihr Kernstück, der Preismechanismus funktioniert. Und genau das tun Mindestlöhne.

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    Original geschrieben von Siemensanier


    Und genau dieses praktische Fachwissens spreche ich so manchem theoretischen Schönwetterökonomen ab! Denn hätte er selber über einen längeren Zeitpunkt am unteren Ende seiner Lehre mitspielen müssen, würde er ganz schnell versuchen seine Lehre zu reformieren.


    Nach Deiner Logik hätte Newton nur einmal ordentlich vom Baum fallen müssen und wir könnten heute alle fliegen. Denn dann hätte er ja sicher auch ganz schnell versucht, seine "Lehre zu reformieren".

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    Original geschrieben von Siemensanier
    Und es sind doch auch genau diese Ökonomen, die niemals selber für 3,50 oder 4,50 € den buckel krumm machen würden. Aber dennoch weiter Ihre Religion unters Volk bringen. Sehr sehr glaubwürdig, meine Herren Gelehrten. Wie hieß es doch so schön:" Wasser predigen und selber Wein saufen. Wieviel Prozent genau dieser Ökonomen arbeiten denn wirklich produktiv innerhalb eines Wertschöpfungsprozesses?


    Tut mir leid, aber das ist tatsächlich die simple Tonnen-Ideologie des ehemaligen Ostblocks. Dort wurden Dienstleistungen auch nicht in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung aufgenommen weil sie ja keine "echte", wertschaffende Arbeit waren. Das waren nur viele Tonen Kohle-Förderung. Ohne diese Dienstleistungen würde es heute allerdings mit dem Sozilaprodukt der meisten hochentwickelten Volkswirtschaften ziemlich traurig aussehen. Diesen grotesken Arbeiter-und-Bauern-Kult mit zugehörigem Orden "Held der Arbeit" kannst Du also doch nicht wirklich ernst meinen. Ein Arzt kann Dir schließlich auch sagen, daß Dir vier Schachteln Zigaretten am Tag vermutlich nicht gut tun auch wenn er selbst keinen Lungenkrebs hat. :rolleyes:

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    Original geschrieben von Siemensanier


    Dann schau dir mal die internationalen ökonomie Gelehrten an! Und nicht unbedingt nur den nobelpreisstrebenden Mainstream. Es ist außerdem wohl nur schwer zu bestreiten, dass besonders Lehrstühle meist aus dem Mainstream besetzt werden. Und dies besonders auf nationaler Ebene.


    Ich wäre wirklich brennend daran interessiert, einigermaßen ernstzunehmende Ökonomen kennenzulernen, die sich vollständig außerhalb des "mainstreams" also außerhalb der neoklassischen Theorie bewegen. Die wenigen marxistischen Ansätze, die es bis in die 70er Jahre hinein immer wieder gegeben hat, sind tatsächlich vollständig bedeutungslos geworden was nicht allein politische, sondern vor allem theoretische Ursachen hatte. Auch der unter Sozialdemokraten und Linksliberalen einstmals so beliebte Keynesianismus ist schlichtweg von der Realität überholt worden und spielt keine ernsthafte Rolle mehr. Wo bitte ist also die wirtschaftswissenschaftliche Theorie außerhlab des "mainstreams"?


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    Original geschrieben von Siemensanier

    Annahme: Wir kommen durch Wählerentscheid 2009 an den Punkt, dass wir auch in Deutschland an einem politisch gewollten Mindestlohn nicht mehr vorbei kommen? Also dem Beispiel vieler europäischer Nachbarn folgend.


    Wenn dann die ökonmiosche Welt in Deutschland widererwartend nicht untergehen sollte, was meinst du wie schnell der ökonomische Mainstream seine Aussagen zum Mindestlohn anpassen wird.


    Die Welt, auch die ökonomische wird durch eine Mindestlohn nicht untergehen, gar keine Frage. Denn die Welt geht auch dann nicht unter wenn wir statt 3,5 wieder 5 Mio. Arbeitslose haben oder wenn das Wirtschaftswachstum wieder auf weniger als 1% sinkt. Es muß sich nur jeder klarmachen, daß das nicht nur für die Arbeitslosen eine unerfreuliche Angelegenheit ist, sondern auch für jeden einzelnen Arbeitnehmer in Beschäftigung. Denn sie werden zumindest teilweise die höhere Anzahl von Arbeitslosen finanzieren müssen, sei es über höhere Sozialbeiträge oder über höhere Steuern. Dann sinken die Realeinkommen eben nicht mehr um 1% pro Jahr sondern um 2 oder 3%. Tatsächlich geht auch davon die Welt nicht unter. Es wird uns aber allen schlechter gehen als es sein müßte. Es ist kein Weltuntergang, es ist einfach nur unnötig und töricht.


    Herr Bofinger, der seinen Platz unter den Wirtschaftsweisen allein den Gewerkschaften verdankt, spricht sich natürlich in allerdings ziemlich nebulösen Formulierungen für einen Mindestlohn aus. Meines Wissens war er allerdings bisher doch zu vorsichtig, sich auf eine konkrete Zahl festzulegen. Ich vermute allerdings auch, daß Dir nicht ganz klar ist, wo ein Herr Bofinger bezüglich seines wissenschaftlichen Stellenwerts im Vergleich zu einem Sinn oder Snower einzuordnen ist. Der Mann lehrt an der Universität Würzburg. Das ist im wirtschaftswissenschaftlichen Kreisen nun wirklich alles andere als ein Traumjob. Ohne ihm nahe zu treten zu wollen: Die Gewerkschaften mußten schon lange suchen, bis sie jemanden mit Professorentitel gefundenhaben, der bereit war, ihre Positionen zu vertreten.
    Herr Rürup hingegen ist ein durchaus anderes Kaliber und vor allem auch ein ziemlich schlauer Fuchs. Wenn Du genau nachliest, wirst Du allerdings sehen, daß er einen Mindestlohn von 4,50€ fordert. Das entspricht ziemlich exakt dem impliziten Stundenlohn, den ein durchschnittlicher Hartz-IV-Empfänger unter Annahme einer 40-Stunden-Woche erhält. Das kann keinen weiteren Schaden anrichten da wir diesen "Mindestlohn" de facto schon haben. Das ist nichts anderes als die berühmte weiße Salbe auf die geschundene Seele der Sozialdemokratie.


    Was meine "Beratungsresistenz" betrifft, so kann ich nur sagen, daß mich bisher in diesem thread tatsächlich noch kein Argument von meiner Sichtweise abbringen konnte, daß Mindestlöhne (in einer Höhe von deutlich über 4,50) Gift für die Beschäftigung sind. Diese Sicht teile ich mit mindestens 90% der Ökonomen in diesem Land. Bei Gesprächen hinter vorgehaltener Hand allerdings dürfte diese Quote auf mindestens 95% steigen, denn auch Gewerkschaften und gewerkschaftsnahe Organisationen sind für Ökonomen interessante Arbeitsgeber. Daß Mindestlöhne eine sinnvolle beschäftigungspolitische oder auch nur sozialpolitsche Maßnahme sind glaubt eigentlich kaum jemand wirklich, der sich jemals näher mit dieser Materie befaßt hat. Genausowenig wie Du viele Feuerwehrleute finden wirst, die die Idee gutheißen würden, Brände in Zukunft mit Benzin zu löschen.

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    Original geschrieben von BigBlue007
    Ja, das beständige Wiederholen dieses Geseiers macht es allerdings auch nicht zutreffender... ;)


    Ich nehme an, Du hast hinreichende Sachargumente, um die fundierte Meinung von sieben Top-Ökonomen, die jahrelang Volkswirtschaft studiert haben, über Volkswirtschaft promoviert haben,anschließend (bis auf Snower der Amerikaner ist) über Volkswirtschaft habiltiert haben, sich danach gegenüber zahlreichen auch nicht vollkommen verblödeten Konkurrenten im Wettbewerb um Lehrstühle durchgesetzt haben und denen es anschließend immerhin noch gelungen ist, an die Spitze der renommiertesten deutschen Wirtschaftsforschnugsinstitute zu gelangen, als "Geseier" zu bezeichnen.
    Ich habe also die Wahl, der Expertise von sieben ausgewiesenen Fachleuten zu glauben oder der zwar sachlich vollständig unbelegten dafür allerdings unerschütterlichen und vollkommen beratungsresistenten Meinung von BigBlue007. Das fällt mir zugegebenermaßen ziemlich schwer. Wer könnte von diesem Thema wohl mehr verstehen? Auch wenn mir Antwort auf diese Frage nicht ganz leicht fällt, denke ich, ich werde mich wohl den Herren Professoren anschließen, es sei denn Du hast noch irgendwo einen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften herumstehen den Du uns bisher verheimlicht hast.


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    Original geschrieben von BigBlue007


    Man muss sich ja mal fragen, wer dann die ganze Arbeit macht, die dann plötzlich angeblich nicht mehr gemacht werden kann. Was soll das für Arbeit sein, die man dann plötzlich von heute auf morgen nicht mehr braucht, weil sie teurer wird?


    Wie die Nachfrage nach den meisten Gütern, ist auch die Nachfrage nach dem Faktor Arbeit preiselastisch. D.h. wenn etwas teurer wird, dann wird meist weniger davon nachgefragt. Das ist zumindest bei mir so und auch bei 98% der übrigen Bevölkerung. Preisunelatische Güter gibt es nur sehr selten. Die einzigen Güter bei denen die Nachfrage fast volkommen preiseunelastisch ist, sind erfahrungsgemäß Drogen. Nun ist die deutsche Wirtschaft allerdings nicht süchtig nach schlecht ausgebildeten Arbeitskräften. Insofern muß man einfach davon ausgehen, daß auch ihre Nachfrage nach diesen eine deutliche Preiselastizität aufweist. Das habe ich Dir schon weiter oben ausführlich erläutert. Darauf gehen allerdings auch die von Dir so geschmähten Institutsleiter ein. Du kannst ja mal einen Blick auch den verlinkten Aufruf werfen. Dein Argument läßt sich übrigens ganz schnell ad absurdum führen. Wenn die Arbeitsnachfrage preisunelastisch wäre, warum sollte man sich dann mit einem Mindestlohn von 8€ begnügen? Warum dann nicht 20 oder 30€ Mindestlohn?
    Aber ich weiß natürlich, daß man ein Sachargument niemals nachvollziehen wird, wenn man es eben einfach nicht nachvollziehen will. Bei Dir bleibt mir eigentlich nur noch Christian Morgenstern zu zitieren: "Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf." Sei aber bitte nicht zu enttäuscht, wenn sich die Realität nicht an Deine Glaubensgrundsätze hält.


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    Original geschrieben von BigBlue007

    Ich habe es in einem anderen Thread schon mal gesagt und tue es hier nochmal: Ich bin absolut FÜR Mindestlöhne. Und zwar nicht nur, weil es diese in der übergroßen Mehrzahl der übrigen Industrieländer in der einen oder anderen Form ebenfalls gibt, ohne das dort die Welt untergegangen wäre. Sondern auch deswegen, weil ich der grundsätzlichen Überzeugung bin, dass allein die Tatsache, dass irgend jemand für irgend jemand anderen früh seinen Arsch aus dem Bett schwingt, um einen Arbeitstag lang für ihn zu arbeiten - und zwar völlig egal, was - mindestens einen bestimmten Betrag x Wert sein muss. Und dieser Betrag x muss ausreichend sein, dass jemand, der einen Vollzeitjob macht (egal welchen), von seinem Einkommen ein Auskommen zu den in Deutschand zu zahlenden Verbraucherpreisen führen kann.


    In dem anderen Thread, in dem ich dasselbe schon mal gesagt hatte, meinte am Ende irgendeine Nase (weiß nicht mehr, wer es war), man müsse sich von der Idee lösen, dass jeder Vollzeitjob ein ausreichendes Einkommen sichern würde, sprich, es wäre normal, dass es Jobs gäbe, bei denen man so wenig verdient, dass man auf Beihilfen des Staates angewiesen ist. Das ist heute in einigen Branchen und Gegenden der Fall, und genau das kann nicht sein. JEDER Vollzeitjob MUSS ein Einkommen sichern, von dem man leben kann. Wenn das nicht so ist, dann stimmt schlicht und ergreifend das Konzept des Arbeitgebers nicht - so einfach ist das.


    Es mag Dich schockieren, aber wenn sich kein Arbeitgeber findet, der bereit ist, für die Bereitstellung einer bestimmten Arbeitskraft Deinen Betrag x zu zahlen, von dem diese Arbeitskraft das Auskommen hat das Dir vorschwebt, dann ist das in einer Marktwirtschaft tatsächlich so einfach. Dann wird oder bleibt diese Arbeitskraft schlichtweg arbeitslos. Wenn die Löhne derzeit tatsächlich so lächerlich niedrig sind, dann frage ich mich wirklich, warum diese entmenschten Kapitalisten-Vampire (von denen es in "Deiner Welt" ja zu wimmeln scheint) das nicht hemmungslos ausnutzen, um die verarmten Proletarier-Massen nach allen Regeln der Kunst auszubeuten. Offenbar wissen sie selbst zu diesen niedrigen Löhnen nichts mit 3,5 Mio. Arbeitslosen anzufangen. Glaubst Du wirklich, das ändert sich, nur weil man die Löhne gesetzlich höher setzt? Ich bestreite überhaupt nicht, daß es wünschenswert wäre, daß jeder Vollzeitjob ein ordentliches Auskommen garantieren würde. Die Realität ist aber anders, weil ungelernte und schlecht ausgebildete Arbeitskräfte in einer globalisierten Weltwirtschaft mit Milliarden von billigen Arbeitskräften konkurrieren müssen, die nicht nur in China und Indien, sondern eben auch in Rumänien und Bulgarien für fast jeden Lohn arbeiten. Denn anders als in Deutschland gibt es da kein soziales Netz, das die Wahl zwischen einen Job und einer wenn vielleicht auch kärglichen Existenz ohne Arbeit ermöglicht. Übrigens gibt es in Rumänien und Bulgarien auch Mindestlöhne: Sie liegen unter einem Euro. Und an diesem Konkurrenzdruck wird kein Mindestlohn etwas ändern und auch kein Bundeskanzler Lafontaine könnte es. Deutschland als extrem exportorientiertes Land kann sich nicht von der Weltwirtschaft abkoppeln. Wohin derartige Versuche naturgemäß führen, kannst Du in Nordkorea beobachten.


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    Original geschrieben von BigBlue007


    Die Scheinheiligkeit der Arbeitgeber in dieser Branche wurde bei der PIN-Pleite ja überdeutlich sichtbar. Die Bude war im Prinzip schon in die Pleite gefahren, als die ersten Mindestlöhne noch gar nicht gezahlt werden mussten. Mindestlöhne waren ganz sicher nicht das Problem für PIN - und ehrlich gesagt ist es mir persönlich lieber, die ehemaligen Mitarbeiter werden eine zeitlang von unser aller Geld durchgezogen, als dass sie für einen raffgierigen Konzern zu für dieses Land unwürdigen Stundenlöhnen durch die Gegend eiern müssen. Dass Menschen, die ihre Angestellten so bezahlen, morgens überhaupt noch in den Spiegel schauen können... DAS ist der wahre Abschaum unserer Gesellschaft...


    Das sehe ich etwas anders: Der Abschaum der Gesellschaft sind steuerhinterziehende Multimillionäre und ihre ebenfalls gutbetuchten Gewerkschaftsbonzenfreunde, die über politischen Druck irrwitzige Gesetze erzwingen, die Millionen Menschen in der Arbeitlosigkeit halten
    nur um sich und ihrer Klientel lästige Konkurrenz vom Leibe zu halten. Herrn Zumwinkel hat Mindestlohn für Postzusteller über steigende Aktienkurse übrigens direkt 2Mio. € eingebracht, die er auch unverzüglich realisiert hat. Und der Abschaum der Gesellschaft sind die Funktionäre gewißer linksextremer Parteien, die wieder besseres Wissen (so blöd sind die auch nicht) unsinnige Dinge wie Mindestlöhne fordern, weil sie genau wissen, daß ihre politische Zukunft unmittelbar vom Weiterbestehen der Massenarbeitslosigkeit abhängt und so ihr eigenes Klientel schlichtweg verraten und betrügen. Vergleiche doch mal spaßeshalber, den räumlichen Zusammenhang zwischen Arbeitslosenquote und Wahlerfolg der PDS. Daß diese Partei naturgemäß nicht an Vollbeschäftigung interessiert sein kann, liegt auf der Hand, denn diese wäre ihr politisches Todesurteil.

    Aus aktuellem Anlaß hole ich das Thema noch einmal aus der Versenkung. Vorgestern haben die Direktoren und Präsidenten aller(!) sieben großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute einen gemeinsamen Aufruf veröffentlicht, in dem sie Politik und Öffentlichkeit dringend vor der Einführung von Mindestlöhnen warnen. Das ist ein ziemlich einzigartiger Vorgang. Interessanterweise war davon in den Medien fast nichts zu hören.


    http://www.diw.de/documents/do…aufruf_beschaeftigung.pdf


    Ein kleines Zitat: "So oder so – der Mindestlohn führt zu erheblichen Beschäftigungsverlusten. Diese Beschäftigungsverluste sind im Westen unseres Landes erheblich. Im Osten werden sie erschütternde Ausmaße annehmen."


    Ich ahne allerdings, daß auch dieser konzertierte Aufschrei des ökonomischen Sachverstands nichts mehr an dem Irrweg ändern wird, den zu beschreiten, sich eine weistestgehend sozialdemokratisierte Union und eine kopflos der PDS hinterher torkelnde SPD entschieden haben. Der Zug der Lemminge scheint sich eben wirklich nicht aufhalten zu lassen. Bleibt nur zu hoffen, daß wie in letzter Zeit ja immer häufiger, wenigstens die Gerichte den gröbsten Unfug verhindern. :rolleyes:


    Hat ja auch niemand behauptet, daß Du Otto Normalverbraucher bist, obwohl die Frage schon interessant wäre, wo bei Dir massive Abweichungen von diesem Warenkorb auftreten. Aber auch die Gewichte des Warenkorbs sind langfristige Durchschnittswerte und so vielleicht nicht für Dich, aber wohl für den Durchschnitt der Bevölkerung relevant.

    Um nur mal ein paar Fakten in die Diskussion einzuwerfen: Die durchschnittliche Inflationsrate betrug im Jahr 2007 2,2%. Das ist zwar mehr als in den letzten Jahren, im langfristigen Durchschnitt jedoch nicht besonders hoch, im Jahr 1973 um mal einen Extremfall zu wählen, betrug sie mehr als 7%. Daß die Teuerungsrate den Leuten augenblicklich so hoch vorkommt, dürfte vor allem daran liegen, daß derzeit vor allem Güter des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel und Benzin deutlich teurer werden. Andere Posten, wie etwa die Mieten (nicht Nebenkosten!), die mit einem sehr hohen Gewicht in den durchschnittlichen Warenkorb eingehen, sind dagegen in den letzten Jahren nur wenig teurer geworden. Daraus ergibt sich eben ein durchschnittlicher Anstieg der Endverbraucherpreise von "nur" 2,2%. Das ist zwar nicht wenig, aber nochl ange nicht rekordverdächtig und schließt eben auch nicht aus, daß der Preis für einzelne Produkte wie Butter innerhalb von Jahresfrist um 60% zunmmt.