ZitatOriginal geschrieben von Siemensanier
Ich merke schon, wir drehen uns im Kreis. Darum auch jetzt wieder die physikalisch / mathematische Wissenschaft als Maßstab. Ich habe schonmal geschrieben, dass ich bei diesen Naturwissenschaften von wirklichen Naturgesetzen und unumstößlichen Zusammenhängen ausgehe.
Und dieses ist in der Ökonomie nunmal so nicht gegeben. Oder warum werden wissenschaftliche Erfassungsmodelle in diesem Bereich so schnell wie in keiner anderen Wissenschaft überarbeitet / um Faktoren ergänzt / verworfen / oder sonst was. Weil es eben sehr komplexe Abhandlungen sind, die wir vielleicht gar nicht alle richtig mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln erfassen können. Vielleicht hat der berühmte Sack Reis der in China umfällt ja doch ökonomische Auswirkungen auf unser heutiges Wirtschaftsystem. Und sei es auch nur deswegen, weil sein Besitzer beim nächsten Sack besser aufpasst, dadurch zu Wohlstand gelangt und einer der weinigen Chinesen wird, der einen Pass erhällt. Sind nur 5 Millionen pro Jahr bei Mrd. Chinesen. Schonmal was von Chaostheorie gehört. Womit unsere Mathematiker schon lange rumkämpfen, lösen die Ökonomen natürlich mit links!
Natürlich ist die Ökonomie keine exakte Wissenschaft wie etwa die Physik, sie kann das garnicht sein weil weil ihr Untersuchungsgegenstand großenteils in der Analyse menschlicher Verhaltensweisen besteht. Tatsächlich lassen sich in dieser Analyse jedoch gewiße geradezu gesetzmäßige Verhaltensweisen beobachten, die häufig um so stabiler sind, je größer die Aggregate ausfallen auf die sie sich beziehen. Der zweite Nachteil, den die Ökonomie gegenüber exakten Wissenschaften hat besteht darin, daß ihr i.d.R. Experimente unter Laborbedingungenverwehrt sind. Während ein Physiker seine Versuchsanordnung meist so einrichten kann, daß er Störgrößen isolieren und so vermutete Wirkungszusammenhänge experimentell überprüfen kann, besitzt der Ökonom dies Möglichkeit nicht, sondern ist stattdessen gezwungen, die einzelnen Wirkungszusammenhänge mit den ausgesprochen difizilen Methoden der sogenannten Ökonometrie zu separieren. Einer der von mir erwähnten Institutsleiter, Christopher Schmidt, ist übrigens ein international renommierter Arbeitsmarktökonometriker und weiß somit wohl besser über derartige empirische Zusammenhänge Bescheid als kaum jemand sonst in Deutschland.
Was Deine Ausführungen zur Ökonomie und zur Mathematik betrifft, so beweisen sie lediglich, daß Du offenkundig noch nie ein modernes Lehrbuch etwa der Mikroökonomie in der Hand gehalten hast. Mathematik ist seit Jahrzehnten die mit Abstand bedeutendste Hilfswissenschaft in der Ökonomie. Tatsächlich sind viele Ökonomen zumindest in den "harten" theoretischen Fächern von Haus aus eigentlich Mathematiker, schlichtweg weil Subdisziplinen wie etwa die Theorie des allgemeinen Gleichgewichts nichts anderes sind als angewandte Mathematik.
Von der sogenannten "Chaostheorie" habe ich tatsächlich schon gehört, tatsächlich ist neben der Physik und der Meteorologie die Ökonomie der dritte Haupttummelplatz sogenannter "Chaostheoretiker". Anders als Du aber zu glauben scheinst, ist die "Chaostheorie" oder "Chaosforschung" für Mathematiker keine besondere Herausforderung. In ihrem Kern beschreibt sie lediglich die vergleichsweise simple Tatsache, daß Systeme nichtlinearer Differentialgleichungen sich vollkommen unterschiedlich entwickeln können, wenn man den Startpunkt minimal variiert. Solche Resultate waren für Physiker, Klimatologen, Meterologen und auch Ökonomen, die alle Mathematik als zentrale Hilfswissenschaft verwenden, überraschend, für Mathematiker sind sie jedoch ein ziemlich alter Hut. Das hat allerdings alles mit Arbeitsmarktforschung ziemlich wenig zu tun, hier kommen solche nicht-linearen Differnetialgelichungen in der Regel überhaupt nicht zum Einsatz. Dein Einwand ist somit weitgehend sinnleer.
ZitatOriginal geschrieben von Siemensanier
Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir/
Ich bin die kapitalistische Marktwirtschaft, du sollst keine anderen Modelle haben neben mir!
Wie sich doch Religionen gleichen können in Ihren Aussagen.
Die Marktwirtschaft ist unter wissenschaftlichen Aspekten keine Religion, sondern ein vergleichsweise effizienter und sehr ressourcensparender Koordinationsmechanismus, mit dem das Verhalten vieler Millionen von Haushalten und Unternehmen mittels vergleichsweise weniger Informationen, der Preise, aufeinander abgestimmt werden kann. Sobald sich eine Ökonomie über die reine Subsistenzwirtschaft hinaus entwickelt, ist ein solcher Koordinationsmechanismus notwendig. Zu dem marktwirtschaftlichen Koordinationsmechanismus über die Preise existiert als einzig intellektuell überzeugender Gegenentwurf die Koordination über den Plan, d.h. die Planwirtschaft. (Das Faustrecht der Prärie lasse ich einmal außen vor, da es sich als langfristig extrem ineffizent erwiesen hat.) Das hat mit den Eigentumsverhältnissen zunächst einmal garnichts zu tun, es hat sowohl kapitalistische Planwirtschaften gegeben wie auch mit sozialistischen Marktwirtschaften experimentiert wurde. Bei planwirtschaftlichen Ansätzen haben sich in der Vergangenheit die nahezu unendlichen Informationsvoraussetzungen als nachgerade unüberwindbar erwiesen, zumindest solange man am Prinzip der Konsumentensouveränität festgehalten hat. Bei der Erreichung überindividueller Ziele, wie zum Beispiel dem Bau von Pyramiden oder dem Führen von Weltkriegen haben sich planwirtschaftliche Modelle dagegen durchaus bewährt . Wurde die Planwirtschaft auch noch mit einer sozialistischen Eigentumsordnung kombiniert, so kamen evidente Innovations- und Motivationsschwächen hinzu, die meisten Menschen scheinen nicht dauerhaft bereit zu sein, sich für das Gemeinwohl genauso hart ins Zeug zu legen, wie für ihr eigenes. Das Ergebnis dieser kombination waren die weitestgehend gescheiterten staatssozialistischen Experimente des Ostblocks und seiner Anhängsel.
Ich betrachte die Marktwirtschaft also durchaus nicht als Religion, sondern als einen Koordinationsmechanismus der sich in der Vergangenheit dem alternativen planwirtschaftlichen als überlegen erwiesen hat. Insofern verstehe ich Deinen Vorwurf schlichtweg nicht. Würdest Du einem Ingenieur vorwerfen, daß er die Ansicht vertritt, daß der Otto-Motor unter einer Reihe von Kriterien effizienter arbeitet als eine Dampfmaschine? Das muß natürlich niemanden davon abhalten, irgendwo eine Dampflok zu betreiben. Sind zum Beispiel nur Wasser und Brennholz vorhanden, nicht aber Öl oder Benzin, so mag das ja die richtige entscheidung sein. Ganz fatal wird es allerdings, wenn man so wie Du versucht einen Otto-Motor mitHolz und Wasser zu betreiben, das wird einfach nicht funktionieren. Genauso wenig kann man eine Marktwirtschaft mit all ihren Vorteilen und natürlich auch Nachteilen haben, wenn man versucht zu verhindern, daß ihr Kernstück, der Preismechanismus funktioniert. Und genau das tun Mindestlöhne.