Original geschrieben von BigBlue007
Wir werden wirklich auch niemals auf eine Linie kommen... 
Was ist dagegen einzuwenden, wenn gesagt wird, dass eine Arbeit, egal was für eine, einen bestimmten Mindestbetrag x wert ist?
Es kann - und da sind wir vermutlich einer Meinung - selbstverständlich nicht Aufgabe der Politik sein, die Tarifverhandlung zwischen Arbeitnehmer- und -geberseite zu ersetzen. Aber was bitte ist denn so schlimm daran, wenn man sagt, dass jemand, der in Tätigkeit, sondern quasi allein aufgrund der Tatsache, dass er seine Arbeitskraft einem Arbeitgeber zur Verfügung steht, mindestens mit einem Betrag x nach Hause gehen können muss, der ausreichend hoch sein muss, dass er davon in Deutschland und zu den hierzulande üblichen Lebenserhaltungskosten ein halbwegs auskömmliches Dasein führen kann?
Ich sage: Nichts!
Und ich verstehe auch das Gezetere von wegen Konkurrenzfähigkeit usw. nicht. Wenn es einen Mindestlohn gäbe, müssen ihn ALLE zahlen. Wenn ein Frisör dann seine Dumpingpreise anheben muss, dann müssen das alle anderen auch. Und die Leute haben ja dann keinen geringeren Bedarf daran, sich ihre Haare schneiden zu lassen.
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An diesem Punkt müßte man natürlich zuerst definieren, was man unter dem "Wert" einer Ware verstehen möchte. Da gibt es verschieden Möglichkeiten wie z.B. Nutzwert, Tauschwert, Marktwert etc. Bereits im 1. Kapitel von Marx´Kapital findet sich eine hochsophistische Diskussion dieser Frage, die man nur jedem ans Herz legen kann, der eine gewiße Neigung zum intellektuellen Masochismus hat. Letztlich scheint es Dir allerdings um das zu gehen, was man in der Dogmengeschichte unter der Frage nach einem "gerechten Preis" versteht und die bereits im Altertum etwa von Aristoteles diskutiert wurde und vor allem bei den Scholastikern eine zentrale Rolle spielte. Allen Lösungsansätzen gemein ist dabei, daß moralisch Kategorien bei der Bestimmung des Preises eine zentrale Rolle spielen sollten und genau das postulierst Du ja im Grunde auch.
In einer funktionsfähigen Marktwirtschaft haben Preise und damit auch Löhne jedoch die rein effizenzorientierte Funktion, Knappheitsverhältnisse zu signalisieren und Güter und Faktoren so in die Verwendungen zu lenken, in denen sie den höchsten "Nutzen" oder "Ertrag" erzielen. Wenn dies funktioniert zeichnet sich das Endergebnis im Idealfall dadurch aus, daß das erzielte Sozialprodukt maximiert wird, daß also der insgesamt zur Verteilung zur Verfügung stehende Kuchen möglichst groß wird. Dazu ist es notwendig, daß sich die Preise durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage auf einem markträumenden Niveau einspielen bei dem Angebot und Nachfrage nach einem Gut eben gerade übereinstimmen. Legt man nun auf einem Markt, z.B. dem Arbeitsmarkt für gering qualifizierte Arbeitskräfte willkürlich einen Preis fest, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, daß das markträumende Niveau verfehlt wird. Liegt der Preis zu niedrig, so wird mehr nachgefragt als angeboten, liegt er dagegen zu hoch, so verhält es sich gerade umgekehrt. Und genau das ist der springende Punkt. Legst Du auf dem Arbeitsmarkt für gering qualifizierte Arbeitskräfte einen Lohnsatz fest, der über dem markträumenden Niveau liegt, so werden mehr Menschen bereit sein, zu diesem Lohnsatz ihre Arbeitskraft anzubieten als Unternehmen bereit sein werden zu diesem Lohnsatz diese Arbeitskraft nachzufragen. Das Ergebnis ist Arbeitslosigkeit, die neben allen anderen Problemen aus ökonomischer Sicht eine Verschwendung von Ressourcen darstellt. Deshalb kann es in einer funktionierenden Marktwirtschaft nicht darum gehen, einen Preis so festzulegen, daß er die Wünsche und Bedürfnisse der einen Marktseite befriedigt. Wenn die so zustande kommende primäre Einkommensverteilung aus ethisch-moralischen Überlegungen unbefriedigend ist, so muß man überlegen, wie man sie durch Einkommensumverteilungen korrigiert. Dazu gibt es das Steuerwesen und Sozialtransfers. Versucht man jedoch die Einkommensumverteilung durch Eingriffe in die Preisbildung zu erreichen, so verringert man dadurch drastisch die Effizienz des Marktsystems.
Zitat
Original geschrieben von BigBlue007
Es kann schlicht und ergreifend nicht sein, dass jemand 8h am Tag arbeitet und dann trotzdem noch staatliche Beihilfen bekommen muss, weil das Einkommen nicht ausreicht, um selbst grundlegenste Bedürfnisse zu befriedigen. Und wenn das Geschäftsmodell eines Unternehmens nur solange funktioniert, solange Dumpinglöhne gezahlt werden, dann hat dieses Unternehmen keine Daseinsberechtigung und darf dichtmachen - so einfach ist das. Da kann man den (dann ehemaligen) Mitarbeitern dann genauso gut Geld aus den Sozialkassen zahlen, bis sie einen anderen Job finden
Auch hier argumentierst Du wieder nach dem Konzept des gerechten Preises. Für den Preis oder Tauschwert eines Produktes ist es in einer Marktwirtschaft jedoch gänzlich unerheblich, wie hoch die subjektive Anstrengung war, die erbracht wurde, um es zu erstellen. Wenn niemand das Produkt haben will, dann besitzt es keinen Tauschwert. Der Punkt ist jedoch, daß es genügend Produkte und Leistungen gibt, für die Nachfrage bestünde, allerdings nicht zu einem Preis der ihrem Erzeuger ein "angemessenes" Auskommen zu sichern. Deshalb haben diese Produkte oder Leistungen dennoch einen (Tausch)Wert und tragen damit zu einer Steigerung der Sozialproduktes, zu einer Vergrößerung der Kuchens bei. Insofern ist Deine Behauptung, solche Unternehmen hätten keine Daseinsberechtigung eben falsch. Wenn Du eine bestimmte Bevölkerung hast, die zumindest das von Dir postulierte "auskömmliche Dasein" führen muß, dann steigert jeder Euro, der in welcher Tätigkeit auch immer erwirtschaftet wird, das "Güterbündel", das letztlich irgendwie verteilt werden kann. Alle Personen, die nicht in der Lage sind, ihr "auskömmliches Dasein" vollständig aus dem für sie am Markt erzielbaren Einkommen zu bestreiten, dauerhaft in Arbeitslosigkeit zu belassen zu wollen ist nicht nur etwas zynisch, es ist vor allem auch eine Verschwendung von Ressourcen.
Zitat
Original geschrieben von BigBlue007
Übrigens haben 20 von 27 EU-Ländern einen Mindestlohn. Liegen die alle falsch?
Und in den Ländern, die keinen Mindestlohn haben, ist es dann i.d.R. immerhin noch so, dass ein großer Teil der Beschäftigten nach einem Flächentarifvertrag bezahlt werden. In Österreich z.B. gibt es zwar keinen Mindestlohn, dafür arbeiten aber fast 100% nach Tarif. Ähnlich sieht es etwa in Finnland oder Dänemark aus. In Deutschland dagegen arbeiten nur roundabout 60% der Beschäftigten nach einem Flächentarifvertrag, was unter den relevanten Ländern ohne Mindestlohn so ziemlich das Schlusslicht sein dürfte.
Irgendwann muss man auch als Deutscher mal einsehen, dass man nicht alles am besten wissen und machen kann. Wir reden hier nicht über ein ökonomisches Experiment, sondern über etwas, das in der großen Mehrzahl der Industrieländer der Welt seit Langem Normalität ist.
Du solltest allerdings nicht unerwähnt lassen, daß der staatliche Mindestlohn in Bulgarien, Rumänien und Lettland unter 1€ liegt, In Litauen, Estland, Polen, der Slowakei, Ungarn, Tschechien deutlich unter 2€, in Portugal weit unter 3€, in Spanien, Slowenien, Griechenland und Malta unterhalb von 4€. Das Problem liegt ja weniger in einem Mindestlohn an sich, sondern an seiner Höhe. Liegt er unterhalb des markträumenden Lohnsatzes so hat er schlichtweg keine Wirkung, schadet also auch nicht. Wenn man sich die Länder ansieht, in denen ein Mindestlohn auf dem Niveau eingeführt wurde, wie er für Deutschland angedacht wurde, so ist das Ergebnis durchaus unterschiedlich. In Großbritannien oder Irland, scheint die Einführung eines Mindestlohnes der Beschäftigung nur wenig geschadet zu haben. Zum einen wurde er dort aber auch von starken Liberalisierungen am Arbeitsmarkt flankiert, Kündigungsschutzregelungen in unserem Sinne gibt es dort eigentlich nicht mehr. Zum anderen scheint es dort aber auch gelungen zu sein, relativ nahe bei einem martkräumenden Preis zu landen. Darauf deutet hin, daß dort nur ein sehr geringer Anteil der Beschäftigten diesen Mindestlohn erhält, in Irland sind das knapp 5%. Ganz anders sieht die Situation etwa in Frankreich aus. Hier wurde der Mindestlohn offenbar viel zu hoch angesetzt, dort beziehen etwa 20% der Beschäftigten den Mindestlohn und die Schäden für die Beschäftigung waren beträchtlich.