siemensianer: Wenn Du einen Evolutionsbiologen fragen würdest, was den Menschen von anderen Primaten wie etwa Schimpansen unterscheidet, würde er Dir sagen, daß die Hauptunterschiede im Vorhandensein eines Daumens, der komplexe Werkzeugnutzung ermöglicht, und eines Kehlkopfs, der die Artikulation einer differenzierten Sprache zuläßt, bestehen. Das bißchen mehr an Hirnmasse ist dagegen eher vernachlässigbar. Insofern kann die Antwort auf Deine Frage aus naturwissenschaftlicher Sicht nur lauten, daß auch der Mensch eine Art von Tier ist. Diese Sichtweise ist ja auch weder besonders originell noch besonders neu, schon Mephisto sagt: "Er nennts Verstand und brauchts allein, nur tierischer als jedes Tier zu sein".
Was Deine Beispiele aus dem Tierreich angeht, so stammen sie dogmenhistorisch aus dem 19.Jahrhundert und wurden schon vom russischen Fürsten und Anarcho-Kommunisten Kropotkin (ja auch so etwas gibt es) in seinem 1902 erschienenen Buch "Gegenseitge Hilfe in der Tier- und Menschenwelt" über Gebühr strapaziert.
Ob gerade die Insekten "die erfolgreichsten Tiere dieser Evolution" sind (gemessen an welchen Kriterien denn?), darüber könnte man sicherlich diskutieren. Da unter den meisten Insektenarten aber ein extrem harter Konkurrenzkampf herrscht, der häufig auch nicht vor Kannibalismus zurückschreckt, nehme ich einmal an, daß Du dich auf staatenbildende Insekten wie Ameisen und Bienen beziehst, die allerdings eine Sonderstellung einnehmen und die sich tatsächlich häufig nach der Devise "Du bist nichts, Dein Volk ist alles" verhalten. Abgesehen davon, daß gerade das Beispiel eines Ameisenstaats zur Stützung sozialistischer Wertvorstellungen eine gewiße Komik in sich birgt, hat dies seine recht einfache Erklärung in der Tatsache, daß die meisten Mitglieder eines Insektenstaats zum einen nicht fortpflanzungsfähig und zum anderen enge Verwandte sind, was einen Konkurrenzkampf untereinander per se unsinnig macht. Die Aufopferung für das Kollektiv dient hier also ebenfalls einem einzigen eigennützigen Zweck, nämlich dem Fortbestand und der Weiterverbreitung des eigenen Erbmaterials. Die moderne Biologie ist deshalb schon länger dazu übergegangen, im Falle staatenbildender Insekten nicht das einzelne "Individuum", sondern das Volk als ganzes als biologische Entität zu betrachten.
Außerdem scheinst Du den Begriff Konkurrenz in einem sehr eingeschränkten Sinne zu verstehen. Auch Individuen die per se in Konkurrenz um knappe Ressourchen stehen, können natürlich zum gemeinsamen Vorteil kooperieren, z.B. bei der "Mamutjagd". Die Tatsache, daß man zum eigenen Vorteil mit anderen zusammenarbeitet, bedeutet aber durchaus nicht, daß man aufhört seinen eigenen Vorteil zu verfolgen. Auch Marktwirtschaften bestehen ja nicht aus lauter Authisten und Erimiten.
BigBlue007: Auch auf die Gefahr hin, eines zu stark biologistischen Denkens gescholten zu werden, kann ich Deine Hoffnungen auf eine moralische "Besserung" des Menschen auch in ferner Zukunft nicht teilen. Der einzige evolutionäre "Lebenszweck" eines biologischen Organismus besteht nun einmal in der gänzlich eigennützigen Zielsetzung zu überleben, sei es als Individuum oder über den eigenen Tod hinaus als "Kopie" in Form der eigenen Nachkommen. Läßt sich ein Individuum von dieser Zielsetzung ablenken, wird es von der Natur dadurch sanktioniert, daß es selbst verschwindet oder daß es keine Nachkommen hat oder zumindest weniger als seine Konkurrenten. Die Eigenschaften, die dafür verantwortlich waren, daß das Individuum nicht mit aller Macht die Zielsetzung der Selbsterhaltung verfolgt hat, werden so nach und nach verschwinden.
Das schließt aber durchaus nicht aus, daß das Individuum zum Zweck der Existenzsicherung mit anderen kooperiert, ja nicht einmal, daß es Verhaltensweisen entwickelt, die auf den ersten Blick altruistisch und uneigennützig erscheinen. Im Zuge der Evolution haben zumindest die Säugetiere eine Form von Intelligenz entwickelt, die als Empathie bezeichnet wird und die Fähigkeit beschreibt, sich in andere Individuen hineinzuversetzen. Wie neuere Forschungen belegen, findet sich diese Fähigkeit nicht nur bei Primaten, sondern auch bei niedrigeren Säugetieren wie Mäusen. Auf der einen Seite bildet die Empathie die Grundlage für Eigenschaften wie Mitleid, Barmherzigkeit oder Gnade, für die es ja gerade erforderlich ist, sich in den anderen hineinzuversetzen. Zum anderen ist die Empathie natürlich auch die Voraussetzung für Hinterlist, Tücke und Betrug. Um einen anderen übers Ohr zu hauen, muß ich mir ja zumindest vorstellen können, wie er reagieren wird. Und auf dieser Basis ist es natürlich möglich, daß sich auch altruistische Eigenschaften durchsetzen, wenn sie sich für das Individuum als vorteilhaft erweisen. Z.B. kann sich die solidarische Hilfe gegen äußere Feinde für das einzelne Individuum als vorteilhaft erweisen, auch wenn es sich dabei im Einzelfall einer gewißen Gefahr aussetzen muß, um einem angegriffenen Artgenossen beizustehen. Denn per Saldo zieht das Individuum aus der im Notfall zu erwartetenden Unterstützung der Gruppe einen größeren Vorteil. Letztlich kann sich ein solches Verhalten aber natürlich nur durchsetzen wenn es auf einer gewißen Gegenseitgkeit beruht. Und auch das lehrt schon der Augenschein: Gnade mit Gnadenlosen und Mitleid mit Unbarmherzigen sind zumindest auf individueller Ebene in der Realität nur vergleichsweise selten zu beobachten. Fazit: Auch sozial nützliches, altruistisches Verhalten hat im Endeffekt seine Wurzeln im individuellen Eigennutz, "echter" Altruismus ohne Hoffnung auf irgendeine Gegenleistung ist eine eher seltene Verhaltensweise. Und dort wo sie auftritt stehen hinter ihr meist religiöse Vorstellungen, bei denen altruistisches Verhalten zumindest mit spirituellen Vorteilen welcher Art auch immer belohnt wird.