Ich finde es eigentlich ziemlich erstaunlich, wie hier über dieses Thema diskutiert wird und daß sich niemand die prinzipielle Frage stellt, mit welcher Berechtigung der Staat seine Bürger in Friedenszeiten zu Zwangsdiensten heranzieht.
Im kalten Krieg, als ständig mit einer sowjetischen Aggression zu rechnen war, mag die allgemeine Wehrpflicht möglicherweise ihre Berechtigung gehabt haben, da ohne diese eine Truppenstärke von mehr als 500000 Mann wohl kaum zu erreichen gewesen wäre. Inwieweit das aus deutscher Sicht tatsächlich sinnvoll war, lasse ich einmal dahingestellt. Die Tatsache, daß zu dieser Zeit die Bundeswehr in den NATO-Planungen für den Fall eines sowjetischen Angriffs gerade einmal die ersten zehn Tage nach Kriegsbeginn vorkam und daß unsere französischen Freunde ihre atomaren Kurzstreckenraketen auf West(!)deutschland gerichtet hatten, ließ und läßt noch heute in mir die Vermutung aufkommen, daß unsere NATO-Verbündeten fest entschlossen waren, uns bis zu unserem letzten Blutstropfen gegen den Kommunismus zu verteidigen. Aber ich komme vom Thema ab.
Heute ist dagegen kein realistisches Szenario mehr vorstellbar, in dem größere Armeeverbände in Europa eine konventionelle Auseinandersetzung führen würden. Man benötigt einfach keine Heerscharen unzureichend ausgebildeter Panzergrenadiere mehr. Vielmehr braucht die Bundeswehr eine ausreichende Anzahl gut geschulter, gut motivierter, gut ausgerüsteter und auch gut bezahlter Profis, die in der Lage sind, mit den Berufssoldaten anderer Länder mitzuhalten. Nur eine Berufsarmee aus Spezialisten, die sich bewußt für ihren Beruf und damit auch für die Möglichkeit töten und notfalls eben auch fallen zu müssen entschieden haben, stellt ein Instrument dar, das sich auch für die Verfolgung der politischen und wirtschaftlichen Interessen des Landes und nicht ausschließlich zu seiner Verteidigung verwenden läßt. Und genau dafür wird die Bundeswehr bereits heute und in Zukunft sicherlich noch stärker eingesetzt, auch wenn das kein Politiker auszusprechen wagt.
Andererseits ist es der blanke ökonomische Unfug, junge Männer zwangsweise aus ihrer Ausbildung oder ihren ersten Berufsjahren herauszureißen, um sie zu einer Verwendung in Militär- oder Ersatzdienst zu nötigen, zu der sie i.d.R. weder qualifiziert noch motiviert sind. Hierfür sprechen allenfalls fiskalische Gründe. Seinen "Beitrag für die Gemeinschaft" kann jeder viel effizienter leisten, indem er über seine Steuerzahlungen Mittel zur Verfügung stellt, die es dem Staat ermöglichen, qualifizierte Kräfte für die Bereitstellung öffentlicher Leistungen zu bezahlen. Das gilt sowohl für das Militär als etwa auch für die Pflege. Systemkonform für eine marktwirtschaftliche Demokratie sind Zwangsdienste jedenfalls nicht. Es ist kein Zufall, daß eine Wehrpflicht in Friedenszeiten in den für diese Gesellschaftsform archetypischen angelsächsischen Ländern weitgehend unbekannt ist.