@ Erik
Die Erklärung ist nicht besonders einfach, weil es ja gerade nicht darum geht, einfach Leute pauschal irgendwie zu beschimpfen und in eine Ecke zu stellen.
Ich habe einen (erklärten) Neonazi hier aus meinem Ort in Deutschlandfahne eingehüllt gesehen, ich habe Sozialdemokraten mit Fahne gesehen - das ist alles nicht ein und das selbe.
Meine Zitate zur Ablehnung des Nationalismus habe ich bewußt gepostet, weil meine Abneigung gegen Fähnchen- und Fußballpatriotismus mit ihr zu erklären ist. Sicher nicht allein, aber überwiegend. Grundsätzlich finde ich Massenbewegungen bedenklich, weil sie immer eine Dynamik mit sich bringen, die den Menschen erlaubt, im Zweifel (!) ihre niederen Instinke zu aktivieren.
Meine Ablehnung des Fähnchen- und Fußballpatriotismus hat viele Gründe und sie fußen aus grundsätzlichen Überzeugungen, die ich nicht alle darlegen möchte.
Grundannahmen:
1) Es geht nicht überwiegend um Fußball, sondern um ein Gemeinschaftserlebnis
[Es mag ein paar Leute geben, die auch über Fußball diskutieren etc., aber die Mehrheit will sich nach meinem Eindruck in die Nationalfahne wickeln, feiern, saufen usw.]
2) Dieses Gemeinschaftserlebnis findet in der Gemeinschaft "Nation" statt
[Siehe Nationalfahne, sie "Deutschland! Deutschland!"-Rufe etc.
3) Dieses Gemeinschaftserlebnis beinhaltet deshalb die Abgrenzung gegenüber "den anderen" (Türken, Polen, Niederländern... bzw. in der Türkei auch gegen Deutschland usw.) und auch das Potential für Aggressionen
[Hab ich selbst erlebt Wer dem Gemeinschaftserlebnis kritisch oder ablehnend gegenübersteht wird im besten Fall als Spinner abgetan, manchmal beschimpft und im schlimmsten Fall verprügelt. Einige der Reaktionen hier sind dafür m.E. leider ein Beispiel]
4) Es geht über das Gemeinschaftserlebnis hinaus im Identität. Diese wird dadurch ebenfalls über die Zugehörigkeit zu einer Nation definiert, nicht über Werte, Ansichten oder sowas, sondern über die (eigentlich eher formale) Zugehörigkeit zu einer Nation. Es gibt Nazis in Deutschland, es gibt Faschisten in der Türkei, genauso wie es in Deutschland und der Türkei total nette Menschen gibt. Die Zugehörigkeit zu einer Nation wird aber hier zu einem hochrangigen Merkmal - ein zivilisatorischer Rückschritt, wie ich finde.
5) Das alles im Zeitalter der Globalisierung riecht stark nach "Identitätsauffrischung", Formierung in alten Grenzen etc.
6) Derartige Massenereignisse sind insofern politisch, als sie die bestehenden Verhältnisse unterstützen (siehe Merkel im Stadion).
7) Immer wieder wird von den Fahnenträgern selbst angeführt, man dürfe das jetzt endlich wieder. Insofern reiht sich das auch in einen Diskurs über die deutsche Vergangenheit und den Umgang mit ihr ein. In diesem Zusammenhang aber "wieder dürfen" zu wollen und wirklich sehr lautstarken Patriotismus zu leben, halte ich für verfehlt (wenn auch weder für verboten noch automatisch für rechtsradikal).
Ich bin sehr für einen offenen Umgang, ich habe nichts gegen "Deutsche", das ist für mich keine Kategorie. Ich fühle mich aber unwohl, wenn große Mengen das gleiche brüllen, das gleiche anziehen, die gleiche Fahne hissen und dabei i.d.R. jegliche Rücksichtnahme vernachlässigen.
Ich bin sehr dafür, dass Menschen das Verbindende entdecken und feiern, aber das ist für mich nicht die Deutschlandfahne.
Im übrigen kenne ich außer mir noch deutlich mehr Leute, die das ebenfalls kritisch sehen und ich kenne auch Leute, die Angst haben vor denen, die das so extatisch ausleben. In Ostdeutschland haben einige Rechtsradikale das auch genutzt, um zuzuschlagen. Und auch hier in Hessen habe ich erlebt, wie vor meiner Haustür einem einzelnen spanischen Fan hinterhergepöbelt wurde.
Wir brauchen einen Staat, wir brauchen Demokraten, aber wir brauchen keine Nationalisten und keine Patrioten. Starke Menschen brauchen demonstrative und überhöhtes Nationalgefühl nicht, das ist meine Überzeugung.
Im übrigen gibt es viele Arten, sich mit sowas wie Heimat auseinanderzusetzen, die nicht so dumpf ist. Beispielsweise die Heimat-Trilogie von Edgar Reitz...
Am Ende hat es etwas bedrückendes, zu sehen, wie gedankenlos sich viele dem nationalen Taumel anschließen.